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21.9.2012

Baustein 1: Wer wird 2013 Bundeskanzler/-in?

Dieser Baustein thematisiert die Besonderheiten des deutschen Wahlsystems. Die Schülerinnen und Schüler erhalten die Gelegenheit, die Bedeutung von Erst- und Zweitstimmen zu erlernen und die Prozesse der Regierungsbildung nachzuvollziehen. Der Unterbaustein 1.1 geht der Frage nach "Wer wird 2013 Bundeskanzler/-in?" und der Baustein 1.2 "Wie werden aus Stimmen Mandate?".

Baustein 1.1: Wer wird 2013 Bundeskanzler/-in?



Die wahre K-Frage (© Dieter Hanitzsch)

Der Titel des einführenden Bausteins greift die spannende Frage auf, die im Wahlkampf alle brennend interessiert und die sich auch alle Schüler und Schülerinnen stellen, wenn sie den Wahlkampf in den Medien und auf den Straßen erleben: Wer wird die Wahl gewinnen? Wer wird der nächste Bundeskanzler? Die Frage nimmt auch das Spannungsmoment auf, das im politischen Wettstreit der Parteien erkennbar ist und das sich so auch in den Medien widerspiegelt. Die hier erkennbare starke Personalisierung der Bundestagswahl auf die Spitzenkandidaten (Angela Merkel und PeerSteinbrück) beherrscht den Wahlkampf. Mithilfe der Karikatur MB 01.01a kann auf die bis Ende September 2012 noch offene Kandidatenfrage eingegangen werden. Wie sich mit der Nominierung von Peer Steinbrück zum Kanzlerkandidaten der SPD die Kanzlerfrage jetzt zuspitzt, kann die Lehrperson mithilfe der Einschätzung von H. Prantl (MB 01.01b) (ergänzt durch aktuelle Materialien) herausarbeiten lassen. Die Dramatik der Situation kann dadurch weiter verdeutlicht werden, dass auf die Ausgangslage von 2009 (Kopf-an-Kopf-Rennen; MB 01.02) und auf die aktuellen Umfrageergebnisse (MB 01.15) kurz eingegangen wird. So können die Jugendlichen zugleich motiviert werden, ihre persönlichen Eindrücke und Mutmaßungen zur bevorstehenden Bundestagswahl spontan zu äußern, wobei sie die eigenen Erkenntnisinteressen und Fragestellungen zum Thema "Wahlen" hier ebenfalls artikulieren werden. In einer Mindmap können die Schüleräußerungen festgehalten und strukturiert werden (Mindmap erstellen). Durch geschicktes Ordnen kann die Lehrperson dabei diejenigen thematischen Schwerpunkte herausstellen, die in den nachfolgenden Bausteinen aufgegriffen werden können (s. Fragenkatalog in der Verlaufsplanung). Im anschließenden Planungsgespräch sind Schwerpunktsetzungen erforderlich, zugleich ist aber auch eine Weichenstellung vorzunehmen:

Variante 1: Wie wurde Angela Merkel Bundeskanzlerin?
In der Variante 1 kann ausgehend von der Leitfrage der primären Frage nachgegangen und am Beispiel der zurückliegenden Wahl schrittweise geklärt werden, wie aus Stimmen Mandate, wie aus Mandaten eine regierungsfähige Mehrheit und wie Angela Merkel Kanzlerin geworden ist. Diese Perspektive kann detailliert im Baustein 1 weiter erarbeitet werden und führt zu den zentralen Themen der Bausteine 2 und 3. Die Einzelthemen können je nach verfügbarem Zeitbudget und Schülerinteresse weiter konkretisiert und auf relevante Schwerpunkte reduziert werden.

