zurück 
1.11.2016

Der Symbolische Interaktionismus

Rollen fallen nicht vom Himmel, sondern entstehen in Gesellschaften und für Gesellschaften – umso mehr, je dynamischer sich Gesellschaften verändern. Aber wie entstehen Rollen? Woher kommen sie? Wie verändern sie sich? Welche Chancen hat der Handelnde, bei der Gestaltung von Rollen (in Familie, Schule, Freizeit, Sport etc.) seine Vorstellungen einzubringen und durchzusetzen?

Diesen dynamischen Aspekten des Werdens von Gesellschaft versuchte der US-amerikanische Sozialwissenschaftler und Sozialphilosoph George Herbert Mead (1863-1931) in seinem Hauptwerk "Geist, Identität und Gesellschaft" gegenüber dem Behaviorismus schon früh zum Ausdruck zu bringen. Rollen werden daher nicht mehr nur als Verhalten durch Drill and Practice antrainiert, sondern sinnhaft vermittelt. Dies geschieht nach Mead in der Weise, das der Akteur sich selbst aus der Sicht des anderen betrachtet und reflektiert, welche Reaktion sein Verhalten in seinem Gegenüber auslösen wird. Er selbst sieht sich als Objekt aus der Sicht des anderen an.

Schon das Kind lernt nach Mead in Spiel- und Wettkampfsituationen, das konkrete Verhalten der anderen zu antizipieren und mit dem regelgerechten Verhalten – dem "verallgemeinerten Anderen" in Beziehung zu setzen, was er am Beispiel des Baseballspiels zeigt. Ein Spieler könne nur dann handeln, wenn er die Regeln, Aufgaben und Handlungen aller Mitspieler und auch seine eigene Rolle kenne. Auch alle anderen Spieler müssen dies mit seinem Verhalten tun können, damit das Baseballspiel überhaupt möglich ist. Dieser "Generalisierte Andere" stellt nicht nur das dynamische Regelsystem innerhalb eines Wettkampfes dar, sondern ist nach Mead typische für die Funktionsweise von Normen in der Gesellschaft. Durch die wechselseitige Orientierung an eben diesem Generalisierten Anderen kommt es zu einer sozialen Strukturierung des Selbst, das nach Mead aus drei Teilen besteht: ME, I und SELF. Die objektivierten Haltungen der anderen bilden das organisierte ME, es enthält die Normen und Ansprüche der Gesellschaft an den Akteur. Die Instanz des I dient der Selbstbehauptung, in ihm werden eigene Ansprüche und Gefühle artikuliert. Das Selbst (SELF) versucht, die Ansprüche von ME und I in ein gewisses Gleichgewicht zu bringen. So wird die These von Mead verständlich, dass das Individuum seine Identität durch die Interaktion mit anderen Individuen entwickelt, dabei selbst eine wichtige Aufgabe einnimmt und gesellschaftliche Restriktionen verändern kann.

Die zentralen Gedanken von G. H. Mead hat sein Schüler, der US-Soziologe Herbert Blumer (1900 bis 1987) systematisiert und den Begriff des Symbolischen Interaktionismus geprägt. Entsprechend heißt sein erste Grundsatz: Beziehungen haben Bedeutung. (vgl. Blumer 1973) Das Bild vom handelnden Menschen als einer Marionette, wie das die Rollentheorie nahelegt, täuscht darüber hinweg, dass die Fäden, an denen der Mensch hängt, nicht in allen Bereichen so klar definiert sind, wie es scheint. Soziale Wirklichkeit gleicht nur in bestimmten Bereichen der Mechanik eines Räderwerkes, in dem ein Rad ins andere greift. Vielmehr sind die Erwartungen der anderen (z.B. von wichtigen Bezugspersonen) wie Symbole zu verstehen, haben daher immer eine Bedeutung, werden von Ego und Alter immer interpretiert und so ins interne Handlungsprogramm übersetzt. Wenn Eltern von ihren Kindern erwarten, dass sie pünktlich nach Hause kommen, dann muss die Botschaft (Erwartung) von Ego und Alter halbwegs einheitlich verstanden (wann genau?) und von Alter auch beachtet werden und was zu tun ist, wenn es mit der Zeit knapp wird oder Unvorhergesehenes dazwischenkommt (Rückruf per Handy). Die Akteure lernen, da die Bedeutungen unterschiedliche Interpretationsspielräume lassen, mit den Unterschärfen von Erwartungen und Normen situationsbezogen und sozial sinnvoll umzugehen (Ambiguitätstoleranz).

Eltern sehen, dass sie mit ihren Kindern im Gespräch bleiben müssen, denn sie stehen in Konkurrenz zu den Wirklichkeitsdeutungen all der anderen Akteure (Freunde, Klassenkameraden, Schule, Unterricht, Medien etc.). Das Besondere an sozialen Situationen ist, dass sie nicht wie physikalische Tatsachen unabhängig von den Akteuren feststehen, sondern gerade über und durch die Akteure erst geschaffen werden. Dies kommt in dem nach ihrem "Erfinder" genannten Thomas-Theorem zum Ausdruck: "Wenn Menschen Situationen als real definieren, sind sie in ihren Konsequenzen real." Dies kann als ein Grundsatz der Soziologie angesehen werden und ist auf viele Vorgänge und Regeln übertragbar, die unseren Alltag gestalten und regulieren. Auch im Bereich der Ökonomie funktioniert soziale Wirklichkeit auf diese Weise: Wenn über eine Bank, die in sich gut aufgestellt ist, das Gerücht verbreitet wird, sie drohe, zahlungsunfähig zu werden, holen die Kunden ihre Guthaben von ihren Konten und die Bank wird tatsächlich zahlungsunfähig (self-fulfilling prophecy). Von hier aus wird auch deutlich: Wenn der Gesprächsfaden zwischen den Eltern und Kindern mehr und mehr einschläft oder gar abbricht, weil die Kinder mehr und mehr in ihre Welt eintauchen und z.B. Neue Medien für ihre Kommunikation nutzen, entstehen unterschiedliche soziale Welten. Verständigung wird schwierig, ohne dass dies am bösen Willen der Akteure liegt. Eine Pflege der Beziehungen macht dauerhafte Verständigung erforderlich.

