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6.11.2002

Gesellschaft im Umbruch

Der Systemwandel bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Gesellschaft, sie nähert sich westlichen Erscheinungsformen an. Dazu gehören individuellere Lebensorientierungen, eine größere soziale Unsicherheit und eine wachsende Schere zwischen Arm und Reich. Staatliche Reformen im Bildungs- und Gesundheitsbereich sollen die Sozialsysteme an die gestiegenen Anforderungen anpassen.

Die Karlsbrücke in Prag - Mittelpunkt der Stadt und Attraktion für Touristen. (© ddp/AP)


Einleitung



Die heutige Gesellschaft Tschechiens ist geprägt durch den rasanten Wandel seit 1989. Die Systemveränderungen in Politik, Wirtschaft und in der internationalen Einbindung haben vieles, worauf sich die Menschen mehr als eine Generation lang eingestellt hatten, auf den Kopf gestellt. Zwar ist nicht alles anders geworden, es gibt Konstanten: Die ethnische Struktur und die großen religiösen Gemeinschaften sind im letzten Jahrzehnt im Wesentlichen gleich geblieben. Auch die Siedlungsstruktur, die Proportion, in welcher sich die Bevölkerung auf Gemeinden unter 2000 Einwohner oder auf mittlere bis größere Städte verteilt, unterscheidet sich kaum von der Zeit vor 1989. Deutliche Abweichungen gibt es hingegen in den demographischen Trends. Es werden weniger Kinder geboren und die Altersstruktur der Bevölkerung verschiebt sich zugunsten der älteren Bürgerinnen und Bürger.

Auch das Schulsystem wurde reformiert: Der Bildung kommt heute eine andere Bedeutung für den sozialen Status der Menschen zu. Die Lebensorientierung der einzelnen erfahren im Zuge der wachsenden sozialen Ungleichheit einen Bedeutungswandel.

Trends der Bevölkerungsentwicklung



In der Tschechischen Republik hat sich die Einwohnerzahl gegenüber 1980 kaum verändert: Nach der letzten Volkszählung im März 2001 lebten dort 10,3 Millionen Menschen, davon 51,2 Prozent – mit abnehmender Tendenz – Frauen.

Seit 1991 ist die Zahl der unter 15-Jährigen weiter gesunken: Vor zehn Jahren stellten sie circa 21 Prozent der Bevölkerung, im März 2001 waren es nur noch 16,5 Prozent, während gleichzeitig die Anzahl der über 60-Jährigen von 17,6 auf 18,2 Prozent leicht anstieg.

Die Bevölkerungsdichte lag mit 130 Einwohnern je Quadratkilometer etwas höher als in Ostdeutschland. In Nordböhmen und Nordmähren wohnen die meisten, in West- und Südböhmen die wenigsten Menschen.

Ein Drittel siedelt in Städten mit über 50000 Einwohnern, davon in der Hauptstadt Prag (Praha) 1,18 Millionen. 2,7 Millionen dagegen, und das sind mehr als ein Viertel, leben in Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern. Die Zahl der Gemeinden hat sich seit 1991 um fast zehn Prozent vergrößert. Und im Sommer verschiebt sich die Relation noch einmal zugunsten der kleinen Orte. Dann leben dort nämlich weitere Millionen in ihren Ferienhäusern, die in Tschechien "Chata" heißen.

Steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenraten sind zwei aktuelle demographische Trends in Tschechien, welche die tschechischen Fachleute als Anpassung an moderne Gesellschaften deuten. Im Jahre 1999 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer 71,4 Jahre, die der Frauen 78,1 Jahre. Pro Tausend Einwohner wurden in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre 8,8 Kinder geboren. Die Kindersterblichkeit lag in diesem Zeitraum bei knapp sechs je 1000 Einwohner. Das Heiratsalter der tschechischen Frauen stieg. Es lag in den achtziger Jahren bei 22 Jahren. Auch das Durchschnittsalter der Erstgebärenden verlagerte sich nach hinten. Mittlerweile liegt es bei 27 Jahren. Die Zahl der Eheschließungen pro Tausend Einwohner ist von etwa acht auf einen dem westeuropäischen Trend stärker angenäherten Wert von etwas über fünf abgesunken. Die Zahl der ehelich geborenen Kinder verringerte sich, und mehr Kinder als früher entstammen außerehelichen Verhältnissen. Insgesamt hat sich die Kinderzahl pro Frau von leicht unterhalb von zwei in den achtziger Jahren auf 1,2 verringert, womit sie niedriger liegt als in den Nachbarländern (Polen: 1,5, Ungarn und Slowakei: 1,4).

