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30.10.2010

Didaktische Konzeption

Dieses Projekt möchte mithilfe einer Online-Befragung zum Thema "Ich, du, wir - wie gehen wir miteinander um?" innerhalb der Klasse oder Jahrgangsstufe dem Thema Mobbing in der Schule auf die Spur kommen: Wie gehen Schülerinnen und Schüler miteinander um, gibt es gar Fälle von Mobbing auch an unserer Schule? Auf Grundlage der durch die Schülerinnen und Schüler selbst erhobenen anonymen Daten kann die Situation in der Klasse analysiert werden. Anschließend werden Maßnahmen vorgeschlagen, die einen guten Umgang miteinander sichern und somit Mobbing verhindern helfen oder aber bestehende Mobbingprozesse beenden.

Einführung



Zielgruppe

Klasse 7-10, alle Schulformen

Ziele

  • Mobbing und Gewalt sowie ein gutes Miteinander zum Thema und Entwicklungsprojekt des gemeinsamen Unterrichts machen
  • Erarbeitung des Phänomen "Mobbing" sowie Reflexion über die eigene Rolle und das eigene Verhalten
  • Auswahl an möglichen Maßnahmen zur Prävention von Mobbing, Stärkung der Empathie und Förderung eines guten Miteinanders

Unterrichtsfächer

Politik/SoWi/Gesellschaftslehre, Religion, Ethik, Klassenlehrerunterricht

Themenbezug

Soziale Gruppe; Soziales Lernen; Befragungsmethoden; Neue Medien

Dauer

2 - 8 Wochen, je nach Baustein-Auswahl

Aufwand

Je nach Schwerpunktsetzung und Umfang

Materialien

  • je Baustein: Schema des Unterrichtsverlaufs und didaktische Hinweise, Sachinformationen und Unterrichtsmaterialien
  • Onlinefragebogen für Klassenbefragung zur zeitsparenden Teilnahme
  • Alle Materialien stehen unter www.bpb.de/grafstat zur Verfügung.

Autor/innen

Wolfgang Sander, Julia Haarmann, Sabine Kühmichel


Zitat:

"Schule hat einen gesellschaftlichen Auftrag. Sie kann und darf das Phänomen Mobbing nicht ignorieren, so wie jeder Erwachsene in unserer Demokratie sich der Thematik stellen muss. Mobbing ist das schleichende Gift für die Demokratie."

(Aus: Jäger, R. S. und J. Riebel (ZEPF Uni Koblenz): Mobbing bei Schülerinnen und Schülern in der Bundesrepublik Deutschland. Eine empirische Untersuchung auf der Grundlage einer Online-Befragung im Jahre 2009.)

Dieses Zitat aus einer Mobbingstudie macht drei Dinge deutlich:
  1. Wir haben einen Auftrag, uns dem Problem Mobbing zu stellen und dagegen vorzugehen.
  2. Mobbing ist Gift für die Demokratie, da es demokratische Strukturen und ein zivilisiertes Miteinander gefährdet.
  3. Und es entwickelt sich schleichend, d.h. es existiert häufig unbemerkt, nimmt aber stetig zu und gewinnt immer mehr an Bedeutung.
Das Thema Mobbing anzugehen, ist jedoch keinesfalls einfach. Viele Lehrer haben Bedenken, ein solch sensibles Thema aufzugreifen, häufig auch Angst, "schlafende Hunde zu wecken". Was passiert, wenn – bspw. durch eine Befragung – herauskommt, dass es in der eigenen Klasse Fälle von Mobbing gibt? Ist dies nicht eventuell schädlich für das eigene oder auch das Image der Schule? Und was kann bzw. muss ich tun, um dann Mobbing zu beenden oder auch präventiv, damit Mobbing erst gar nicht entstehen kann?

Es gibt leider keine "Kochrezepte" zur Bekämpfung oder zur 100%ig sicheren Prävention von Mobbing. Doch ein erster Schritt ist getan, wenn man sich dem Problem Mobbing bewusst stellt. Dazu gehört in erster Linie, dass man aufmerksam darauf achtet, ob es Anzeichen für Mobbing gibt (vgl. Info 02.03). Befragungsprojekte wie dieses können helfen, Mobbing oder mobbingfördernde Verhaltensweisen aufzudecken. Wenn man einen oder mehrere Fälle von Mobbing entdeckt hat, gilt es engagiert und couragiert dagegen vorzugehen.

