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5.11.2002

Annäherung an ein Land im Wandel

Tschechien ist eins der kleineren Länder Europas mit traditionsreicher, lebendiger Kultur. Wirtschaftlich ist es eng mit dem Welthandel und speziell mit den europäischen Nachbarstaaten verbunden. Doch sind die wechselseitigen Beziehungen nicht ohne politisches Konfliktpotenzial, das vielfach historische Wurzeln hat.

Blick aus der Altstadt auf den Weihnachtsmarkt in Prag. (© ddp/AP)


Mit seinen rund zehn Millionen Einwohnern und knapp 80000 Quadratkilometern Grundfläche gehört Tschechien zu den kleineren Staaten in Europa. Trotzdem finden sich viele Aspekte, die das Land und seine Menschen speziell für den direkten Nachbarn Deutschland von Interesse sein lassen, wie etwa seine Kultur, seine Wirtschaft sowie die Schönheiten seiner Landschaften und Städte.

Reisende schätzen die gotischen oder barocken Baudenkmäler Prags sowie seine Jugendstilarchitektur. Ebenso attraktiv sind die gut erhaltenen Zentren kleiner Städte, besonders im Süden des Landes, seine vielen alten Klöster und Burgen. Vielerorts zeigen sich Spuren der jüdischen Kultur Böhmens und Mährens wie jahrhunderte alte Synagogen und Friedhöfe.

Literatur, Musik und Filme aus dem Nachbarland finden weltweite Resonanz. Viele kennen die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk von Jaroslav Hapiek, die Romane Franz Kafkas, die Erzählungen Karel Capeks und die Dichtung Jaroslav Seiferts, der für sein poetisches Lebenswerk 1984 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Musikfreunden sind Bedrich Smetana und Antonín Dvorák ein Begriff oder auch die Prager Jazzclubs. Tschechische Filme haben internationales Renommee wie etwa der 1996 mit einem Oscar ausgezeichnete Film "Kolja" des Regisseurs Jan Sverak, der das schwierige Verhältnis von Tschechen und Russen zum Thema hat. Kinder dagegen lieben Figuren wie den kleinen Maulwurf oder den Wassermann aus der tschechischen Zeichentrickfilmproduktion.

In den letzten zehn Jahren hat sich Tschechien stark verändert. Aus der Tschechoslowakei wurde zunächst eine Tschecho-Slowakische Föderation, am 1. Januar 1993 entstanden zwei unabhängige Staaten, Tschechien und die Slowakei. Auf letztere wird im Folgenden ebenfalls kurz eingegangen.

Seit 1999 ist Tschechien Mitglied der NATO. Und in Kürze wird es zusammen mit anderen Ländern in die Europäische Union aufgenommen werden. Europa dehnt sich nach Osten aus. Und damit wird es wichtiger werden, diesen "Osten" kennen zu lernen.

Vor allem die Hauptstadt Prag bildet einen Anziehungspunkt. Nicht nur Westeuropäer, sondern auch eine große Zahl von US-amerikanischen Staatsbürgern leben zeitweise dort, arbeiten in den Niederlassungen ausländischer Firmen oder lernen an den Universitäten bzw. den Sprachschulen der Stadt. In manchen Cafés im Stadtzentrum überwiegen die in Englisch geführten Unterhaltungen.

Auch deutsche Firmen investieren in größerem Umfang in Tschechien. Ein bekanntes Beispiel ist der erfolgreiche Einstieg des Volkswagen-Konzerns beim tschechischen Autohersteller Skoda in Mladá Boleslav 1991. Der Außenhandel Tschechiens bezieht sich mittlerweile zu über zwei Dritteln auf die Länder der EU.

In den letzten Jahren kam es aber auch zu politischen Spannungen zwischen Tschechien und seinen Nachbarn. In Österreich fanden Demonstrationen gegen das Atomkraftwerk im tschechischen Temelín statt und die Grenzübergänge zwischen beiden Ländern wurden blockiert.

Atomkraftwerk Temelin

Über den Ausbau des AKW Temelin wurde noch während des kommunistischen Regimes im Jahre 1980 entschieden. [...] Ursprünglich sollten in Temelin vier Reaktoren sowjetischer Produktion VVER-1000 installiert werden, jeder mit 1000 MW-Leistung. Der Bau des ersten Reaktorblocks begann 1987. [...] Mit der Inbetriebnahme rechnete man im November 1992.
Trotz der positiven Auswirkungen der Deutsch-Tschechischen Erklärung von 1997 gab es 2002 Kontroversen um einige der so genannten Benes-Dekrete, die gleich nach Ende des Zweiten Weltkriegs, also immerhin vor fünfeinhalb Jahrzehnten, mit dem Ziel verabschiedet wurden, die Vertreibung auf eine rechtliche Grundlage zu stellen.

Die Annäherung an ein Land vollzieht sich häufig über die Beschäftigung mit seiner Geschichte. Manches Phänomen der Gegenwart hat seine historischen Wurzeln. Was von dieser Vergangenheit erzählenswert bleibt, muss jede Generation für sich neu festlegen.

Dieter Segert

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