Tschechische Bevölkerungsexperten haben prognostiziert, dass bei einem Andauern dieses Trends die Einwohnerzahl des Landes von derzeit zehn Millionen bis zum Jahre 2020 auf voraussichtlich 9,7 Millionen zurückgehen könnte.

Zur Erklärung der "Geburtenzurückhaltung" junger Paare verweisen Soziologen auf die gestiegenen sozialen Risiken nach 1989 und auf die angespannte Wohnungslage: So hatten mehr als ein Drittel der Bevölkerung im Alter von 25 bis 29 Jahren Mitte der neunziger Jahre keine eigene Wohnung. Diese Alterskohorte wurde besonders stark vom Rückgang des Wohnungsbaus nach 1990 betroffen. Während 1990 noch 44000 Wohnungen übergeben wurden, waren es 1995 weniger als 13000. 1999 stieg die Zahl der jährlich fertiggestellten Wohnungen wieder auf 22000, was jedoch für den aktuellen Bedarf nicht ausreicht.

Religionszugehörigkeit



Die religiösen Gemeinschaften verzeichnen seit Jahren einen drastischen Mitgliederschwund. Während 1991 die Zahl der Konfessionslosen bei 39,9 Prozent lag – das war damals die höchste Rate in einem osteuropäischen Land –, waren es am 1. März 2001 58,3 Prozent.

Der Anteil derjenigen Bürgerinnen und Bürger, die einer Religionsgemeinschaft angehören, sank von 44 auf 32 Prozent. Dabei zeigen sich deutliche regionale Unterschiede. In einigen Bezirken Nordböhmens gehören weniger als 15 Prozent der Bevölkerung einer Religionsgemeinschaft an, während es in den Kreisen Südmährens bis zu zwei Drittel der Bevölkerung sind. In Prag beträgt die Zahl der Gläubigen 24 Prozent, die der Konfessionslosen 65 Prozent. Ähnliche Trends sind in Westeuropa zu beobachten, wobei eine atheistische Grundhaltung während der Zeit des Sozialismus diesen Prozess auch forciert haben mag.

Besonders stark sank der Anteil der Angehörigen der römisch-katholischen Kirche: von 39 auf 26 Prozent.

Charakteristika des Bildungswesens



Im Unterschied zur Zeit vor 1989 lohnt sich Bildung heute für den einzelnen auch individuell. 1988 verdiente ein Facharbeiter im Durchschnitt 95 Prozent des gesellschaftlichen Durchschnittslohnes, ein Hochschulabsolvent 134 Prozent. 1996 war der Unterschied ausgeprägter: Nunmehr bekam ein ausgelernter Arbeiter 88 Prozent des Durchschnittseinkommens, ein Hochschulabsolvent mit 165 Prozent fast das Doppelte.

Seit 1989 wurden auf politischer und institutioneller Ebene Reformen des Bildungssystems durchgeführt. Auf politischer Ebene lockerte sich die Kontrolle über die Lehrplangestaltung. Inhaltliche Veränderungen betrafen die gesellschafts- und geisteswissenschaftlichen Fächer, aber auch den Sprachunterricht. Die alleinige Orientierung auf Russisch als Fremdsprache wurde aufgegeben. Englisch, Französisch und Deutsch rückten in den Mittelpunkt.

Mitte der neunziger Jahre wurde die Grundschulzeit auf neun Jahre verlängert. Nach 1989 wurden einige neue Schultypen eingeführt und deren Übergänge zueinander verändert. Auf den Abschluss der Grundschule folgt entweder der Besuch von handwerklich ausgerichteten Berufsfachschulen (Strední odborná uciliste/ SOU), die in der Regel nach drei Jahren mit einer Gesellenprüfung abschließen, oder aber der Besuch einer Fachoberschule (Strední odborná skola/SOS) bzw. eines vierjährigen Gymnasiums. Auf der Mittleren Fachschule erwerben die Schülerinnen und Schüler nach vier Jahren das Fachabitur. Eine Alternative zum vierjährigen Gymnasium stellen die mehrjährigen Gymnasien dar, auf die die Kinder nach der vierten Klasse der Grundschule wechseln können, wenn sie eine entsprechende Aufnahmeprüfung bestehen.

