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1. September 1963: Singapur wird von Großbritannien unabhängig | Hintergrund aktuell | bpb.de

1. September 1963: Singapur wird von Großbritannien unabhängig

Redaktion

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Am 1. September 1963 wird Singapur von Großbritannien unabhängig. Das bis heute autoritär geführte Land entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem der Wirtschaftszentren Asiens.

Das Marina Bay Sands Hotel, eines der bekanntesten Gebäude Singapurs, mit der anschließenden Helix-Brücke. (© picture-alliance, Markus Mainka)

Im September 1963 verließ Interner Link: Singapur das Interner Link: britische Empire und schloss sich in einer Föderation mit dem benachbarten Malaya (heute Interner Link: Malaysia) zusammen. Damit endete die fast 150 Jahre währende britische Kolonialherrschaft für das Land.

Die Geschicke Singapurs waren lange Zeit fremdbestimmt. Im 18. und 19. Jahrhundert rivalisierten insbesondere die Kolonialmächte Großbritannien und Niederlande um die Vorherrschaft in Südostasien. In diese Zeit fällt auch der Beginn der modernen Geschichte Singapurs. Im Jahr 1819 errichtete der Brite Sir Stamford Raffles auf einer vorgelagerten Insel des heutigen Stadtstaates einen Handelsposten für die Britische Ostindien-Kompanie. Zunächst hatte die Siedlung nur gut 150 Einwohner, sie expandierte jedoch rasch. 1824 einigten sich die Briten und die Niederländer auf die Grenzen ihrer Einflussbereiche – Singapur fiel unter die Herrschaft des britischen Empires.

1867: Singapur wird britische Kronkolonie

1867 wurde Singapur offiziell eine Kolonie der britischen Krone. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter wanderten in den heutigen Inselstaat ein, insbesondere aus Interner Link: China, aber auch aus Interner Link: Indien und Malaya. So bildete sich eine chinesischstämmige Mehrheit, die bis heute die ethnische Zusammensetzung Singapurs kennzeichnet. Bereits im 19. Jahrhundert war der Hafen der Stadt einer der größten Umschlagplätze für Handelswaren im asiatischen Raum. Heute besitzt Singapur den zweitgrößten Hafen weltweit.

Japaner besetzen Singapur

Der Interner Link: Zweite Weltkrieg war ein tiefer Einschnitt für viele Menschen in Singapur. 1942 besetzte die japanische Armee das Gebiet des heutigen Malaysia und eroberte am 15. Februar auch Singapur. Das japanische Kaiserreich unterdrückte die Menschen in Singapur brutal. Insbesondere die chinesischstämmige Mehrheit hatte unter der japanischen Besatzung zu leiden, da Tokio ihnen Kollaboration mit China vorwarf. Japanische Soldaten töteten bis zu 50.000 Chinesen im Rahmen des Sook Ching Massakers. Die Versorgungslage in Singapur war während der Besatzung katastrophal und viele Einwohner hungerten.

1959: Singapur wird selbstverwaltete Kronkolonie

Zwar übernahm nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Großbritannien wieder die Kontrolle über Singapur, dessen Stellung war jedoch geschwächt – nicht zuletzt, weil es den Briten nicht gelungen war, die Stadt gegenüber Japan zu verteidigen. Auch allgemein war das britische Kolonialreich nach dem Zweiten Weltkrieg aus einer Vielzahl von Gründen im Niedergang begriffen – unter anderem durch das Entstehen nationalistischer Bewegungen in den Kolonien und die wirtschaftlichen Probleme des „Mutterlandes“. In der Folge gaben die Briten dem späteren Stadtstaat immer mehr Selbstverwaltungsrechte. Mitte der 1950er Jahre entstanden viele politische Parteien. Zu dieser Zeit fanden auch die ersten Parlamentswahlen statt: Aus diesen ging 1955 die antikommunistische "Labour Front" als Siegerin hervor.

1957 wurde der südliche Teil der Malaiischen Halbinsel, das damalige British Malaya, unabhängig. Singapur erhielt 1959 den Status einer selbstverwalteten Kronkolonie und damit weitgehende Autonomierechte. Innenpolitische Fragen konnte Singapur fortan selbst entscheiden. Bei der Parlamentswahl 1959 wurde die Partei People's Action Party (PAP) stärkste Partei – und blieb es bei jeder Wahl bis heute.

Lee Kuan Yew übernimmt Führung des Landes

Mit der Regierungsbildung wurde Lee Kuan Yew beauftragt. Der erste Premierminister führte die Geschicke des Landes bis 1990. Seine Bilanz ist zwiespältig: einerseits stabilisierte er das Land wirtschaftlich, andererseits etablierte er ein autoritäres System.

In den 1950er und 1960er-Jahre waren viele Menschen in dem rohstoffarmen Land von Armut betroffen. Wohnraum war knapp. Es gab zahlreiche Unruhen – so etwa zwischen Kommunisten und Anti-Kommunisten. Auch zwischen den verschiedenen Ethnien im Land kam es immer wieder zu gewaltsamen Konflikten, unter anderem zwischen Chinesen und Malaien.

Zusammenschluss mit Malaya

Lee Kuan Yew strebte zunächst einen Zusammenschluss mit Malaya an, auch um eine völlige Unabhängigkeit von London zu erreichen. 1962 stimmten in einem Referendum etwa 70 Prozent der Singapurerinnen und Singapurer für die Föderation mit dem Nachbarland.

Am 1. September 1963 wurde Singapur schließlich unabhängig vom Empire und ging zwei Wochen später eine Föderation mit Malaysia ein. Malaya heißt seitdem Malaysia. Die Föderation mit Malaysia währte jedoch nicht lange. Wegen starker politischer Spannungen zwischen Malaysia und Singapur sowie heftigen ethnischen Auseinandersetzungen verließ Singapur nach gut zwei Jahren das Staatengebilde und wurde ein eigener Stadtstaat.

1965 wird Singapur ein eigener Staat

Am 9. August 1965 wurde Singapur ein unabhängiger Staat. Ende Dezember trat eine neue Verfassung in Kraft. Unter Lee Kuan Yew als Premierminister setzte Singapur von seiner Gründung an auf eine möglichst weitgehende Gleichstellung der verschiedenen Ethnien und Religionen. Zur Vereinfachung der Verständigung untereinander ist Englisch Verkehrs-, Handels- und Verwaltungssprache. Dieser Umstand begünstigte den wirtschaftlichen Aufstieg Singapurs in den folgenden Jahrzehnten ebenso wie die kulturelle Offenheit des Landes.

Singapur wird zur Wirtschaftsmacht

Anders als in vielen südostasiatischen Staaten, wo sich Konflikte zwischen verschiedenen Religionen und Bevölkerungsgruppen in den vergangenen Jahrzehnten ein ums andere Mal in Gewalt entluden, kam es in Singapur nach den anfänglichen Unruhen in den vergangenen Jahrzehnten nur selten zu offenen ethnischen Konflikten. Auch in Singapur scheinen die Spannungen allerdings zu wachsen.

Obwohl es über keine nennenswerten Rohstoffreserven verfügt, entwickelte sich Singapur ab den 1970er-Jahren zu einem der wirtschaftlich führenden Staaten Asiens. Das einst arme Land war für viele westliche Unternehmen bereits in seiner Anfangszeit auch deshalb attraktiv, weil viele Länder der Region politisch sehr instabil waren. Bis heute ist Singapur das Handels-, Finanz- und Dienstleistungszentrum in der Region.

Zu der seit mehreren Jahrzehnten sehr guten Wirtschaftslage trägt auch bei, dass die Justiz Singapurs sehr effektiv gegen Korruption vorgeht. Im Korruptionswahrnehmungsindex von 2022 belegte das Land zuletzt Platz 5 von 180. Diverse Hightech-Firmen haben sich dort angesiedelt. Der Staat setzt zunehmend auf die Förderung digitaler Technologien.

Reiches Land

Seit vielen Jahren gehört Singapur zu den reichsten Ländern Asiens und ist einer der wohlhabendsten Staaten der Erde. Das Interner Link: Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Einwohner lag in dem Land 2023 bei etwa 91.000 US-Dollar, circa 40.000 Dollar höher als in Deutschland. Trotz seiner sehr kleinen Fläche gelang es dem Staat, den Großteil der Bevölkerung mit günstigem oder sogar eigenem Wohnraum zu versorgen: Die Eigentümerquote ist im weltweiten Vergleich besonders hoch. Auch aufgrund der über die Jahrzehnte gewachsenen Kluft zwischen Arm und Reich gab und gibt es aber dennoch immer wieder Unzufriedenheit in Teilen der Bevölkerung.

Länderprofil Singapur

Singapur ist ein Stadtstaat mit etwa 5,6 bis 5,7 Millionen Einwohnern. Damit leben auf der Fläche von weniger als 800 Quadratkilometern, was in etwa der Größe Hamburgs entspricht, fast dreimal so viele Menschen wie in der Hansestadt. Die Bevölkerungsdichte ist die zweithöchste der Welt. Neben über zwei Millionen Ausländerinnen und Ausländern sind dort rund 3,5 Millionen singapurische Staatsangehörige ansässig. Von diesen sind über drei Viertel chinesischer, mehr als 13 Prozent malaiischer und etwa 9 Prozent indischer Abstammung. Auch Nachfahren der Briten oder andere Europäer leben in dem Land. Neben Buddhisten und Christen haben sich dort auch viele Muslime, Hinduisten sowie Anhänger des Taoismus niedergelassen. Das Land ist formell eine parlamentarische Demokratie mit einem Einkammersystem. Nur Staatsbürger ab 21 Jahren dürfen wählen. Singapur ist ein Inselstaat und mit der nördlich angrenzenden Malaiischen Halbinsel über mehrere Dämme verbunden. In dem südostasiatischem Land herrscht ein feuchtes Tropenklima. Singapur ist Gründungsmitglied von ASEAN. Der Staatenverbund südostasiatischer Nationen mit mittlerweile zehn Mitgliedern will die wirtschaftliche Zusammenarbeit in der Region sowie die dortige politische Stabilität stärken. 2019 trat ein Freihandels- und Investitionsschutzabkommen zwischen der EU und Singapur in Kraft.

Kaum politische und persönliche Freiheiten

Dem enormen Wohlstand stehen eine geringe politische und persönliche Freiheit gegenüber. Interner Link: Das Land wird bis heute autoritär geführt. Die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit sind stark eingeschränkt. Die Nichtregierungsorganisation Freedom House bezeichnet die Bürgerrechtssituation in dem Land als nur "teilweise frei", auch Amnesty International berichtet von zunehmender Repression gegen kritische Meinungsäußerung. Um die Pressfreiheit steht es schlecht. Im Ranking von Reporter ohne Grenzen belegt Singapur Platz 129 von 180. "Die Medien werden autoritär gelenkt, viele Journalisten üben Selbstzensur", heißt es in einem Länderprofil der Organisation.

Ein-Parteien-Herrschaft

Seit Gründung der Republik regiert in Singapur durchgehend die People’s Action Party (PAP). Dies liegt zwar auch daran, dass die Partei in großem Maße zur Stabilisierung des Landes beigetragen hat. Insbesondere die ökonomischen Erfolge und der Ausgleich zwischen den verschiedenen Ethnien kamen bei Wählerinnen und Wählern lange Zeit gut an. Der Dauererfolg beruht jedoch laut Nichtregierungsorganisationen auch auf einem unfairen Wahlsystem, das die regierende PAP begünstigt. Die Partei hat nicht nur die größten finanziellen Ressourcen. Gegen die Opposition geht das Regime in Singapur seit Jahrzehnten unerbittlich vor. Teils landen Kritiker im Gefängnis, teils wurden sie in der Vergangenheit mit Zivilklagen überzogen oder in den Bankrott getrieben.

Auch das Mehrheitswahlrecht begünstigt die PAP. Die Opposition kam bisher nie über eine Hand voll Sitze hinaus. Bei der Parlamentswahl 2020 errang die oppositionelle Arbeiterpartei immerhin zehn der insgesamt 93 Parlamentssitze und erzielte damit das beste Ergebnis für die Opposition seit der Unabhängigkeit Singapurs.

Strenges Strafrecht

Immer wieder macht Singapur durch sein strenges Straf- und Ordnungsrecht Schlagzeilen. Es gibt beispielsweise ein striktes Rauchverbot im öffentlichen Raum, Kaugummis waren lange aus Sorge vor einer Verschmutzung der Stadt verboten und sind auch jetzt nur gegen Rezept erhältlich. Vandalismus kann mit Stockschlägen geahndet werden. Homosexualität war bis 2022 strafbar und auf Drogenhandel steht die Todesstrafe.

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