Die Sonntagsfrage

Variante 2: Selbstständige Wahlprognose im heimischen Wahlkreis
Die Variante 2 richtet sich eher an fortgeschrittene Schüler und Schülerinnen und legt nach demselben Einstieg den Schwerpunkt dann auf die Frage, wie die Wahl im eigenen Wahlkreis ausgehen wird. Sie ist mit einer Wählerbefragung mithilfe von GrafStat verbunden. Vorher oder auch parallel zur Reihe sollten in einem Schnelldurchgang die zentralen Fragen zum Wahlsystem, zur Koalitionsbildung, zur Rolle der politischen Parteien etc. geklärt (wiederholt) werden. Die Leitfrage nach dem Ausgang der bevorstehenden Bundestagswahl wird hier eng verknüpft mit der Frage nach den Wahlchancen der Parteien im heimischen Wahlkreis und dem dortigen Wählerverhalten. In dieser Variante wird frühzeitig deutlich, dass nicht der Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin, sondern die Mitglieder des deutschen Bundestages (MdB) gewählt werden. Durch gezielte Lehrerimpulse sollte das Unterrichtsgespräch u.a. auch auf Aspekte des Wählerverhaltens und der Wahlforschung gelenkt werden, damit diese Themenaspekte von vornherein in den Fragehorizont der Schülerinnen und Schüler gerückt werden. An dieser Stelle bietet sich als Impuls der Hinweis auf die monatlich in den Medien veröffentlichten Meinungsumfragen an, z.B. das bekannte ZDF-Politbarometer und die Umfrageergebnisse von Infratest dimap (MB 01.15). Dies evoziert von Seiten der Jugendlichen möglicherweise weiterführende Fragen, z.B. mit welchen Methoden die Forschungsinstitute den Ausgang von Wahlen prognostizieren können oder auch, ob man sich den Aufwand des Wahlaktes nicht gänzlich ersparen könnte, wenn die Meinungsforschung bereits im Vorfeld mit großer Wahrscheinlichkeit vorhersagt, wer die Wahl gewinnen wird.

Der Vorschlag (Kern der Variante 2), selbstständig eine Wahlprognose für den heimischen Wahlkreis zu erstellen, muss wahrscheinlich von Lehrerseite eingebracht und als machbare Aufgabe dargestellt werden. Anknüpfungspunkte zu den Schüleraussagen sind zahlreich: Wie sieht das politische Stimmungsbild zurzeit aus? Wie wird es sich bis zum Wahltag entwickeln? Wie sieht es im Wahlkreis aus, wie steht es auf Bundesebene? Wie lässt sich die Stimmung der Wählerinnen und Wähler messen? Erfahrungsgemäß stößt der Vorschlag eines eigenen demoskopischen Forschungsprojektes bei den Jugendlichen auf Neugier und große Zustimmung; zugleich stellt er sicher auch eine Herausforderung für die Jugendlichen dar. Die Lehrperson kann die Anfangsbegeisterung der Lerngruppe nutzen und darauf verweisen, dass die für dieses Projekt erforderlichen "handwerklichen Kenntnisse und Fähigkeiten" mithilfe der Materialien in Kapitel 4 vermittelt werden: Wie erstelle ich einen Fragebogen? Wie führe ich eine Umfrage durch? Wann und wen befragt man? Wie können die Daten mithilfe des Computerprogramms GrafStat ausgewertet und präsentiert werden? Ein modifizierbarer Musterfragebogen und der Verweis auf andere gelungene Schülerwahlprognosen unterstreicht die Machbarkeit des Vorhabens und trägt zur Motivation der Schülerinnen und Schüler bei. Der Bezug zum heimischen Wahlkreis wird auch dadurch erhöht, dass die Lehrperson die entsprechenden Wahlergebnisse für den Wohnort vorlegt, die vom zuständigen Wahlamt oder von der Lokalzeitung zur Verfügung gestellt werden. Als Resultat der Planungsphase erhalten sie eine gegliederte Themenübersicht (mit Verweis auf die jeweiligen Bausteine in diesem Band), eine Einteilung in Arbeitsgruppen, eventuell. einen Musterfragebogen und einen Zeitplan für das Befragungsprojekt, in dem der Wahltermin berücksichtigt ist. Begonnen werden kann in Variante 2 mit einer Vertiefung (Wiederholung) der Basiskenntnisse zum Wahlsystem und zum politischen System (s. Kapitel 2 und Kapitel 3) sowie Gruppenbildung für die Vorbereitung der Wählerbefragung, wobei die Materialien von Kapitel 4 genutzt werden können.

Eine tabellarische Übersicht über den Verlauf des Bausteins 1.1 steht als PDF-Icon PDF-Dokument zum Download bereit.

Baustein 1.2: Wie wurde Angela Merkel 2009 Bundeskanzlerin? Wie werden aus Stimmen Mandate?



Ziel dieser Unterrichtseinheit ist es, grundlegende Kenntnisse über das Wahlsystem für den deutschen Bundestag zu vermitteln.

Die Schülerinnen und Schüler… Was bedeuten Erst- und Zweitstimme?
Die Schülerinnen und Schüler sehen, dass sie sich zur Beantwortung der Leitfrage (Wie wurde Angela Merkel 2009 Bundeskanzlerin? Wie sehen ihre Chancen und die des Herausforderers Peer Steinbrück aus?) basale Kenntnisse des Wahlsystems aneignen müssen. Als "Mutmacher" kann einleitend der Hinweis dienen, dass auch viele Wähler nur vage Kenntnisse vom Wahlsystem haben, dass sie als Schüler aber am Ende der Reihe recht genau erklären können, wie das deutsche Wahlsystem funktioniert. Zum Einstieg wird der Lerngruppe ein Stimmzettel von der letzten Bundestagswahl vorgelegt (MB 01.04 auf Folie) mit der Aufforderung, spontan zu erklären, was die Erst- und Zweitstimme bedeuten. Die Spontanaussagen der Schülerinnen und Schüler machen erste Unzulänglichkeiten deutlich und werfen Fragen auf (z.B. „Wie kann ich denn Angela Merkel oder Peer Steinbrück wählen, wenn ich sie wählen wollte?“). Die Aussagen werden ergänzt durch die Glosse "Was bedeutet die Zweitstimme?" (MB 01.05) mit zum Teil spaßigen Erklärungen aus der Bevölkerung. Die recht ausgefallenen Erklärungsversuche der Passanten, die zur Bedeutung der Zweitstimme "befragt" wurden, spiegeln gewissermaßen überzeichnet die tatsächlichen Probleme des Wahlbürgers mit der Zweitstimmenkonstruktion des bundesrepublikanischen Wahlsystems wider, was zahlreiche Umfragen immer wieder belegen. Mit diesem Stimmungsbild wird auch auf emotionaler Ebene ein positiver Zugang zu dem Thema eröffnet.

Dem Einstieg kommt somit die Funktion zu, bei den Schülerinnen und Schülern das Interesse zu wecken, sich mit der Problemfragen der Unterrichtseinheit näher zu beschäftigen: wie wir von den Stimmen zu den Mandaten gelangen, wie Mehrheiten im Bundestag entstehen und wie – allgemein gesehen – das auf den ersten Blick ein wenig kompliziert erscheinende Wahlsystem der Bundesrepublik funktioniert.

