Bilder des Artikels: Geschichte einer Radikalisierung


Der Wahhabismus entsteht im 18.Jahrhundert als strenge Glaubensauslegung des Islam und ist bis heute Staatsreligion des saudischen Königshauses, das in den 1920er-Jahren weite Gebiete Zentralarabiens erobert. (© picture-alliance, CPA Media)


Salafismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen hat mehr mit der Moderne und deren Umformungsprozessen als mit islamischer Tradition zu tun. Erst im 20. Jahrhundert entstand der Begriff Salafiyya als Eigenbezeichnung für eine religiöse Strömung bzw. Gruppierung. Zeitgenössischer Salafismus ist demnach nicht, wie von ihm selbst behauptet, "der wahre Islam", sondern eben nur eine Projektion, eine Lesart aus der Neuzeit. Um dies zu verstehen, ist es notwendig, die historischen Entwicklungen in gegebener Kürze zu skizzieren. Hierzu gehören sogenannte islamisch-puritanische Bewegungen des 17. Jahrhunderts sowie die Entstehung des Wahhabismus im 18. Jahrhundert, der als "modernistisch" benannte Reformsalafismus um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und islamistische Ideologien, die ab den 1920er-Jahren auftraten.

Purismus und Wahhabismus
Im 17. Jahrhundert strebte innerhalb des Osmanischen Reiches eine nicht ganz unbedeutende puristische Reformbewegung nach Reinheit im Glauben. Die Qadizadeli-Bewegung bestand aus Predigern, die sich gegen die Amoralität ihrer Zeit wandten. Unmoralisch war in ihren Augen der Genuss von Kaffee, Tabak, Wein sowie Singen, Tanzen und Musik. Den Besuch von Heiligengräbern und deren Verehrung verurteilten sie, weil die Heiligen damit unerlaubterweise in die Nähe Gottes gerückt würden. Auch gab es Konfliktpunkte mit Strömungen der islamischen Mystik, dem Sufismus, der damals dominanten religiösen Tradition. Dagegen setzte die puristische Erneuerungsbewegung die Wiederbelebung der Prophetenüberlieferungen, der Hadithkunde (hadīt).

Was ist ein Hadith?

In den rund zweiundzwanzig Jahren, in denen Muhammad Gottes Botschaften an die Menschen weitergab, hat er sich vielfach zu seinen Offenbarungen und zu den unterschiedlichsten Ereignissen geäußert. Er sprach Empfehlungen, Verbote und Gebote aus oder erläuterte die göttlichen Botschaften. Diese "Aussprüche" oder "Überlieferungen" Muhammads nennt man Hadithe.
All diese Einstellungen, außer vielleicht die Ablehnung des Kaffeegenusses, charakterisieren noch heute die Salafistenszene. Die Hinwendung zum Hadith, zur Prophetenüberlieferung, war und ist eine Möglichkeit, sich gegen die etablierten islamischen Methodenschulen zu stellen. Denn der große Fundus klassischer Hadithsammlungen bietet dem Betrachter Interpretationsspielräume, die dieser ganz im Sinne seiner Absichten ausschöpfen kann, je nachdem, welche Überlieferung er auswählt und in welchen Kontext er sie stellt. Zusätzlich kommt die Schwierigkeit hinzu, dass die Authentizität der Überlieferungen unterschiedlich beurteilt wird.

Die Wissenschaft hat Reformbewegungen wie die Qadizadeli-Bewegung zum einen mit zunehmenden, sich ausdifferenzierenden wechselseitigen Abhängigkeiten innerhalb der muslimischen Gesellschaft erklärt, aber in diesem Zusammenhang auch auf die wachsende Verflechtung der muslimischen mit der europäischen Welt hingewiesen. Andererseits lassen sich Ausbrüche von moralistischem Aktivismus, wie sie im 10. und 11. Jahrhundert einen ersten Höhepunkt hatten, im Laufe der Geschichte immer wieder beobachten.