Vor 1989 hatten 60 Prozent der betreffenden Altersjahrgänge eine SOU besucht. Ihre Zahl fiel danach auf etwa 45 Prozent, von denen ein Teil nach zusätzlichen Schuljahren das Abitur ablegte. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler an den SOS stieg dagegen um ein Drittel und erreichte knapp 40 Prozent. An Gymnasien lernten circa 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs. Die Belegzahl der Gymnasien hat sich seit 1989 stark erhöht, bis 1997/98 um 28 Prozent.

Tschechisches Schulsystem

Zu den institutionellen Neuerungen gehören die privaten, darunter kirchlichen Schulen. Die Kirche hat sich in Tschechien bisher auf die Einrichtung von Gymnasien konzentriert, während andere private Schulen vor allem im Bereich der Fachoberschulen entstanden sind. 1996/97 waren 40 Prozent aller SOS Privatschulen.

Das Bildungssystem wandelte sich jedoch nicht gänzlich. Geblieben ist die geringe Bezahlung der Lehrkräfte. Sie verzeichneten gegenüber 1989 sogar eine weitere Verminderung ihres Einkommens: Während der Lohn für eine Beschäftigung an der Mittelschule 1988 116 Prozent des damaligen Durchschnittslohns ausmachte, betrug er 1996 nur noch 109 Prozent des aktuellen Durchschnitts. Bei Grundschullehrern fiel der Lohn von 108 Prozent (1988) sieben Jahre später auf 94 Prozent und damit unter den Durchschnittslohn.

Auch im Hochschulwesen gab es neue Ansätze. Insgesamt 23 Universitäten wurden außerhalb der traditionellen Standorte Prag, Brno und Olomouc gegründet, so etwa in Cheb, Opava und Pardubice. Die Zahl der tschechischen Studierenden stieg von 96000 1990/91 auf 157000 1999/2000. Verglichen mit anderen OECD-Ländern ist das nicht sehr viel. Der Hochschulzugang wird in Tschechien über Aufnahmeprüfungen reguliert.

Neben den Universitäten gibt es eine neue Hochschulausbildung, das Studium an den Höheren Fachschulen (Vyssí odborné skoly). Diese VOS kann man mit deutschen Fachhochschulen vergleichen. Hier studierten 1999/2000 über 30000 junge Leute, die für ihr Studium Gebühren entrichten müssen, während das Universitätsstudium bisher kostenlos ist.

Die Ausgaben der Tschechischen Republik für Bildung betragen zwischen vier und sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Tschechische Experten halten diese Ausgaben für zu niedrig. Der Mittelwert aller OECD-Länder liegt bei knapp zehn Prozent des BIP. Im Bereich der SOS wurde in den letzten Jahren mehr ausgegeben, die Ausgaben für Universitäten stagnieren. Zwar betrug der nominelle Anstieg der Bildungsausgaben zwischen 1989 und 1997 über 300 Prozent, aber das war gemessen an der wachsenden Zahl von Studierenden und bereinigt um die Inflationsrate in diesen Jahren eher Stillstand.

Merkmale des Gesundheitswesens



Neben dem Bildungswesen kommt in modernen Gesellschaften der Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems entscheidende Bedeutung zu. Auch hier veränderte sich seit 1989 einiges: 1993 wurde ein neues System zur Finanzierung der Gesundheitsausgaben eingeführt. Der Staat übergab diese Aufgaben an öffentliche und private Krankenkassen. Ein anderes Beitragssystem entstand, nach dem die Beiträge für die Kassen zu einem Drittel durch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und zu zwei Dritteln durch die Arbeitgeberseite finanziert werden. Trotzdem werden heute immer noch Beiträge für über 50 Prozent der Berechtigten (für Kinder, Auszubildende, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger) aus dem Staatshaushalt beglichen. Neben einer Allgemeinen Krankenkasse, die Mitte 2001 für circa zwei Drittel aller Bürgerinnen und Bürger zuständig war, existieren acht spezialisierte Branchenkrankenkassen.

