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31.10.2011

Editorial

Christine Hesse

Kaum ein Zeitabschnitt der neuesten Geschichte ist so gut erf­orscht und dokumentiert wie die DDR. Inzwischen beleuchten wissenschaftliche Veröffentlichungen fast jeden Aspekt der SED-Diktatur. Gleichzeitig belegen Umfragen unter Schülerinnen und Schülern eine weit verbreitete Unkenntnis, stößt die Beschäftigung mit der DDR auf relatives Desinteresse in breiten Teilen der Bevölkerung, auch wenn Jahrestage, wie etwa der 50. Jahrestag des Mauerbaus, vorübergehend mediale Aufmerksamkeit auf das Thema lenken.

Wie ist dieser Befund zu erklären? In den inzwischen 21 Jahren seit dem Ende der DDR ist die Bewältigung der Gegenwartsprobleme in den Vordergrund gerückt, die sich auch aus Defiziten der DDR und aus den Herausforderungen des Einheitsprozesses ergaben. Zudem ging bereits in der alten Bundesrepublik das Bewusstsein, auf der angenehmeren Seite des "Eisernen Vorhangs" zu stehen, häufig mit mangelndem Interesse für das andere Deutschland einher. Selbst die westlichen Anhänger des Marxismus-Leninismus sowjetischer Prägung waren kaum bereit, sich auf die "Mühen der Ebene", wie der Schriftsteller Erich Loest den realsozialistischen Alltag nannte, näher einzulassen. Die nachgeborenen Generationen werden dagegen vorrangig durch die innerfamiliär tradierten Erinnerungen und Einstellungen geprägt.

Doch war und ist mit der Wiedervereinigung 1990 das Kapitel DDR und deutsche Teilung nicht abgeschlossen. Schließlich hat die Zeit der Zweistaatlichkeit das Leben der Bürgerinnen und Bürger über vier Jahrzehnte nachhaltig geprägt. Spätestens seit der endgültigen Abriegelung durch den Mauerbau und das todbringende Grenzregime mussten sich die Menschen in der DDR mit dem Herrschaftssystem arrangieren. Anpassung wurde erzwungen und war vielfach erforderlich, um dem eigenen Lebensentwurf zum Gelingen zu verhelfen. Schließlich war ein Ende der herrschenden Verhältnisse nicht abzusehen, und man hatte ja nur das eine Leben.

Mit (äußerlicher) Anpassungsbereitschaft, Gespür, Gewitztheit, Geschick, Engagement und Energie konnten sich viele ein erfolgreiches Leben im DDR-Staat gestalten. Andere dagegen wurden an ihrer individuellen Lebensgestaltung massiv gehindert, wurden ausgegrenzt, verfolgt und zerbrachen an den Zumutungen des staatlichen Repressionsapparates.
Dabei hatten der propagierte Antifaschismus, die Ideale sozialer Gleichheit und die Selbstzuschreibung als das "bessere Deutschland" zunächst durchaus Anziehungskraft entfaltet. Doch in der Instrumentalisierung durch eine Machtelite unter Führung der Staatspartei SED wurden hehre Ziele bald zu hohlen Phrasen. An demokratischer Legitimation mangelte es der DDR von Anfang an.

Was bleibt, ist der "Kampf um die Erinnerung", um die Deutung von 40 Jahren DDR. Diejenigen, die innerhalb des Systems Erfolg hatten, wollen sich ihre Biographie nicht im Nachhinein entwerten lassen. Andere, die es unter Widerstand erfolgreich überstanden, wehren sich gegen das Vergessen ebenso wie die Opfer des Systems, die nach Würdigung und Genugtuung für ihre Leiden verlangen.

Welche Lehren für die politische Bildung lassen sich aus vier Jahrzehnten DDR ziehen? Wichtig ist sicherlich die Erkenntnis, dass ein Staatswesen ohne demokratische Legitimation, ohne Rechtsstaatlichkeit und Achtung der Menschenrechte auf Dauer nicht bestehen kann. Wer seine Bürgerinnen und Bürger bei Todesstrafe daran hindert, das eigene Territorium zu verlassen, hat damit bereits ein eigenes vernichtendes Urteil über sich gesprochen. Gleichzeitig darf das nicht bedeuten, im DDR-Staat gelebtes Leben pauschal zu verurteilen und geringzuschätzen. Das Bemühen gilt vielmehr einem differenzierenden Blick.

Diese Heftausgabe der "Informationen zur politischen Bildung" über die Geschichte der DDR ist chronologisch aufgebaut und will vor allem die inneren Strukturen, Funktions- und Wirkungsmechanismen der Diktatur, Entscheidungshintergründe sowie außenpolitische Bindungen und Abhängigkeiten verständlich machen. Ein zentrales Element ist deshalb die angemaßte, nicht durch Wahlen legitimierte "führende Rolle" der SED im politischen System der DDR, das von ihr angestrebte und über Jahrzehnte ausgeübte ideologisch begründete Machtmonopol in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Darstellung soll zeigen, mit welchen Institutionen, Personen und Wertesystemen die SED-Führung unter Anleitung und mit Hilfe der sowjetischen Besatzungsmacht seit 1945 radikale Veränderungen der Gesellschaft und des Staatswesens durchsetzte und auf welche Weise dieses Gesellschaftsmodell im Herbst 1989 scheiterte. Dabei werden insbesondere politische Aspekte und Elemente der Herrschaftspraxis beschrieben, aber auch die Lebensumstände der Bevölkerung und der Alltag in der Diktatur in den Blick genommen, um auf diese Weise auch die Grenzen der Diktatur sichtbar zu machen.

Christine Hesse
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