Der Begründer des Wahhabismus, Ibn Abd al-Wahhab (Muhammad ibn Abd al-Wahhab, 1702–1792), folgte dieser Tradition des moralistischen Aktivismus. Er orientierte sich an Ahmad ibn Hanbal (Ah˙mad ibn H˙anbal, 780–855), dem Begründer der hanbalitischen Schule, der kleinsten der Methodenschulen. Diese bestand auf einer wortgetreuen Auslegung des Korans, lehnte koranische Metaphern ab und unterschied sich in ihrer theologisch-dogmatischen Geisteshaltung von den anderen drei sunnitischen und den schiitischen Rechtsschulen. Diese Elemente wurden Jahrhunderte später Grundlage des Wahhabismus und salafistischer Konstruktionen.

Der Wahhabismus entstand auf der arabischen Halbinsel, im Norden des heutigen Saudi-Arabien. Die Verbundenheit mit dem Königshaus Saud gehört seit dem 18. Jahrhundert bis heute zu den Wesensmerkmalen des Wahhabismus. Sie geht zurück auf einen wechselseitigen Treueeid, den Ibn Abd al-Wahhab und der Emir Muhammad Ibn Saud einander leisteten. Der Pakt zielte auf die Errichtung eines Staates, bei dem der Emir für die politischen, militärischen und Ibn Abd al-Wahhab für die religiösen Angelegenheiten zuständig sein sollten.

Während "Wahhabit" bereits kurz nach Gründung des ersten saudischen Staates im Jahre 1744 von den Gegnern dieser religiösen Neuinterpretation als Schmähbegriff geprägt wurde, bezeichneten sich dessen Anhänger lieber als "Einheitsbekenner" (ahl at-tauhīd). Keinesfalls wollten sie nach einer religiösen Autorität benannt werden, da doch gerade sie nach ihrem Eigenverständnis keine individuelle Auslegung, sondern den einen richtigen, reinen Glauben vertraten.

Muhammad Ibn Abd al-Wahhab entwickelte eine Lehre, deren Kern die rigide Anwendung von Rechtsvorschriften und eine extreme Definition des Monotheismus war. Dies widersprach der Tradition der sunnitischen Rechtsschulen und machte den größten Teil seiner muslimischen Zeitgenossen in seinen Augen zu Ungläubigen. Ibn Abd al-Wahhab bekämpfte einen vermeintlichen Heiligen- und Gräberkult im Volksislam, den Sufismus (mystischer Islam) und die Schiiten. All diesen Glaubensrichtungen und ihren Anhängern unterstellte er Vielgötterei, da ihre Verehrung sich nicht auf Gott allein konzentriere. Der wahre Monotheist müsse den Kontakt mit ihnen vermeiden und sich aktiv gegen sie einsetzen, da er sich sonst auf eine Stufe mit diesen Ungläubigen begebe.

Das von Muhammad Ibn Abd al-Wahhab verfasste "Buch des Monotheismus" (kitāb at-tauhīd) genießt unter Salafisten bis heute hohes Ansehen und ist in deutscher Übersetzung seit 2008 im Internet abrufbar. Die rigide Dogmatik Ibn Abd al-Wahhabs wurde vom Königshaus Saud zur Staatsreligion erhoben. Es sieht sich bis heute nicht nur als Hüter der Kaaba, der Pilgerstätte in Mekka, sondern auch als Statthalter des Islam allgemein.

Der Salafismus der Gegenwart teilt mit dem Wahhabismus das enge Monotheismusverständnis und die damit einhergehende Abneigung gegen Sufis (islamische Mystiker), Schiiten und Nichtmuslime. Auch die strenge dogmatische Ausrichtung und deren Herleitung verbinden ihn mit dem Wahhabismus. Aber die heutigen Salafisten lösen sich auch von der in Saudi-Arabien verbindlichen Orientierung an der hanbalitischen Schule und kündigen zum Teil ihre Loyalität gegenüber der saudischen Monarchie stillschweigend oder sogar ausdrücklich auf. Damit denkt der Salafismus die radikalen Ideen Ibn Abd al-Wahhabs konsequent zu Ende.




Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln