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1.8.2018

Im Praxistest: Politische Repräsentation über Wahlen und Los am Beispiel der Wahl der Schüler- und Schülerinnenvertretung

Der Wunsch nach stärkerer Partizipation am politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess ist ebenso ein Charakteristikum moderner Demokratien wie eine gewisse Verdrossenheit gegenüber dem politischen System und zum Teil ein Misstrauen den politischen Eliten gegenüber. Von einer Krise der Demokratie zu sprechen, wäre zu weit gegriffen, da deren strukturell-institutionelle Eignung nicht zur Disposition steht. Dennoch gilt es zu überlegen, in welcher Form den beobachteten Missständen zu begegnen, an welchen partizipatorischen Stellschrauben zu drehen ist.

Der Wunsch nach stärkerer Partizipation am politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess ist ebenso ein Charakteristikum moderner Demokratien wie eine gewisse Verdrossenheit gegenüber dem politischen System und zum Teil ein Misstrauen den politischen Eliten gegenüber. Von einer Krise der Demokratie zu sprechen, wäre zu weit gegriffen, da deren strukturell-institutionelle Eignung nicht zur Disposition steht. Dennoch gilt es zu überlegen, in welcher Form den beobachteten Missständen zu begegnen, an welchen partizipatorischen Stellschrauben zu drehen ist. In den letzten Jahren wurden breitenwirksam u.a. zwei Konzepte diskutiert, die Abhilfe schaffen sollen: (1) das Losverfahren zur Rekrutierung politischer Entscheidungsträger motiviert durch den jüngst erschienenen Beitrag des belgischen Historikers David Van Reybrouck "Gegen Wahlen. Warum Abstimmen nicht demokratisch ist" sowie (2) im Kontext der "digitalen Revolution" die Liquid Democracy als ein Konzept, dass die Vorteile des direktdemokratischen und des repräsentativ-demokratischen Ansatzes in sich zu vereinen scheint. Ersteres Konzept - "Politische Repräsentation über Wahlen und Los" – sollen die Schülerinnen und Schülern (SuS) im Rahmen des vorgestellten Unterrichtsschrittes kennenlernen, indem sie es auf den schulischen Kontext – "die Wahl der Schüler- und Schülerinnenvertretung" – übertragen und kritisch reflektieren. Basis ist der Text "Losverfahren: Ein Beitrag zur Stärkung der Demokratie?" von Christiane Bender und Hans Graßl, der 2014 in "Aus Politik und Zeitgeschichte" erschienen ist.

Lerngruppe, Kompetenzschwerpunkte

Der Unterrichtsschritt richtet sich an SuS in der Sekundarstufe II; er kann jedoch ohne die Verortung im politischen Diskurs "Wahl oder Los" und die Lektüre des Textes von Bender und Graßl auch in der Sekundarstufe I vorzugsweise in den sozialwissenschaftlichen und sozialkundlichen Fächer eingesetzt werden. In der Sekundarstufe II bietet sich eine Verortung der Stunde innerhalb einer Reihe zur Demokratie an, in der Sekundarstufe I in Zusammenhang mit einer anstehenden Wahl der Schüler- und Schülerinnenvertretung und/oder dem Kennenlernen des politischen Systems in der Bundesrepublik Deutschland. Kompetenzschwerpunkte sind "in Ansätzen [das Unterscheiden] politische[r] Handlungsalternativen hinsichtlich möglicher Konsequenzen und Nebenwirkungen […] und [die Fähigkeit] (die eigene) Haltung argumentativ sicher" zu vertreten sowie die Prüfung "politische[r] Sachverhalte exemplarisch an Fällen der (eigenen) kommunal- oder landespolitischen Ebene"[1].

Einsatzmöglichkeiten im Unterricht



In einem ersten Schritt, der als Hausaufgabe vorentlastet werden kann, befassen sich die Schülerinnen und Schüler arbeitsteilig in Partnerarbeit mit dem Text Benders und Graßls. Der Text sollte durch die Lehrkraft so aufbereitet werden, dass sich eine Gruppe der SuS mit dem Prinzip der Wahl von politischen Repräsentanten befasst und die andere Gruppe mit der Rekrutierung durch das Losverfahren. Jede Gruppe soll für "ihr" Verfahren deren Vor- und Nachteile ausgehend von den Kriterien Effizienz und Legitimität erarbeiten.

Im Einstieg der Stunde sammeln die SuS Eigenschaften, die ihrer Meinung nach eine perfekte Schüler- und Schülerinnenvertretung besitzen muss. Ausgehend von den gesammelten Eigenschaften formulieren die SuS Deutungshypothesen zur Entscheidungsfrage der Stunde "Wahl der Schüler- und Schülerinnenvertretung – ein sinnvolles Konzept für eine demokratische Schule?", die im Verlauf der Stunde zu bearbeiten sind. Diese Form der Entscheidungsfrage wurde gewählt, da sie inhaltlich eine reale und kontroverse Diskussionsoption im schulischen Diskurs darstellt und methodisch-strukturell über die Beantwortungsoptionen "Ja" und "Nein" den politischen Mehrheitsentscheidungsprozess der politischen Institutionen simuliert.[2]

In der Erarbeitungsphase setzen sich die SuS arbeitsteilig mit den zwei Partizipationsverfahren auseinander, die als Hausaufgabe vorbereitet wurden. Sie stellen sich in Partnerarbeit beide Verfahren vor, besprechen diese und diskutieren, ob und in welcher Form eine Übertragbarkeit auf die Schule und die Klärung der Stundenfrage sinnvoll und möglich ist. Als Maßnahme der Binnendifferenzierung erarbeiten leistungsstarke SuS abschließend ein SuS-Partizipationsmodell für ihre eigene Schule.

Ein SuS-Team präsentiert in der Sicherungsphase seine Ergebnisse und gegebenenfalls das Modell. Das Plenum ergänzt und korrigiert und tritt ein in eine Phase des Austausches zu den Theorien. Der Ergebnispräsentation schließt sich die Urteilsphase an. Die Lehrkraft bittet die SuS zu den Deutungshypothesen des Einstiegs begründet Stellung zu beziehen und ein politisches Urteil ausgehend von den Kategorien Effizienz und Legitimität zu fällen. Abschließend übertragen die SuS ihre Erkenntnisse auf die politische Gegenwart, nehmen Stellung zu den jüngsten Wahlergebnissen und überlegen, ob die Verfahren politische effizient und legitim in Hinblick auf die kritische Auseinandersetzung mit populistischen Parteien sind.

Zugriff

Unter http://www.bpb.de/apuz/191195/losverfahren-ein-beitrag-zur-staerkung-der-demokratie?p=all steht der Artikel kostenlos bereit.

Fußnoten

1.
Vgl. Berliner Rahmenlehrplan Politikwissenschaft Sekundarstufe II, S. 12.
2.
Alternativ kann ein Auszug aus dem Schulgesetz präsentiert werden können, der die Aufgaben und den Wahlmodus der Schüler*innenvertretung nennt.

Catharina Banneck

Catharina Banneck

Dr. Catharina Banneck ist Lehrerin für Politik und Deutsch in einem Berliner Gymnasium


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