Auch bei den Trägern der Leistungen hat sich eine Unterteilung in einen öffentlichen und einen privaten Bereich ergeben. Knapp 40 Prozent der Ärzteschaft sind gegenwärtig noch in der öffentlichen Gesundheitspflege (bei leicht abnehmender Tendenz), die restlichen im privaten Gesundheitswesen tätig. Die Bürger und Bürgerinnen können ihren behandelnden Arzt frei wählen, sofern dieser einen Vertrag mit ihrer Krankenkasse hat.

Einige weitere statistische Daten, die für einen internationalen Vergleich geeignet sind: Pro 100000 Einwohnern gab es 1999 in Tschechien 298 Ärzte und 61 Zahnärzte. Das sind etwas weniger als in Deutschland, aber erheblich mehr als in Großbritannien. Nach einer Rangfolge, die im World Health Report 2000 der Weltgesundheitsbehörde (WHO) veröffentlicht wurde, befindet sich Tschechien bei den Gesundheitsausgaben pro Kopf auf dem 40. Platz, nach der Leistungsfähigkeit seines Gesundheitswesens auf dem 48. Platz. Damit nimmt es in der Gruppe der Transformationsländer eine gute Position ein. Die Gesundheitsausgaben machen neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Deutschland verwendet gegenwärtig etwa 10,5 Prozent seines BIP für das Gesundheitswesen.

Über die Landesgrenzen hinaus beliebt sind die Kuren in den Heilbädern West- und Südböhmens. Von den 240000 Patientinnen und Patienten, die diese Bäder 1999 besuchten, kamen über 70000 aus dem Ausland.

Arbeitsmarkt und Einkommensentwicklung



Mit dem Herbst 1989 eröffneten sich ganz andere Möglichkeiten der Lebensplanung und beruflichen Entwicklung. Das Tempo im alltäglichen Leben beschleunigte sich erheblich. Das Bestreben nach Herstellung sozialer Gleichheit wich einer Tendenz zur sozialen Ausdifferenzierung. Die Koordinaten der Sozial-, Gesundheits- und Bildungspolitik veränderten sich. Neue Institutionen entstanden und gewannen an Bedeutung wie etwa die Börse und das Arbeitsamt.

1991/92 schieden viele Erwerbstätige aus der aktiven Beschäftigung aus, die Zahl der Beschäftigten im tschechischen Landesteil sank von 5,4 Millionen (1990) auf 4,8 Millionen (1992). Die Hälfte der aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Personen hatte das Rentenalter bereits erreicht oder überschritten. Daneben wurden Beschäftigte entlassen, deren Institutionen aufgelöst worden waren. Es traf aber auch Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen weniger leistungsfähig waren. Schließlich traten viele Frauen aus dem Erwerbsleben aus. Von 1991 bis 2001 reduzierte sich der Anteil der erwerbstätigen Frauen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen des Landes von fast 50 auf etwas über 40 Prozent.

Der wirtschaftliche Strukturwandel, charakterisiert durch ein Zurückfallen von Landwirtschaft und Industrie sowie ein Anwachsen der Dienstleistungen, führte dazu, dass viele Menschen ihren Betrieb und Beruf wechselten. Der Privatsektor bildete sich im Verlaufe der kleinen Privatisierung und der Restitutionen zuerst in Form von Kleinunternehmen heraus. Im Frühjahr 1992 hatten schon neun Prozent der Beschäftigten dort Arbeit, Ende 1997 waren es zwölf Prozent. Für die abhängig Beschäftigten entstand damit ein dynamisches Arbeitsmarktsegment. Die Beschäftigungschancen sind aber auch mit spezifischen Risiken verbunden: Die Arbeitsplätze sind nicht sicher, die Löhne sind niedrig, teilweise unterlassen es die Arbeitgeber, Renten- und Krankenbeiträge für die Beschäftigten zu zahlen. In diesem Bereich werden häufig osteuropäische Ausländer "schwarz" beschäftigt.

Mit der Marktwirtschaft traten Arbeitslosenversicherung, Arbeitsämter, Arbeitslosengeld und Angst vor Arbeitsplatzverlust ins Leben der Tschechen. 1991 stieg die Arbeitslosenrate im Landesdurchschnitt auf 4,1 Prozent, fiel im nächsten Jahr auf unter drei Prozent, um dann bis 1996 auf diesem Niveau zu verharren. Danach wuchs sie bis 1999 rapide auf etwa neun Prozent. Von leichten Schwankungen abgesehen blieb dieser Wert bis zum Jahr 2002 konstant. Damit hat Tschechien eine Arbeitslosenrate, die im Durchschnitt der EU-Staaten liegt und niedriger ist als in einigen anderen osteuropäischen Staaten.

Bei der Einschätzung der sozialen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit ist zu berücksichtigen, dass das Arbeitslosengeld in Tschechien geringer ausfällt als in Deutschland. Es liegt zwischen 20 und 40 Prozent des sowieso relativ niedrigen Durchschnittslohns. Nicht alle Arbeitssuchenden erhalten Arbeitslosengeld: In Tschechien waren es 1999 nur gut 40 Prozent der 490000 Arbeitslosen.

Regionale Arbeitslosenquoten

Die Arbeitslosigkeit ist regional unterschiedlich ausgeprägt. In Prag lag sie im Sommer 2001 bei etwas über drei Prozent, während sie zur gleichen Zeit in Nordböhmen und Nordmähren zwölf bis 15 Prozent betrug. Wohnortwechsel, um Beschäftigungschancen zu erhöhen, sind wegen des knappen Wohnungsangebots – zum Beispiel in Prag – kaum möglich.

Bestimmte Bevölkerungsgruppen sind vom Risiko, arbeitslos zu werden, besonders betroffen. Dabei handelt es sich um wenig qualifizierte Personen, Jugendliche bis 19 Jahre, Frauen mit kleineren Kindern, Behinderte. Eine besondere Risikogruppe stellen die tschechischen Roma dar, die nach Schätzungen mindestens zu 70 Prozent arbeitslos sind.

Ungleichgewichtige Einkommensverteilung

Die soziale Ausdifferenzierung der Gesellschaft, die während des osteuropäischen Systemwechsels entstanden ist, wird häufig mit dem Bild von Gewinnern und Verlierern beschrieben. Beim Einkommen der tschechischen Haushalte hat 1992 bis 1993 folgende Dynamik eingesetzt: Die oberen Einkommen entwickelten sich schneller als das Durchschnittseinkommen, während die unteren Einkommen langsamer stiegen. Dadurch ergab sich eine Einkommensschere. Die Ungleichgewichte in der Einkommensverteilung entsprachen bis 1996 in etwa den Verhältnissen in Deutschland und Österreich, sie fielen aber geringer aus als in Großbritannien oder den USA.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass das durchschnittliche Realeinkommen in Tschechien in den ersten Jahren nach 1989 deutlich gesunken ist. 1991 erreichte es gegenüber 1989 mit 70 Prozent seinen Tiefststand und gelangte erst 1996 wieder auf 100 Prozent. Insofern bedeutet das langsame Steigen der Einkommen in den unteren Einkommensgruppen in Realität einen Rückstand gemessen am früheren Lebensniveau. In einem Punkt herrscht heute ohne Zweifel mehr Gerechtigkeit: Eine höhere allgemeine und berufliche Bildung wird stärker als vor 1989 honoriert.

Wirtschaftliche Initiative ist erwünscht und lohnt sich. Neben der kleinen Gruppe der Reichen sind einige Gewinner aus dem Transformationsprozess hervorgegangen. Sie haben eine Qualifikation anzubieten, nach der Nachfrage besteht.

Differenzierungen ergeben sich aus der geänderten Gewichtung der verschiedenen Wirtschaftszweige. Die Landwirtschaft ist die Verliererin und die Finanzwirtschaft die Gewinnerin der Wende. 1989 erhielten die Beschäftigten in der Landwirtschaft 108 Prozent des Durchschnittseinkommens, 1997 waren es weniger als 80 Prozent. In der Finanzwirtschaft stiegen die durchschnittlichen Einkommen im selben Zeitraum von 98 auf 175 Prozent.

Stellung der Frauen



Die Stellung der Frauen im letzten Jahrzehnt war durch die Lage der tschechischen Familien sowie durch den Arbeitsmarkt in einer sich transformierenden Gesellschaft bestimmt. Die meisten tschechischen Frauen befinden sich in Vollzeitarbeitsverhältnissen, die nur durch Schwangerschafts- und Elternurlaub unterbrochen werden, während nur acht Prozent unter Teilzeitbedingungen arbeiten. Frauen stellten Ende der neunziger Jahre insgesamt circa 44 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Der hohe weibliche Beschäftigungsgrad ist in der wirtschaftlichen Situation der tschechischen Familien begründet, denen ein Einkommen allein nicht ausreichen würde und entspricht dem dortigen weiblichen Selbstverständnis.

Die Lage der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zeichnet sich trotz der im Verlaufe der neunziger Jahre erlassenen Anti-Diskriminierungsgesetze durch ausgeprägte Ungleichheiten aus. Auch wenn tschechische Frauen allmählich in traditionelle Männerdomänen eindringen, ist der Arbeitsmarkt weiterhin durch eine Segregation nach Geschlecht gekennzeichnet. Frauen arbeiten vornehmlich im Gesundheits- und Bildungswesen, in Privathaushalten, im Handel und in der Verwaltung. In diesen am schlechtesten bezahlten Bereichen sind überdies die Mehrzahl der leitenden Funktionen durch Männer besetzt. Der Anteil der Frauen an Leitungspositionen ist gegenüber dem der Männer nur halb so groß, die Spitzenpositionen großer Unternehmen wurden nur zu vier Prozent an Frauen vergeben. Frauen verdienen etwa 73 Prozent vom Durchschnittsgehalt der Männer, wobei sich das Verhältnis in den letzten Jahren weiter zu ihren Ungunsten verändert hat. Frauen sind von Arbeitslosigkeit in höherem Ausmaß betroffen, seit 1995 verdoppelte sich ihre Arbeitslosenquote. Die Frauenarbeitslosigkeit stieg bis 2000 von 4,8 auf 10,6 Prozent, während bei den Männern 1995 3,4 Prozent und im Jahre 2000 7,3 Prozent arbeitslos waren.

Ungeachtet der hohen beruflichen Belastung der Frauen – bei Vollzeitstellen beträgt die wöchentliche Arbeitszeit 42,5 Stunden – müssen überwiegend sie die Hausarbeit erledigen und die Kinder versorgen. In Tschechien arbeiten die Frauen im Durchschnitt 25 Wochenstunden im Haushalt. Auch wenn seit 1995 die Möglichkeit eines Elternurlaubs eingeführt worden ist, durch den auch die Väter zu Hause bleiben können, ist dies nur von einem geringen Teil auch tatsächlich genutzt worden. Die Frauen wiederum, die im Schwangerschafts- bzw. Elternurlaub angesichts des sehr niedrigen Unterhaltsbetrags von 2552 tschechischen Kronen (etwa 75 Euro) vom Einkommen ihrer Partner abhängen, dürfen nur wenig dazu verdienen. Dadurch wird die berufliche Laufbahn unterbrochen und ihnen erwachsen weitere Nachteile bei der beruflichen Wiedereingliederung. Deshalb kehren Frauen oft noch vor dem Ende des Mutterschaftsurlaubs zur Arbeit zurück.

Viele junge Frauen verschieben die Gründung einer Familie, auch deshalb, weil der Staat für junge Familien kaum Bedingungen geschaffen hat, Beruf und Familie miteinander zu verbinden. In den neunziger Jahren gehörten gerade junge Familien mit Kindern zu der Gruppe, die am meisten von Armut bedroht war.

Im letzten Jahrzehnt wurde der Zugang zur Hochschulbildung in Tschechien erschwert. Weil die Zahl der Studienplätze limitiert wird, gelang es durchschnittlich nur einer von drei studienwilligen Frauen, angenommen zu werden. Diese Tatsache kennzeichnet eine der Ungleichheiten innerhalb der tschechischen Gesellschaft, die damit auch im innereuropäischen Bildungsvergleich riskiert, auf die hinteren Ränge zurückzufallen.

In der tschechischen Gesellschaft wurde in den neunziger Jahren die Situation der Frauen kaum thematisiert. In der Politik sind sie unzureichend vertreten: Im Jahr 2001 waren nur neun Prozent der Senatoren weiblich. Bei den Wahlen 2002 schafften 34 Frauen (17%) den Sprung in das Abgeordnetenhaus. Der neu gebildeten Regierung unter Ministerpräsident Vladimir Spidla gehören zwei Ministerinnen an. Auch wenn am Beginn des Jahrzehnts gemeinnützige Frauenorganisationen entstanden, ist ihr Einfluss gering geblieben. Alle Fortschritte, die auf dem Gebiet der Gleichbehandlung erreicht worden sind – etwa entsprechende Ausschüsse in Ministerien oder Regelungen des Arbeitsrechts –, wurden nicht deshalb realisiert, weil die tschechische Gesellschaft darauf gedrängt hätte, sondern weil die EU diese Veränderungen zu Voraussetzungen für den Beitritt Tschechiens erhoben hat.

Situation der Minderheiten



Die Tschechoslowakei war bis 1945 ein Staat mit drei großen ethnischen Gruppen und einer Reihe kleinerer Minderheiten. Nach 1946 – nach der Vertreibung der Deutschen, der Abtrennung der Kaparto-Ukraine und des politisch gewollten Austauschs von ethnischen Gruppen zwischen Ungarn und dem slowakischen Landesteil – dominierten die Tschechen und Slowaken. Allerdings blieb in der Südslowakei eine größere ungarische Minderheit bestehen.

Die 1993 gegründete Tschechische Republik hat neben der tschechischen Bevölkerung nur noch einige zahlenmäßig kleine Minderheiten, wenn man von einer eigenständigen mährischen Identität absieht, also von Tschechen, die sich in der Volksbefragung 1991 als Mährer bezeichneten.

Ethnische Zugehörigkeit nach den letzten Volkszählungen

Nach der letzten Volkszählung 2001 definieren sich 90 Prozent der Bevölkerung als Tschechen. 3,6 Prozent als Mährer, also als Einwohner Mährens, 0,1 Prozent als Schlesier, also Einwohner Mährisch-Schlesiens. Der Rest sind ethnische Minderheiten. 1,8 Prozent verstehen sich als Slowaken, die anderen Gruppen haben zahlenmäßig kaum Bedeutung. Der Anteil der Polen ist auf 0,5 Prozent gesunken. Gegenüber 1991 zählen sich ein Viertel weniger, nämlich 38000 oder 0,4 Prozent der Bewohner Tschechiens zu den Deutschen. Als Roma bezeichneten sich 2001 nur noch 12000 Menschen (0,1 Prozent), allerdings ist in diesem Falle zu vermuten, dass sie sich aus Furcht vor Diskriminierung so verhalten. Nach Schätzungen sind nämlich circa 300000 Tschechen ihrer Abstammung nach Roma.

Im Vergleich zur Ersten Republik, in der die Tschechen nur knapp die Mehrheit der Bevölkerung bildeten, überwiegt ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung mittlerweile eindeutig.

In den Fortschrittsberichten der Europäischen Kommission für die Jahre 2000 und 2001 wurde die Situation der nationalen Minderheiten insgesamt als befriedigend angesehen, mit Ausnahme der Lage der Roma. Von denjenigen, die sich nach wie vor als Mährer (im Unterschied zu den Tschechen) betrachten, einmal abgesehen, stellt die slowakische Bevölkerungsgruppe heute die größte Minderheit. Es bestehen kaum Spannungen zwischen Slowaken und ihren Mitbürgern in der Tschechischen Republik. Durch ein neues Staatsbürgerschaftsgesetz, das 1999 verabschiedet wurde, können Bürgerinnen und Bürger der Tschechischen Republik auch die slowakische Staatsbürgerschaft besitzen. Es gibt einige Minderheitenorganisationen und drei von der Regierung finanziell unterstützte Zeitschriften und Magazine in slowakischer Sprache. Slowakischer Sprachunterricht findet an tschechischen Schulen dagegen kaum statt.

Polen

Die polnische Minderheit ist vor allem im Kreis Moravskoslezský (Mährisch-Schlesien) ansässig. Durch die Übertragung von Immobilienbesitz an die Minderheitenorganisation "Polnische Kultur- und Bildungsunion" kann sich diese selbst finanzieren. Die polnische Minderheit klagte im Frühjahr 2000 gegenüber dem tschechischen Helsinki-Komitee, einer Organisation, die aus dem Kampf um die Sicherung der Menschenrechte in der sozialistischen Gesellschaft hervorgegangen ist, über die mangelnde Unterstützung der Behörden für die Einführung von Polnisch-Unterricht an den Grundschulen. Sie verlangte die Nutzung des Polnischen in den Kommunalverwaltungen und die Verwendung von zweisprachigen Ortsschildern in Gemeinden mit hohem polnischem Bevölkerungsanteil.

Deutsche

Die deutsche Minderheit ist seit 1991 weiter geschrumpft. 1950 umfasste sie 165000 und 1961 140000 Menschen. Bis 1991 hatte sich ihre Zahl auf ungefähr 50000 reduziert und im Jahre 2001 gaben weniger als 40000 Menschen an, Deutsche zu sein. Die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Tschechoslowakei verbliebenen Deutschen erhielten ihre staatsbürgerlichen Rechte erst im Verlauf der fünfziger und sechziger Jahre zurück. Die volle Gleichberechtigung mit anderen Minderheiten in kulturellen Fragen erlangten sie erst 1968. In diesen Jahrzehnten gab es eine zwar zahlenmäßig geringe, aber kontinuierlich anhaltende Abwanderung nach Deutschland.

Nach 1990 wurden die Deutschen von den Behörden stärker in kulturellen und sozialen Aktivitäten unterstützt. Es existiert eine Minderheitenorganisation, die "Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien", die auch eine Zeitschrift ("Landeszeitung") herausgibt. Im Sommer 2001 forderte diese Landesversammlung in einer Petition das Abgeordnetenhaus auf, das den Deutschen nach dem Krieg zugefügte Leid, die Zwangsarbeit und Internierung in Lagern, wieder gut zu machen. Das Parlament wies damals diese Forderungen ab, indem es auf andere Fördermittel, etwa den deutsch-tschechischen Zukunftsfonds, verwies.

Roma

Der Fortschrittsbericht der EU des Jahres 2000 stellte fest, dass seit 1999 erhebliche Anstrengungen zur Verbesserung der Situation der tschechischen Roma unternommen wurden. Der damalige Beauftragte der Regierung für Menschenrechte, Petr Uhl, ein bekannter Journalist und früherer Dissident, legte einen Plan zur Integration der Roma-Bevölkerung vor. 1999 wurden zusätzliche Mittel bereit gestellt, um an Kindergärten, Grund- und Sonderschulen spezielle Lehrassistenten für die Roma-Kinder einstellen zu können. Im Jahr 2000 beschloss die Regierung eine Langzeitstrategie für den Zeitraum bis 2020 mit den Bereichen Bildung, Beschäftigung und Wohnungsbau sowie Bekämpfung von Diskriminierung. Positiv wirkt auch eine Vielzahl von Eigeninitiativen der Roma.


Ungeachtet dieser Fortschritte sind die tschechischen Roma in einer bedrängten Lage. Indiz dafür ist etwa die Vielzahl tätlicher Angriffe rechtsextremer Gruppen. 1999 wurden in Tschechien 316 rassisch motivierte oder von Extremisten begangene Straftaten registriert, von denen 273 aufgeklärt werden konnten.

Die Situation der tschechischen Roma ist nicht nur durch ihren Minderheitenstatus, sondern auch durch soziale Probleme belastet. Der Bericht des tschechischen Helsinki-Komitees zur Menschenrechtslage 1999 hebt sie besonders hervor. Nach Schätzungen sind in manchen Regionen

70 bis 90 Prozent der Roma arbeitslos. Die Wohnverhältnisse sind meist schlechter als die der sonstigen Bevölkerung. Dazu führen Vorurteile der Mehrheitsbevölkerung gegenüber den Roma immer wieder zu offenen Konflikten. Ein solcher entspann sich im Jahr 1999, als in der Maticni-Straße in Usti nad Labem zwischen dem 13. Oktober und 25. November ein Zaun zwischen einer von Roma bewohnten Mietskaserne und einer angrenzenden Einfamilienhaussiedlung gebaut wurde und nationale wie internationale Proteste hervorrief. Inzwischen ist dieser Zaun nach einem Parlamentsbeschluss beseitigt worden, wobei die Regierung den Bewohnerinnen und Bewohnern der Einfamilienhäuser ihr Eigentum abkaufte.

Dieter Segert

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