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20.7.2014

M 03.06 Erklärungsansatz auf der Individualebene

[…] Wie rechtsextreme Einstellungen entstehen, ist ein komplexer Prozess und wird in den Sozialwissenschaften denn auch vielschichtig und mitunter kontrovers diskutiert. Zunächst, das ist eine erste zentrale Perspektive vieler Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, entwickeln sich politische Einstellungen auf der Individualebene, insbesondere die Familie. Erfahrungen in der Schule und in der Gleichaltrigengruppe, der Peergroup, haben Einfluss auf die Ausprägung politischer Orientierungen. […]

Familie als Sozialisationsort ist kein statisches, sondern ein dynamisches Gebilde, welches sich im Spannungsfeld zwischen traditionalen Anforderungen einerseits und den Folgen von Modernisierungs- und Individualisierungsprozessen andererseits bewegt. Sozialisation ist dabei ein zeitlicher Prozess mit je unterschiedlichen Aufgaben in der Entwicklung der Persönlichkeit. Zentral ist hier die Vermittlung, und Internalisierung von gesellschaftlichen Werten, Normen und Rollen mit dem Ziel der gesellschaftlichen Integration. Welche Bedeutung der Familie in der Herausbildung einer rechtsextremen Einstellung zukommt, wird von verschiedenen empirischen Studien unterschiedlich akzentuiert. Einige Autoren sehen den Beitrag der Familie vor allem in der direkten „Transmission“, also der Übertragung von autoritärem Denken und Fremdenfeindlichkeit und fokussieren auf Parallelen zwischen der politischen Orientierung von Eltern und ihren Kindern. Eine weitere Perspektive zur Erklärung bieten solche empirische Befunde an, die in der Bindungs- und Beziehungsqualität familiale Einflüsse in der Entstehung von jugendlichem Rechtsextremismus verorten. Weitere Autoren konzentrieren sich in ihrer Analyse auf die elterlichen Erziehungspraxen: So begünstigen schlechte Beziehungen und ein autoritärer Erziehungsstil Fremdenfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft. Weiter prägen elterliche Gewalterfahrungen in der Kindheit die rechtsextreme Gesinnung von Jugendlichen und die Zustimmung zu Rechtsextremismus nimmt dann zu, wenn von Ablehnung und Strafe durch die Eltern berichtet wird und gleichzeitig die emotionale Nähe abnimmt. […]

Reiner Becker (2013): Wege in den Rechtsextremismus. In Reiner Becker/Kerstin Palloks (Hrsg.): Jugend an der Roten Linie. Analysen und Erfahrungen mit Interventionsansätzen zur Rechtsextremismusprävention. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag, S. 14-25.