Dabei muss man nicht als "Einzelkämpfer" aktiv werden. Bei einem solchen Projekt ist fast immer auch die Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen und die Schulleitung sinnvoll, hilfreich, wenn nicht gar unerlässlich.

Da das Thema insbesondere hinsichtlich der Prävention von Mobbing zudem eine langfristige Relevanz hat und nicht einfach "abgehakt" werden kann, ist es wichtig, dass es schulübergreifend als dauerhafte Aufgabe bspw. in Form eines Anti-Mobbingkonzepts im Schulprogramm/Schulprofil verankert wird.

Intern oder extern?



Aufgrund der hohen Komplexität und emotionalen Betroffenheit der Opfer, Täter – aber auch der Lehrkraft – sowie dem engen Beziehungsgeflecht der Klassengemeinschaft, stellt sich die Frage, ob Mobbing wirklich das Aufgabenfeld allein für den Klassenlehrer bzw. die Klassenlehrerin darstellt oder nicht doch auch externe Experten zu Rate gezogen werden sollten.

Die externe Beratung und Unterstützung durch Experten, also Fachleuten, die mit der Thematik bestens vertraut sind und praxiserprobte außerunterrichtliche Konzepte entwickelt haben, können gerade bei einem so sensiblen Thema – und insbesondere wenn akute Fälle von Mobbing vorliegen – eine gute Ergänzung oder Alternative sein.

Mit Hilfe des Online-Fragebogens können Sie die Befragung schnell und unkompliziert in der Klasse durchführen. (© GrafStat)

Wichtig ist, dass Sie für sich genau klären, wo die Grenzen in den eigenen Kompetenzen liegen. Als Lehrkraft sind Sie Experte/ Expertin für den (Fach-)Unterricht und in vielerlei didaktischer Hinsicht, doch pädagogisches Handeln im Falle eines akuten Mobbingfalls erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl und eine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik.

Die folgende Unterrichtsreihe versucht das Thema Mobbing näherzubringen. Dabei soll es – auch wenn dazu ebenfalls Materialien und Linktipps angeboten werden – weniger um das Bearbeiten von akuten Mobbingfällen gehen, sondern um eine Bewusstmachung des Themas und Sensibilisierung für Indikatoren und begünstigende Faktoren von Mobbing.

Grundidee des Befragungsprojektes ist es daher, auf Klassen- oder Jahrgangsstufenebene eine Online-Befragung zum Thema "Ich, du, wir - wie gehen wir miteinander um?" durchzuführen. Ziel dabei ist herauszufinden, wie die Schülerinnen und Schüler miteinander umgehen und ob es evtl. gar Fälle von Mobbing gibt. Auf Grundlage der Datenbasis können daran anschließend Maßnahmen ergriffen werden. Diese Maßnhamen können einen guten Umgang miteinander sichern, Mobbing (präventiv) verhindern helfen oder evtl. bestehende Mobbingprozesse beenden.

Inhaltsübersicht



Bei diesem Angebot handelt es sich nicht um eine abgeschlossene Unterrichtsreihe, die von der ersten bis zur letzten Einheit durchgeführt werden sollte, sondern um ein Unterrichtsprojekt, das nach dem Bausteinprinzip aufgebaut ist und entsprechend variabel eingesetzt werden kann. Vorgestellt werden nicht einzelne Unterrichtsstunden, sondern thematische Schwerpunkte verfolgende Unterrichtseinheiten, deren Bearbeitung durchaus mehrere Unterrichtsstunden in Anspruch nehmen kann.

Baustein 1: Anbahnung der Befragung



Zu Beginn der Reihe stellt Baustein 1 Material zur Bewusstmachung des Themas und Anbahnung des Befragungsprojekts zur Verfügung. Die Schülerinnen und Schüler sollen hier erschließen, warum das Thema eine Bedeutung für sie hat. Sie sollen in die Lage versetzt werden, einen persönlichen Bezug zur Thematik herzustellen und die allgemeine Relevanz des Themas ermitteln. Was ist Mobbing genau und gibt es in unserer Klasse Fälle von Mobbing?

In Baustein 1 wird die Online-Befragung durchgeführt. Die Schülerinnen und Schüler sollten möglichst unbefangen den Fragebogen zum Klassenklima ausfüllen können. Um allerdings abzuklären, dass Mobbing sich von herkömmlichen Konflikten und Streitereien unterscheidet, wird mit M 01.02 zunächst eine Definition von Mobbing erarbeitet. Zudem sollen den Schülerinnen und Schülern hier die Methodik sowie die Praktikabilität des Instruments der Befragung zur Ermittlung von Aussagen über den Umgang und das Miteinander in der Klasse ersichtlich werden.

Die Auswertung der Befragung kann - sofern keine heiklen Ergebnisse vorliegen - von den Schülerinnen und Schüler selbst durchgeführt werden. (© Sebastian Stolte)

Baustein 2: Ist das schon Mobbing?



In Baustein 2 geht es um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema Mobbing. Zunächst wird anknüpfend an die Definition von Mobbing aus Baustein 1 vertiefend herausgearbeitet, wodurch sich Mobbing von herkömmlichen Konflikten unterscheidet. Dies ist wichtig, da der Begriff "Mobbing" im Sprachgebrauch Jugendlicher sehr häufig für Phänomene verwendet wird, bei denen es sich nicht wirklich um Mobbing handelt.

Anschließend geht es um die am Mobbing beteiligten Akteure (Täter, Opfer, Zuschauer und Mitläufer) und ihre Beziehung zueinander, aber auch Gründe und Ursachen für mobbendes Verhalten sowie die Konsequenzen für die Opfer werden näher beleuchtet.

Baustein 3: Cybermobbing



Baustein 3 beschäftigt sich mit einer neuen Form von Mobbing, dem Cybermobbing oder auch Cyberbullying. Nach der Klärung, was neu an dieser Art des Mobbings ist, werden Besonderheiten des Cybermobbings inkl. der Folgen für die Opfer herausgestellt. Die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich anschließend mit den konkreten Formen, in denen Cybermobbing vorkommen kann, um in einem weiteren Schritt zu erarbeiten, wie man sich gegen Cybermobbing schützen kann, und zwar auf individueller wie auch auf rechtlicher Ebene.

Baustein 4: Auswertung der Befragung



In Baustein 4 geht es darum, die in der Klasse erhobenen Daten ggf. gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern auszuwerten. Ziel ist es, Erkenntnisse zum gemeinsamen Umgang und Miteinander in der Klasse zu gewinnen, um so bei Bedarf anschließend Maßnahmen ergreifen zu können, die das Miteinander und den Umgangston verbessern und damit Mobbing zu verhindern helfen.

Jugendliche erwerben dabei wertvolle methodische Fertigkeiten im Umgang mit Statistiken im Allgemeinen, den spezifischen Umfrageergebnissen sowie mit der Software GrafStat. Schritt für Schritt werden hier Lehrpersonen sowie Schülerinnen und Schüler dazu an die grundlegenden Auswertungsfunktionen der Software GrafStat herangeführt.

Baustein 5: Was tun bei Mobbing? – Gegenmaßnahmen



Baustein 5 bildet den Abschluss der Befragung und zugleich den Beginn der aktiven Phase, um Mobbing zu beenden bzw. Mobbing präventiv zu begegnen.

Anknüpfend an die Auswertungsphase von Baustein 4 sollen die Ergebnisse dahingehend diskutiert werden, welche Konsequenzen nun daraus gezogen werden können und sollen. Ganz wichtig ist dabei zu unterscheiden: Was kann ich selbst in und mit der Klasse lösen? Wo muss ich mir Hilfe von Dritten holen bzw. Dritte zur Durchführung geeigneter Maßnahmen hinzuzuziehen?
Creative Commons License

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Wolfgang Sander, Julia Haarmann, Sabine Kühmichel

Zur Person

Wolfgang Sander

Prof. Dr. phil., geb. 1944; Erziehungswissenschaftler an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Anschrift: Westfälische Wilhelms-Universität, Institut für Erziehungswissenschaft, Georgskommende 33, 48143 Münster.
E-Mail: sander@uni-muenster.de


Julia Haarmann

Zentrum für Lehrerbildung, Westfälische Wilhelms-Universität Münster.


Sabine Kühmichel

Institut für Erziehungswissenschaft, Westfälische Wilhelms-Universität Münster.


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