Aus Stimmen werden Mandate
Ist ausreichend Zeit vorhanden, können anhand der Materialien MW 02.10 bis MW 02.17 eher grundlegende Texte zu den Systemen der Verhältniswahl und der Mehrheitswahl arbeitsteilig erarbeitet werden (siehe Baustein 2.2 des Kapitels "Wahlen in der Demokratie"). Ist die Zeit knapp, sollte die Lehrperson in einem strukturierten Unterrichtsgespräch in Grundzügen darlegen, wie politische Repräsentanten im Deutschen Bundestag mithilfe der Mehrheitswahl und der Verhältniswahl bestimmt werden. Mit MB 01.06 werden das deutsche Wahlsystem vorgestellt und begrifflich die Besonderheiten benannt (Erst- und Zweitstimme, Wahlkreiskandidat, Stimmensplitting, Landesliste, 5-Prozent-Sperrklausel, Bundestagsmandat, Überhangmandat, Berechnungsverfahren). Die Tabelle "Aus Stimmen werden Mandate" (MB 01.07) nimmt eine Schlüsselrolle in der Unterrichtseinheit ein. Die Lehrperson sollte die Tabelle als Folie so auflegen, dass zunächst nur die Spalten a und b sichtbar sind. Nun kann im "Zeitraffertempo" der Vorgang der Stimmenauswertung schrittweise mit den realen Zahlen aus dem Jahr 2009 vollzogen werden, indem die nachfolgenden Spalten aufgedeckt und Berechnungsschritte von den Schülerinnen und Schülern erläutert werden. Hierbei wird der zentrale Grundgedanke der Repräsentation deutlich: Die Zweitstimme bestimmt die Stärken der Parteien im Deutschen Bundestag. Die Schülerinnen und Schüler können dabei nun selbst nachvollziehen, wie das mithilfe des Verfahrens nach Sainte-Laguë/Schepers geschieht. (Die Unterverteilung auf die 15 Länderlisten kann angedeutet werden; auf andereDetails sollte verzichtet werden, da sonst die Übersichtlichkeit verloren geht.) Mit der nachfolgenden Zuordnung der Erststimmenergebnisse wird nachvollziehbar, dass die Hälfte der Sitze im Deutschen Bundestag an die siegreichen Direktkandidaten vergeben wird, wodurch die Personenorientierung und der regionale Bezug bei der Auswahl der Kandidaten gestärkt werden. Da der Proporz entsprechend der Zweitstimmen gewahrt bleiben soll, wird deutlich, an welcher Stelle Überhangmandate entstehen können. Mit diesem Verständnis können die Schülerinnen und Schüler nun nachvollziehen, wie 2009 die Stimmenmehrheit für die Wahl der Bundeskanzlerin zustande kam, wenn sie sich über den Vorgang der Koalitionsbildung (vgl. MB 01.10) informieren und diesen in die bisherigen Regierungskoalitionen (MB 01.12) einordnen.

Das System der personalisierten Verhältniswahl

Vergleichend können die offiziellen Tabellen und Grafiken des Bundeswahlleiters zum endgültigen Wahlergebnis aus dem Jahr 2009 herangezogen werden (MB 01.08). Jeder Schüler und jede Schülerin sollte nun mithilfe des Schaubildes MB 01.09 in der Lage sein, das Zusammenspiel von Zweit- und Erststimmen in der personalisierten Verhältniswahl deutlich zu machen und den Auswertungsgang Freunden, Familienangehörigen und Bekannten zu erklären. Sie erkennen auch, dass zu viele Überhangmandate gegen den Grundgedanken der Verhältniswahl verstoßen. Sie wissen, welche Auflagen das Bundesverfassungsgericht daher verordnet hat (MB 01.14) und können einschätzen, wie die erwartete Neuregelung des Bundeswahlgesetzes einzuordnen sein wird. Das Problem des negativen Stimmgewichtes wird nicht weiter erörtert, da dies mit der rechtlichen Neuregelung nicht mehr auftreten dürfte und daher nur von historischer Bedeutung ist.

Eine abschließende Plenumsdiskussion soll zu einer differenzierten Bewertung des Systems der personalisierten Verhältniswahl führen. Kriterien zur Beurteilung von Wahlsystemen finden sich in MW 02.18 des Kapitels "Wahlen in der Demokratie".

Eine tabellarische Übersicht über den Verlauf des Bausteins 1.2 steht als PDF-Icon PDF-Dokument zum Download bereit.

Wolfgang Sander, Angela Gralla, Sabine Kühmichel, Julia Haarmann

Zur Person

Wolfgang Sander

Prof. Dr. phil., geb. 1944; Erziehungswissenschaftler an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Anschrift: Westfälische Wilhelms-Universität, Institut für Erziehungswissenschaft, Georgskommende 33, 48143 Münster.
E-Mail: sander@uni-muenster.de


Angela Gralla

Institut für Erziehungswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität
Lehrerin für die Sekundarstufe I und II


Sabine Kühmichel

Institut für Erziehungswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster


Julia Haarmann

Zentrum für Lehrerbildung, Westfälische Wilhelms-Universität Münster


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