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20.7.2014

M 03.12 Rollenspiel Flüchtlingsunterkunft

Im Unterricht hast du in der Reihe „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen?!" – Rechtsextremistische Einstellungen im Alltag, was können wir dagegen tun?" bereits etwas über Vorurteile und rechtsextremistische Einstellungen gegenüber Flüchtlingen erfahren. Viele Menschen, die aus ihren Heimatländern flüchten müssen, kommen nach Deutschland. Zurzeit steigt die Anzahl der Flüchtlinge und Asylbewerber, sodass Länder und Kommunen die Kapazitäten für Flüchtlingsunterkünfte erweitern. Beispielsweise werden alte Kasernen oder Schulen zur Verfügungen gestellt. In einigen Städten ist es deshalb zu Konflikten und Protesten gekommen. Neben den Gruppen, die sich gegen die Einrichtungen von Flüchtlingsunterkünften einsetzen und dagegen protestieren, gibt es auch Gruppen, die sich für den Verbleib von Flüchtlingen engagieren.

Im Folgenden erhaltet ihr die Aufgabe, auf der Grundlage der neun unten stehenden Rollenprofile, in Gruppenarbeit zunächst ein Rollenspiel zu dem Konflikt um eine Flüchtlingsunterkunft zu entwerfen und es dann auch zu spielen. Achtet dabei besonders auf das problematische Verhältnis zwischen den beiden Positionen, die sich für und gegen Flüchtlingsunterkünfte einsetzen. So könnt ihr erfahren wie es in der Realität zugeht.

Die Beteiligten:
a) Pfarrer der St. Bonifatius Gemeinde
b) Antirassistische Jugendgruppe Ebenkirchen
c) Anwohnerinitiative „Buntes Ludwigshagen heißt Flüchtlinge willkommen“
d) Bürgerinitiative „Kein Flüchtlingsheim in unserer Schule“
e) Bewohner der Flüchtlingsunterkunft
f) Jugendamt der Stadt Ebenkirchen
g) Ordnungsamt der Stadt Ebenkirchen
h) Pro NRW
i) CDU Ebenkirchen
j) SPD Ebenkirchen

Geht wie folgt vor: Führt das Rollenspiel auf: Hintergrundinfos zum Stadtteil
Der Stadtteil Ludwigshagen der Ruhrgebietsstadt Ebenkirchen (ca. 500.000 Einwohner) ist ein bürgerlich geprägtes Wohnviertel. Ein Großteil der Anwohner lebt hier seit mehreren Generationen im eigenen Haus mit Garten. Die Menschen kennen sich untereinander, es wird viel Wert auf eine gute Nachbarschaft gelegt. Der demographische Wandel ist auch hier zu spüren, vor einigen Jahren wurde bspw. die örtliche Grundschule aus Kos-tengründen geschlossen und steht seitdem leer. Die Schülerinnen und Schüler besuchen seitdem eine Grundschule in einem anderen Stadtteil und haben einen wesentlich längeren Schulweg.

Der Konflikt
Seit einigen Monaten ist es öffentlich bekannt, dass die Stadt Ebenkirchen in den nächsten Monaten ca. 1.000 neue Flüchtlinge, v.a. aus Süd- und Osteuropa, aufnehmen muss. Die Debatte über die Unterbringung dieser Menschen nimmt viel Platz in der öffentlichen Berichterstattung ein und wird rege im Rat der Stadt und in der Zivilgesellschaft diskutiert. Die regionalen Zeitungen berichten regelmäßig über mögliche Standorte, wird so auch die ehemalige Grundschule im Stadtteil Ludwigshagen in Erwägung gezogen. Gerüchte über eine kostspielige Renovierung der Schule und mögliche negative Folgen für den Stadtteil machen die Runde und werden, v.a. in den sozialen Netzwerken, heftig diskutiert. Lokale Politikerinnen und Politiker der beiden großen Volksparteien versuchen die Lage zu beruhigen und verweisen darauf, dass die Stadt sich noch für keinen Standort entschieden habe. Daraufhin gründet sich die Bürgerinitiative „Kein Flüchtlingsheim in unserer Schule“ in dem sich viele Nachbarn organisieren und sich öffentlich gegen eine mögliche Flüchtlingsunterkunft in ihrem Stadtteil positionieren. Durch Plakataktionen und Banner im Stadtteil wollen sie darüber hinaus auf das „Problem“ aufmerksam machen.