Der zweite Satz von Blumer lautet: Beziehungen zwischen Ego und Alter werden dann und in dem Maße zu sozialen Beziehungen, wenn Ego und Alter bereit sind, wechselseitig die Erwartungen (Perspektiven) der anderen zu übernehmen und anzubieten. Vom Fußballspiel ist dieser Gedanke der Interaktion geläufig im Bild des Doppelpass-Spiels: Spieler 1 gibt den Ball an Spieler 2 in der Erwartung, dass Spieler 2 ihn zur Umgehung des Gegners wieder in den Lauf von Spieler 1 zurückspielt und Spieler 1 dann freies Schussfeld aufs Tor hat. Ein eingespieltes Team kann diese Form von Interaktion perfektionieren und auch dritte Spieler noch mit einbinden und daraus dann einen "Kreisel" machen. Im sozialen Alltag entsteht durch wechselseitige Verhaltensangebote soziale Wirklichkeit - auch role-Taking und role-making genannt. Vor diesem Hintergrund lässt sich der für die Gestaltung sozialer Beziehung wichtige Grundsatz der Reversibilität gut verdeutlichen: Wenn ich von dir erwarte, dass du fair mit mir umgehst, kannst du das auch von mir erwarten.

Die dritte zentrale Einsicht, die der Symbolische Interaktionismus über die soziale Wirklichkeit vermittelt, ist die von der Gestaltbarkeit sozialer Beziehungen, von der Plastizität der sozialen Realität. Rollen, Normen, Verhaltensweisen, Interaktionen sind gestaltbar und verändern sich. Dieser Aspekt ist besonders wichtig für das Verständnis von abweichendem Verhalten, wie dies entsteht und wie man damit umgehen kann. Das Beispiel, wie die Sozialisation ("Produktion") von guten und schlechten Schülern in der Schule vor sich geht und häufig als Ergebnis sozialer Beziehungen (Etikettierungen) angesehen werden kann, verdeutlicht den plastischen Charakter von sozialer Wirklichkeit und den Gegensatz zum Behaviorismus.

Dem Thomas-Theorem folgend gewinnt der Sozialwissenschaftler eine hohe Sensibilität dafür zu untersuchen, was die Akteure jeweils aus ihrer subjektiven Sicht als soziale Wirklichkeit ansehen und was nicht. Aber innerhalb dieses Konzeptes gibt es dann keine Möglichkeit mehr, zwischen Lüge und Wahrheit, Propaganda und Information, Richtig und Falsch zu unterscheiden. Alles, was für wahr gehalten wird, wird im Rahmen dieses Konzeptes als "wahre" Aussage angesehen. Denn es ist von vorrangigem Interesse zu analysieren, wie es gelingt, soziale Wirklichkeit zu inszenieren und zu konstruieren. "Die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit" – so der zutreffende Titel des Klassikers von Berger/Luckmann – ist das zentrale Thema. Der soziologische Betrachter versucht zu analysieren, dass und wie sich die Definition der Situation z.B. des Mächtigeren (Ohnmächtigeren?) durchsetzt, ohne jeweils auf ihren Realitätsgehalt hin überprüft worden zu sein. Eine Basis für eine Kritik der sozialen Situation, welche Krisenlösungen z.B. akzeptabel bzw. inakzeptabel (inhuman) sind, ergibt sich innerhalb dieses Konzeptes nicht.

Außerhalb der empirischen Wissenschaften und innerhalb der Alltagswelt der Akteure gibt es durchaus Möglichkeiten, diese Orientierungslücke zu schließen. Die meisten Menschen wissen, was moralisch ist und was nicht, was gut und was verwerflich ist, auch wenn sie nicht genau sagen können, warum. So ist in fast allen Kulturen der Welt die Goldene Regel bekannt und wird als Grundlage für humanes Denken und faires Handeln auch schon von Kindern anerkannt: "Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu!" Diese Regel nutzt die Fähigkeit des Menschen zur Perspektivenübernahme und fordert ihn auf, sein Handeln auf Fairness hin zu überprüfen. Systematisch hat der Philosoph I. Kant sich mit der Grundlegung der Moral beschäftigt, die Fähigkeit des Menschen zur Perspektivenübernahme, die in der Goldenen Regel schon verlangt wird, verallgemeinert und in die Form eines Kategorischen Imperativs gebracht, der so heißt, weil er unabhängig von empirischen Bedingungen und Erkenntnissen Allgemeingültigkeit beansprucht, also kategorisch gilt.

Wolfgang Sander

Zur Person

Wolfgang Sander

Prof. Dr. phil., geb. 1944; Erziehungswissenschaftler an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Anschrift: Westfälische Wilhelms-Universität, Institut für Erziehungswissenschaft, Georgskommende 33, 48143 Münster.
E-Mail: sander@uni-muenster.de


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln