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21.9.2012

Baustein 3: Wählerverhalten und Wahlforschung

Die Jugendlichen erhalten die Gelegenheit zu untersuchen, inwiefern das Wahlverhalten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Abhängigkeit von soziodemografischen Merkmalen steht. In den Bausteinen 1 bis 3 erschließen sie die Themen "Wählerverhalten und Wahlforschung", "Sinkende Wahlbeteiligung" sowie "Wahlprognosen".

Baustein 3.1: Wählerverhalten und Wahlforschung



Im Mittelpunkt dieses Bausteins steht das Wahlverhalten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Abhängigkeit von soziodemografischen Merkmalen. Folgende Lernziele sollen dabei erreicht werden:

Die Schülerinnen und Schüler… Eine tabellarische Übersicht über den Verlauf des Bausteins steht als PDF-Icon PDF-Dokument zum Download bereit.

Wer wählt wen? (© Fritz-Wolf-Gesellschaft e.V.)

Als Einstieg in die Unterrichtseinheit wird die Lerngruppe mit der Karikatur MB 03.01 "Wer wählt wen?" konfrontiert, wodurch sie angeregt werden soll, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob das Wahlverhalten verschiedener Bevölkerungsgruppen eher zufälligen Gegebenheiten unterliegt oder differenziert nach soziodemografischen Merkmalen typisiert werden kann (Karikatur interpretieren).

Nach der Interpretation der Karikatur sollen die Schülerinnen und Schüler mit Hilfe eines Arbeitsblattes (MB 03.02) Vermutungen über Zusammenhänge zwischen Alter, Geschlecht, Beruf, Konfessionen und Parteipräferenz anstellen. Die Hypothesen werden anschließend gesammelt, geordnet und auf einer Folie festgehalten.

Im Anschluss sollen die Jugendlichen von traditionellen Annahmen der Wahlforschung zum Einfluss der Faktoren Alter und Geschlecht Kenntnis erlangen (MB 03.03) (Text exzerpieren).

Auf dieser Grundlage geht es in der nächsten Erarbeitungsphase darum, die Vermutungen der Jugendlichen, aber auch die Aussagen des Wahlforschers R.-O. Schultze aus dem Jahr 1997 anhand aktueller empirischer Daten zu überprüfen. Welche Hypothesen lassen sich verifizieren? Stimmen die Einschätzungen in Bezug auf das Wählerverhalten noch? Hierzu kann auf das Wahlarchiv der Tagesschau zurückgegriffen werden. Dort finden sich Parteienvergleiche, Analysen von Wählerwanderungen, Strukturdaten vergangener Bundestagswahlen sowie aktuelle Umfrageergebnisse. Ist die Möglichkeit, die im Internet vorhandenen Daten zu nutzen, nicht gegeben, kann alternativ auch auf die soliden Zahlen der repräsentativen Wahlstatistik (MB 03.04 bis MB 03.06) zurückgegriffen werden. Dort wird auch auf das Wahlverhalten von Wählern mit Migrationshintergrund eingegangen.

Wählerschaft der Parteien nach soziodemografischen Merkmalen

Die Auswertung der Statistiken der soziologischen Wahlforschung stellt nicht unerhebliche Ansprüche an die methodischen Fähigkeiten der Lerngruppe. Vor allem wird die Lehrperson darauf zu achten haben, dass sich die Jugendlichen die jeweiligen Bezugsgrößen eindeutig klar machen und einsehen, dass die formale Beschreibung des Aufbaus einer Tabelle nicht aus reiner Pedanterie erfolgt, sondern eine notwendige Hilfsfunktion für den Erkenntnisprozess besitzt (Statistiken und Tabellen auswerten).

Es folgt eine Besprechung der auf der Folie festgehaltenen Hypothesen anhand der Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler. Auf diese Art und Weise kann die Überprüfung der aufgestellten Vermutungen hinsichtlich des typischen Wahlverhaltens bestimmter Gruppen stattfinden. Der Lerngruppe wird in dieser Phase zudem die grundlegende Einsicht vermittelt, dass innerhalb der Sozialwissenschaften eine Urteilsbildung über strittige Sachfragen in bestimmten Fällen sinnvollerweise durch Bezug auf Empirie erfolgt.

Stamm-, Wechsel und Nichtwähler
In einer Vertiefungsphase erhalten die Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit, die für die Wahlforschung relevanten Kategorien von Stamm-, Wechsel- und Nichtwählern (MB 03.07) in Hinblick auf deren Bedeutung für die Parteien zu erarbeiten. Die Erarbeitung erfolgt nach der Think-Pair-Share-Methode. Die Schülerinnen und Schüler bearbeiten dabei die Texte zunächst in Einzelarbeit, tauschen sich dann in Partnerarbeit aus und präsentieren ihre Ergebnisse zuletzt im Plenum, wo sie im Zusammenhang diskutiert werden. Zur Übung erläutern die Schülerinnen und Schüler dabei mit Hilfe der neu erworbenen Kenntnisse in Partnerarbeit ein Schaubildmodell (MB 03.09), welches anschließend im Plenum im Detail besprochen werden kann. Als zusätzliche Übung können die Schülerinnen und Schüler sich mittels Rollenkarten in die Position verschiedener Bürgerinnen und Bürger versetzen. Sie schließen dann auf der Grundlage ihrer gewonnenen Kenntnisse auf das Wahlverhalten der Personen und setzen dies in einem Rollenspiel um (Rollenspiel durchführen).

Zur Vertiefung oder als Binnendifferenzierung für leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler kann während der Erarbeitungsphase oder nach der Sicherungsphase das Material MB 03.08 bearbeitet werden.

Zum Abschluss der Unterrichtseinheit wird vertiefend diskutiert, welche Konsequenzen sich angesichts des sozialen Wandels sowie der Veränderungen in der Parteibindung für den Wahlkampf der Parteien ergeben. Die zunehmende Bedeutung der Medien wird hier ersichtlich.

So stehen die Parteien vor der – mitunter widersprüchlichen – Aufgabe, ihre Stammwählerschaft zu mobilisieren, potentielle Abwanderer an sich zu binden sowie Wechselwähler aus dem Lager anderer Parteien und bisherige Nichtwähler bzw. Erstwähler neu für sich zu gewinnen, denn oftmals entscheiden Verschiebungen um wenige Prozentpunkte über Sieg oder Niederlage einer Partei bzw. Koalition. Um ihren Wahlkampf auf diese Erfordernisse abstimmen zu können, müssen die Wahlkampfmanager darüber informiert sein, welche Sozialgruppen den genannten Wählerkategorien angehören und welche dieser Wählergruppen gezielt angesprochen werden müssen, um die noch fehlenden Prozentpunkte zu erringen. Hier wird deutlich: Die Expertise von Soziologen, die das Wählerverhalten und die Veränderung sozialer Milieus untersuchen, ist daher besonders gefragt.

Dieser Perspektivwechsel vom Wähler zu den Parteien fordert die Jugendlichen auf, sich in die Rolle der Parteien hinein zu versetzen, um die Wahlentscheidung schließlich als komplexes Wechselspiel der Einflussgröße "Wahlkampf" mit den sozialstrukturellen Determinanten der Wählerschaft und der nachlassenden Festigkeit ihrer Parteibindung zu begreifen (vgl. MB 03.09).



Baustein 3.2: Sinkende Wahlbeteiligung – (k)ein Alarmzeichen für die Demokratie?



Wahlsieger (© Nel)

Die sinkende Wahlbeteiligung dürfte einer der auffälligsten Befunde im Wählerverhalten der letzten Jahre sein. Sie selbst und die mit ihr verbundenen Probleme für das politische System bestimmen, neben den politischen Auseinandersetzungen, die öffentliche Diskussion während der Zeit des Wahlkampfes stark. Schon von daher dürfte es nicht uninteressant sein, die Schüler und Schülerinnen mit diesem wichtigen Thema vertraut zu machen. Auf der anderen Seite ist der Lerngruppe dieses Thema nicht "fremd", denn sie selbst bzw. die einige Jahre älteren Jungwähler sind besonders betroffen. Ziel des Bausteins ist es also auch, dass sich die zukünftigen Wählerinnen und Wähler die möglichen Ursachen einer sinkenden Wahlbeteiligung erschließen und die eigene Einstellung zum Wahlverhalten reflektieren und begründen.

In der wissenschaftlichen Diskussion ist umstritten, ob eine sinkende Wahlbeteiligung eher als Krisenphänomen der Demokratie anzusehen ist oder als Zeichen der Normalisierung. Von daher ist das Thema der Unterrichtseinheit keine Scheinfrage, sondern auch ein echtes wissenschaftliches Problem.

Die Schülerinnen und Schüler... Eine tabellarische Übersicht über den Verlauf des Bausteins steht als PDF-Icon PDF-Dokument zum Download bereit.

Ursachen und Folgen der sinkende Wahlbeteiligung
Bei der Herausarbeitung der Problemstellung zu Beginn der Unterrichtseinheit ist nicht ohne Weiteres damit zu rechnen, dass die Jugendlichen hinter sinkender Wahlbeteiligung ein Krisenphänomen der Demokratie vermuten. Denn geringe Wahlbeteiligung ist für sie nichts Besonderes, sondern eher verständlich. Aus diesem Grunde lenkt die Karikatur (MB 03.10, Karikatur interpretieren) zunächst die Aufmerksamkeit auf die (im Vergleich zu früheren Jahren) geringe Wahlbeteiligung im Jahr 2009. Die Schülerinnen und Schüler haben die Gelegenheit, ihr Vorwissen zu dem Thema zu äußern und dieses anschließend mittels der Statistik zur Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen seit 1949 (MB 03.11) zu erweitern. Konfrontiert mit der Tatsache, dass die Wahlbeteiligung tendenziell sinkt, entwickeln die Jugendlichen in Partnerarbeit weiterführende Fragen, die sie auf Folienschnipsel schreiben. Auf dem OHP sind diese im Anschluss für alle einsehbar und können kategorisiert werden. Die leitende Problemstellung wird festgelegt ("Was sind die Ursachen der sinkenden Wahlbeteiligung?")- die anderen Fragen können entweder als Teilfragen der Problemstellung ("Welche Bürgerinnen und Bürger gehen nicht zur Wahl?") oder als vertiefende Fragen ("Wohin führt die sinkende Wahlbeteiligung?" "Befindet sich die deutsche Demokratie in einer Krise?" "Warum sollte man wählen gehen?") festgehalten werden. Der Lehrer/die Lehrerin kann im Lauf der Unterrichtseinheit zur Erarbeitung der Materialien wiederholend Bezug auf die Fragen nehmen.

Gründe der Nichtwahl

Bei der Einzelanalyse der Informationen in MB 03.12 bis MB 03.15 gelangen die zukünftigen "Wahlforscher", wenn sie sich genau an die Fragestellung halten, schnell zu Ergebnissen, da in den Daten klar zu Tage treten (Statistiken und Tabellen auswerten). Es dürfte für die Schülerinnen und Schüler mit deutlichen Erfolgserlebnissen verbunden sein, dass sie nun innerhalb kürzester Zeit in der Lage sind, eine Fülle von Daten hinsichtlich einer bestimmten Fragestellung auszuwerten und zu klaren Aussagen darüber zu gelangen, was typisch für Nichtwähler und Nichtwählerinnen ist. Die Problemstellung wird hierbei in arbeitsteiliger Partnerarbeit aus zwei Perspektiven beleuchtet: zum einen im Hinblick auf den Zusammenhang soziodemografischer Merkmale (Schwerpunkt: Einkommen und Bildungsgrad, MB 03.12 und MB 03.13) und der Entscheidung zur Nichtwahl, zum anderen aus der Perspektive der Nichtwählerinnen und Nichtwähler in Bezug auf subjektive Gründe (MB 03.14) sowie grundsätzliche Einstellungen zur Lage der Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit in Deutschland (MB 03.15). Die geringe Wahlbeteiligung in der Gruppe der Jungwähler ist besonders auffällig, sie wird daher im Kapitel "Jugend und Politik” im Baustein 1 gesondert behandelt. Zur Zusammenführung der Ergebnisse der Erarbeitung präsentieren jeweils vier Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Arbeitsmaterialien einander ihre Ergebnisse und bringen diese zueinander in Beziehung. In der Sicherungsphase kann mittels der Ergebnisse ein Profil eines typischen Nichtwählers bzw. einer typischen Nichtwählerin erstellt werden. Hierbei sei eindeutig darauf hingewiesen, dass es sich um eine Typisierung handelt. So ist die Aussage "Bürgerinnen und Bürger mit einem Einkommen unter 1500 Euro monatlich gehen mit höherer Wahrscheinlichkeit nicht zur Wahl als Bürgerinnen und Bürger mit einem Einkommen über 2500 Euro” nicht gleichbedeutend mit der Aussage: "Wenn ein Bürger/eine Bürgerin unter 1500 Euro monatlich verdient, geht er/sie nicht wählen.” Auch die Gründe für eine Nichtwahl fallen verschieden aus und nicht jeder Nichtwähler/ jede Nichtwählerin vereint alle Merkmale in sich; es können zudem Einstellungen die Ursache sein (dieser Punkt wird in MB 03.19 aufgegriffen).

Mögliche Ergebnisse
Nichtwählerinnen und Nichtwähler stammen häufiger aus Bevölkerungsschichten mit niedrigem Einkommen und geringem Bildungsstand. Nichtwähler finden sich verstärkt in der Gruppe der Jungwähler. Die Gründe sind vielschichtig, z.B. Unzufriedenheit mit den Versprechungen der Politiker; Unentschlossenheit; das Gefühl, von den Parteien nicht informiert und nicht vertreten zu werden; allgemeines Desinteresse an Politik; der eigenen Stimme wird keine Bedeutung beimessen.

Nachdem die Schülerinnen und Schüler erarbeitet haben, wer aus welchen Gründen nicht zur Wahl geht, erkunden sie anschließend Gründe, die trotz möglicher Enttäuschung oder Verdrossenheit dafür sprechen, wählen zu gehen. Hierzu benennt jeder Schüler/jede Schülerin in einem Blitzlicht einen Grund. Um sich stark wiederholende Antworten zu vermeiden, kann den Schülerinnen und Schülern im Vorfeld eine Minute Zeit gegeben werden, ihren Grund aufzuschreiben. Mit Hilfe des Materials MB 03.16 kann die Liste an Gründen erweitert und argumentativ untermauert werden (Einfluss auf Mehrheitsverhältnisse im Bundestag, Interessenvertreter, Gesetzgebung, Wahl der Bundeskanzlerin / des Bundeskanzlers, Staatshaushalt etc.). Ergänzend hierzu können auch die Radio-O-Töne von Prominenten, die erklären, warum sie zur Wahl gehen, herangezogen werden. (Die Audiodateien finden Sie unter http://www.bpb.de/mediathek/805/promi-lockrufe-i.) Die erarbeiteten Gründe für und gegen den Gang zur Wahlurne bei der Bundestagswahl können im Anschluss in einem Rollenspiel herangezogen werden (Rollenspiel durchführen). Nach dem Vortragen der Argumente sollten die Schülerinnen und Schüler gezielt dazu angeleitet werden, aus ihrer Rolle wieder herauszutreten, diese zu reflektieren und anschließend zu einer eigenen Stellungnahme zu gelangen, die auch in schriftlicher Form, z.B. als Hausaufgabe, abgegeben werden kann.

Die Demokratie in der Krise?
In Anbetracht der erkundeten Entwicklung der Wahlbeteiligung seit 1949 und der angeführten Gründe von Nichtwählerinnen und Nichtwählern stellt sich anschließend die Frage, ob die deutsche Demokratie in einer Krise steckt. Um die Relevanz dieser Fragestellung zu verdeutlichen, wird die Lerngruppe mit den Ergebnissen der Zweitstimmen der letzten Bundestagswahl konfrontiert, wobei hier die Gruppe der Nichtwählerinnen und Nichtwähler in die Grundgesamtheit mit einbezogen ist. Es wird deutlich, dass die Gruppe der Nichtwähler die größte Gruppe darstellt und die aktuelle Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP nur 33,8% der wahlberechtigten Bevölkerung vertritt. Anhand dieses Materials (MB 03.17) erschließen die Schülerinnen und Schüler die Problemstellung, ob sich die Demokratie in einer (Legitimations-)Krise befindet. Das Material MB 03.18 bietet einen kurzen Abriss über die Problemfrage und zwei geläufige Antworten aus der politikwissenschaftlichen Debatte: Da ist zum einen jene These, die die Demokratie in einer Krise befindlich sieht, und zum anderen die "Normalisierungsthese”. Anhänger der letzteren sehen in der sinkenden Wahlbeteiligung weniger eine bedenkliche als eine normale Entwicklung, die in vielen westlichen Demokratien zu beobachten ist und eine legitime Handlungsalternative für Bürgerinnen und Bürger darstellt. In diesem Kontext wird auch deutlich, dass die Unzufriedenheit mit einer aktuellen gesellschaftlich-politischen Situation auch zu einer höheren Wahlbeteiligung führen kann.

Im hier aufgezeichneten Verlaufsschema wird eine schrittweise Aufarbeitung der Positionen von D. Roth, U. Eith und A. Schäfer (MB 03.19 und MB 03.20) in Einzel- und Partnerarbeit ermöglicht, sodass im Anschluss eine Präsentation der Ergebnisse im Plenum erfolgen kann (Text analysieren). Erst anschließend erfolgt die eigene Beurteilung des Phänomens. Besondere Beachtung verdient der Befund, dass sich alle Positionen auf empirische Daten (statistische Untersuchungen, Meinungsumfragen, vergangene Wahlergebnisse) berufen, dabei jedoch jeweils nur bestimmte Phänomene in den Fokus genommen werden. Während Roth Schwankungen in der Wahlbeteiligung in Beziehung zu konkreten politischen Anlässen setzt und Eith auf Zufriedenheitswerte verweist, konzentriert sich Schäfer verstärkt auf Korrelationen zwischen Wahlbeteiligung und soziodemografischen Merkmalen. Beide Thesen (Normalisierung und Krise) besitzen insofern eine gewisse Gültigkeit und lassen aber auch den Schluss zu "Krise: nein – Handlungsbedarf: ja".

Unter Rückgriff auf diesen Zustandsbericht des deutschen (Nicht-)Wählerverhaltens und ihre eigenen Analysen der Materialien MB 03.12 bis MB 03.15 sollen die Schülerinnen und Schüler anschließend zu einem eigenen Urteil gelangen. ("Befindet sich die deutsche Demokratie in einer Krise? Diskutiere die Frage unter Berücksichtigung der bekannten Daten und politikwissenschaftlichen Thesen und ziehe hieraus Schlussfolgerungen für dein eigenes Wahlverhalten.") Diese Aufgabe kann auch ideal als Hausaufgabe gelöst werden (Politische Urteilsbildung einüben). Erfolgreich ist diese Unterrichtseinheit verlaufen, wenn die Lerngruppe das Phänomen der zurückgehenden Wahlbeteiligung unter Rückgriff auf relevante empirische Daten beschreiben, das Typische am Nichtwähler benennen und ansatzweise Erklärungsversuche unterschiedlicher Art vornehmen kann. Die Schülerinnen und Schüler können weiterhin ihre individuelle Perspektive zum Wählerverhalten aufzeigen, indem sie mögliche Gründe der Nichtwahl bewerten und Konsequenzen für das eigene Wahlverhalten ableiten und begründen.

Baustein 3.3: Wahlprognosen - Schwarze Magie oder wissenschaftliche Kunst?



Im politisch-gesellschaftlichen Leben der Bundesrepublik hat die Meinungsforschung längst einen festen Platz in der Medienlandschaft gefunden. Wie in jedem Wahljahr wird das Wahlvolk permanent mit Wahlprognosen sowie einer großen Anzahl demoskopischer Daten zur jeweiligen politischen Stimmungslage in der Bevölkerung konfrontiert. Die Resultate der Demoskopie suggerieren dabei jedoch einen Grad an Exaktheit, der so keinesfalls unbesehen unterstellt werden kann; eine Problematik, die in dieser Unterrichtseinheit unter der Fragestellung "Wahlprognosen - Schwarze Magie oder wissenschaftliche Kunst - wie unabhängig und wissenschaftlich arbeitet die Demoskopie?" thematisiert wird.

Die Schülerinnen und Schüler…

Eine tabellarische Übersicht über den Verlauf des Bausteins steht als PDF-Icon PDF-Dokument zum Download bereit.

Die einleitende Interpretation der Karikatur "Madame Demoscopia" (MB 03.21) problematisiert zunächst anschaulich die Vertrauenswürdigkeit demoskopischer Daten in Anbetracht interessenbedingter Einflüsse der Parteien, denen die Meinungsforschung mitunter ausgesetzt ist. Zudem wird in ihr die häufig geäußerte Kritik der mangelnden Wissenschaftlichkeit der Meinungsforschung aufgegriffen, die in der anschließenden Erarbeitungsphase selbstständig beurteilt werden soll (Karikatur interpretieren).

Wahlprognosen im Vergleich
Im Rahmen einer induktiven Vorgehensweise sollen die Jugendlichen in einem ersten Schritt daher einen Vergleich verschiedener Wahlprognosen mit den tatsächlichen Ergebnissen der Bundestagswahl 2009 vornehmen (MB 03.22), um so die jeweiligen Abweichungen feststellen und die Genauigkeit dieser Vorhersagen beurteilen zu können (Statistiken und Tabellen auswerten). Sie äußern nach einer gemeinsamen Betrachtung der Unterschiede in der Sicherungsphase Vermutungen über die Ursachen der Unterschiede. Diese werden von zwei Schülerinnen und Schülern an der Tafel festgehalten, sodass sie im Anschluss an die Erarbeitung zweier Sachtexte mit praktischen Beispielen aus dem Politikalltag (MB 03.23 und MB 03.24) überprüft und erweitert werden können. Die Schülerinnen und Schüler lesen die Materialien in arbeitsteiliger Einzelarbeit und markieren in verschiedenen Farben die Methoden sowie die Fehlerquellen in der Meinungsforschung. Bei Verständnisschwierigkeiten zu demoskopischen Fachbegriffen kann das Glossar (auf der CD) herangezogen werden. In der Sicherungsphase dienen die gesammelten Informationen der Erweiterung und Überprüfung der möglichen Ursachen. Im Mittelpunkt der folgenden Anwendung steht – in Anbindung an die eingangs formulierte Problemfrage der Unterrichtseinheit – nunmehr die Auseinandersetzung mit der zuweilen geäußerten Kritik am wissenschaftlichen Charakter der Demoskopie. Die Schülerinnen und Schüler wenden sich hierzu erneut den Texten zu und formulieren (wieder in arbeitsteiliger Einzelarbeit) mögliche Interviewfragen an einen Experten der Demoskopie mit dem Ziel, ein Fiktives Interview zu entwerfen. Nun finden sich Partner zusammen, die unterschiedliche Materialien bearbeitet haben, und entwerfen zusammen ein Fiktives Interview mit einem Meinungsforscher. Dieses tragen zwei Schülerinnen und Schüler der Klasse vor. Je nach zeitlichem Rahmen können auch mehrere Paare ihr Interview präsentieren. Während der Vorstellung fertigt die eine Hälfte der Lerngruppe Notizen zur Qualität der Fragen an, während die andere Hälfte die Richtigkeit der Antworten beurteilt. Bevor es zu einem Feedback an die zwei Schülerinnen und Schüler kommt, kann dem "Publikum" die Chance gegeben werden, selbst Fragen zu stellen. Bei Schwierigkeiten in der Beantwortung können als "Joker" auch andere Schülerinnen und Schüler herangezogen werden. So wird gewährleistet, dass sich möglichst viele Schülerinnen und Schüler einbringen können.

Zur Schließung des didaktischen Zirkels kann die Lehrperson den Jugendlichen die Folienkarikatur "Madame Demoscopia" (MB 03.21) als Diskussionsimpuls noch einmal präsentieren, die den Schwerpunkt auf die vermeintliche Parteiabhängigkeit und Interessengebundenheit demoskopischer Ergebnisse lenkt (Karikatur interpretieren). Eine gezielte Beeinflussung ist schwer nachweisbar, zumal die Wirkung auf das Wahlverhalten nicht vorhersehbar ist. Es würde auch gegen die Regeln der "Zunft" verstoßen.

Wolfgang Sander, Angela Gralla, Sabine Kühmichel, Julia Haarmann

Zur Person

Wolfgang Sander

Prof. Dr. phil., geb. 1944; Erziehungswissenschaftler an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Anschrift: Westfälische Wilhelms-Universität, Institut für Erziehungswissenschaft, Georgskommende 33, 48143 Münster.
E-Mail: sander@uni-muenster.de


Angela Gralla

Institut für Erziehungswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität
Lehrerin für die Sekundarstufe I und II


Sabine Kühmichel

Institut für Erziehungswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster


Julia Haarmann

Zentrum für Lehrerbildung, Westfälische Wilhelms-Universität Münster


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