Die rechtspopulistische Partei „Pro NRW“, mit zwei Sitzen im Rathaus vertreten, wird auf die Situation aufmerksam und startet eine rassistisch aufgeladene Medienkampagne und fordert „Einen sofortigen Stopp der Aylantenflut“. Mit mehreren Kundgebungen vor der ehemaligen Schule sowie einer breit angelegten Internetkampagne versucht die Partei die Stimmung weiter aufzuheizen. Begleitet werden die Kundgebungen – an denen ca. 50 Personen teilnehmen – von breiten Gegenprotesten der „Antirassistischen Jugendgruppe Ebenkirchen“, zu denen mehrere hundert Menschenkommen. In den Redebeiträgen der rechtspopulistischen Partei wird die Bürgerinitiative „Kein Flüchtlingsheim im unserer Schule“ lobend erwähnt, die sich daraufhin öffentlich von „rechtsextremen Thesen und Parteien“ distanziert. Als in der Ratssitzung wenige Tage später die ehemalige Grundschule als ein neuer Standort einer Flüchtlingsunterkunft endgültig bestimmt wird, verschärft sich die Lage noch einmal drastisch. Im Stadtteil Ludwigshagen tauchen rassistische Schmierereien und Plakate auf, die mehr oder weniger deutlich Gewalt gegen die Flüchtlinge androhen. Des Weiteren berichtet die Polizei von einem Farbbeutelangriff auf das Gebäude und die Zerstörung von Glasscheiben durch den Gebrauch einer Schusswaffe.

Die Bürgerinitiative „Kein Flüchtlingsheim im unserer Schule“, die sich von der Politik im Stich gelassen und betrogen fühlt, veranstaltet eine Lichterkette mit anschließender Mahnwache vor der ehemaligen Schule. Einige hundert Anwohnern nehmen an dieser Aktion teil, darunter auch Mitglieder und Sympathisanten von Pro NRW. Das Ordnungsamt richtet sich ebenfalls mit einem Appell an die Politik: „Der zusätzliche Arbeitsaufwand, den ein Flüchtlingsheim zwangsläufig mit sich bringt, kann nicht ohne erhebliche Qualitätseinbußen in anderen Arbeitsbereichen, gestemmt werden.“ Schuldzuweisen, Anschuldigungen und Streitgespräche zwischen den verschiedenen Akteuren bestimmen daraufhin die Berichte der regionalen Presse.

Der Einzug der ersten Flüchtlingsfamilien wird die Woche darauf mit großem öffentlichem Interesse wahrgenommen. Gut 400 Anwohner haben sich vor der ehemaligen Schule versammelt und sehen, wie die ersten Flüchtlinge unter Polizeischutz die Unterkunft be-ziehen. Vereinzelte „Buh- Rufe“ zu hören und abweisende Gesten zu beobachten, ansonsten bleibt es jedoch weitestgehend ruhig.

Als wenige Tage später der Vorsitzende der Bürgerinitiative „Kein Flüchtlingsheim in un-serer Schule“ jugendliche Flüchtlinge aus der Unterkunft des Diebstahls bezichtigt und bekannt gibt, dass die Initiative „jetzt erst recht weiter kämpfen werde“, lädt der Pfarrer der örtlichen Pfarrgemeinde St. Bonifatius alle Anwohner und Beteiligten zu einer Bürgerversammlung im Gemeindesaal ein.

Das Jugendamt der Stadt Ebenkirchen schaltet sich darauf ein und fordert ausdrücklich auch die Flüchtlinge zu der Veranstaltung einzuladen. Es sei „genug über diese Menschen“ geredet worden und an der Zeit „mit den Menschen die fliehen mussten“ ins Gespräch zu kommen. „Geflüchtete sind jetzt genauso Bewohner des Stadtteils wie jeder andere auch und haben somit auch ein Recht auf der Bürgerversammlung gehört zu werden“.

Das gesamte Arbeitsmaterial mit den Rollenkarten ist PDF-Icon hier als PDF-Dokument abrufbar.

Das Rollenspiel wurde erarbeitet von der Mobile Beratung im Regierungsbezirk Münster. Gegen Rechtsextremismus, für Demokratie, http://www.mobim.info/.
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