[…]Aus den Forschungen zu den Ursachen ergibt sich, dass das Einzige, worüber sich die Forschenden einig sind, die Tatsache ist, dass es immer mehrere Faktoren sind, die zusammenkommen müssen. Man kann also auf keinen Fall sagen, die Ursachen liegen alleine in der Familie, oder die Eltern sind die Hauptverantwortlichen, sondern es sind in der Tat immer mehrere Faktoren ausschlaggebend. Das sieht man schon allein daran, dass es Familien gibt, wo das eine Kind rechts ist, das andere links und das andere völlig unpolitisch oder indifferent, d.h., der Familie die Hauptverantwortung oder gar die einzige Verantwortung zuzuschieben, das wäre sicher eine Fehlinterpretation. Deswegen möchte ich zunächst kurz die außerfamiliären Ursachen ansprechen und dann, weil dies heute auch das Thema und der Anlass der Veranstaltung ist, stärker auf das Thema Familie und mögliche Ursachen dort eingehen. Also zunächst zu den außerfamiliären Ursachen: Es ist im Wesentlichen die Peergroup und die Kameradschaft, die Gruppen, die versprechen, dass man Gemeinschaft findet, dass man Orientierung findet, dass man Geborgenheit und Anerkennung findet. Es locken vielfältige Angebote, wie Zeltlager, Heimattreffen, Sonnenwendfeiern, Wehrsportgruppen, Grenzlandfahrten und viele verschiedene politische Aktionen, die Abenteuer versprechen und vor allen Dingen Kameradschaft, Gemeinschaft und Geborgenheit. Für viele ist auch die Musik ein Anlass zum Einstieg in die rechte Szene, eine Musik, die sehr hart und brutal ist und die Opposition gegen alles und jeden propagiert, in der sich die Musiker selbst zu Helden stilisieren, die für Volk und Vaterland, das von allen Seiten bedroht zu sein scheint, kämpfen. Sie schwärmen von großartigen Zeiten, von früher, und rufen auf zu Hass und Gewalt. Aber harte Musik, Protest, Gewalt, Abenteuer, Gemeinschaft finden wir auch in anderen Jugendkulturen. Das ist nicht unbedingt ausschließlich das Privileg der Rechten. Ist es doch auch der Sinn von Jugendkulturen insgesamt, sich in einen Gegensatz zur Gesellschaft zu stellen, zu den Eltern zu stellen, eigene Positionen zu erproben, auch mit einer gewissen Unbedingtheit, mit einer gewissen Radikalität, den eigenen Stil zu finden und Protest zu artikulieren. Also insofern nochmals die Frage: Warum gerade rechts? Warum nicht irgendeine andere Jugendkultur? Ich denke, ein wesentlicher Unterschied zwischen Rechtsextremen und anderen Gruppierungen besteht darin, dass bei den Rechten die „richtige“ Herkunft und die „richtige“ Hautfarbe schon reichen, um dazuzugehören. Man gehört dann schon zur Elite, zur Vorhut der Gesellschaft, und kämpft für eine große Sache. So wird man wichtig und mächtig zugleich. Im Prinzip erhöhen sie sich selbst auf Kosten Anderer. Sie müssen Andere unterdrücken, um selbst größer zu erscheinen. Insofern denke ich, ist ein zentraler Unterschied zu anderen Jugendkulturen das Machtmotiv, sich auf Kosten anderer zu er höhen, die Rolle der Elite im Volk zu spielen und alle, die nicht zu uns gehören, als minderwertig zu verachten. […]

Aus: Birgit Rommelspacher: Warum ausgerechnet die rechte Szene? Ursachen und Einstiegsgründe junger Menschen sowie die Rolle von Eltern und Schule. 2010, http://www.berlin.de/imperia/md/content/lb-lkbgg/fes/rechtsextremismus/rommelspacher.pdf?start&ts=1246965798&file=rommelspacher.pdf


[…]Die Herausbildung einer politischen Einstellung vollzieht sich also in einem „Dreieck von Familie, Schule und Peers“, ergänzt um den Einfluss der Massenmedien und der neuen Kommunikationstechnologien, insbesondere der sozialen Netzwerke im Internet, und wird im weiteren Verlauf von nachgeordneten, so genannten sekundären Sozialisationsinstanzen, mit geprägt und geformt. Auch Organisationen der rechtsextremen Szene können in dieser Lesart als nachgeordnete Instanz der politischen Sozialisation betrachtet werden. So unterschiedlich die Merkmale und Reichweiten der hier skizzierten primären Instanzen der politischen Sozialisation sind, treten sie nicht in einer bestimmten zeitlichen Reihenfolge in Erscheinung, sondern parallel, neben- und miteinander und substituieren sich zum Teil phasenweise wechselseitig.

Reiner Becker (2013): Wege in den Rechtsextremismus. In Reiner Becker/Kerstin Palloks (Hrsg.): Jugend an der Roten Linie. Analysen und Erfahrungen mit Interventionsansätzen zur Rechtsextremismusprävention. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag, S. 14-25.

Arbeitsaufträge
  1. Einzelarbeit
    • Lies dir den Erklärungsansatz sorgfältig durch.
    • Markiere zentrale Begriffe in dem Text und kläre die Begriffe, die du nicht verstehst. Fertige einen Spickzettel an, der die wichtigsten Informationen des Textes enthält.
  2. Gruppenarbeit
    • Stellt euch nun gegenseitig (mithilfe eures Spickzettels) die drei verschiedenen Erklärungsansätze vor.
    • Bearbeitet danach gemeinsam das Arbeitsblatt M 03.09 und versucht mithilfe eurer Arbeitsergebnisse „Wenn…dann-Sätze“, wie im Beispiel aus M 03.05 zu formulieren.
    • Schneidet eure „Wenn…dann-Sätze“ aus und versucht sie nach den Themen „Familie und Individualebene“, „Jugendkultur und Umgebung“ und „Gesellschaft“ zu sortieren.
Das Arbeitsmaterial ist PDF-Icon hier als PDF-Dokumente abrufbar.
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