30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren


Mich hat die neue Zeit geküsst

Abini Zöllner im Interview

Die Publizistin spricht über ihre Erfahrungen als Farbige in der DDR und über die Wendezeit.

Inhalt

Für die Journalistin und Autorin Abini Zöllner kam die Wende zum rechten Zeitpunkt – als 22-jährige. Das Reisen begann und die selbstbestimmte berufliche Orientierung. Zöllner hat die DDR nie als Vaterland aber als Heimat begriffen, es war eine menschliche, wenn auch keine politische Bindung. Zunächst habe sich die Aufarbeitung der DDR nach 1989 auf Politik und Wirtschaft reduziert, doch nun rückten auch die Biografien und persönlichen Erfahrungen in den Mittelpunkt, die so verschieden waren. In dem Buch "Schokoladenkind" erzählt Zöllner von ihrem Leben als Farbige und der Wendezeit.

Das Interview entstand am Rande der Veranstaltung "Weltfestspiele '73 - Heldinnen, Bands & Klassenbrüder" vom 1. bis 3. August 2003 in Berlin.

Text:

Naja, es war schon so ein bißchen woodstockmäßig. Ich war damals sechs Jahre alt. Ich habe aber davon nicht so sehr viel mitbekommen, nur, dadurch, dass ich wenig später eingeschult wurde und die Weltfestspiele ja eigentlich noch Jahre später in der Schule nachbearbeitet wurden, bin ich mir fast sicher, dass ich meine Erinnerungen aus diesen Gesprächen habe und nicht vom Erleben selber.

Für mich hat sich die DDR-Zeit in der Kindheit aber wahnsinnig auf meine Familie reduziert. Da gab's ja keine Repressalien oder sowas. Ich bin ganz normal groß geworden und glücklich gewesen und deswegen habe ich auch eine sehr gute Erinnerung an meine Kindheit und deswegen vielleicht auch eine melancholische Erinnerung an die DDR. Mir ist wichtig, dass die DDR eben nicht nur auf eine Pointe reduziert wird oder auf einen Witz. Aber es gab viele kuriose Begebenheiten in dem Land und das sind die Dinge, die mir auch haften geblieben sind.

Ansonsten habe ich unterschiedliche Erinnerungen an die DDR. Aber ich bin froh, dass ich sie erlebt habe, denn ich war erst 22 Jahre, als die Wende kam. Für mich kam sie also genau richtig: Ich fing an zu reisen und mich im Beruf zu orientieren. Ich bin praktisch so ein Glückskind der Wende. Also, mich hat die neue Zeit geküsst. Das ging ja nicht allen so: Die, die zur Wende schon 50 waren, hatten sicher andere Probleme und denen muss man auch einen bitteren Rückblick zugestehen. Ich bin ja so groß geworden und habe ja dieses Land auch geliebt, aber nicht als Vaterland, sondern als Heimat und das ist für mich ein ganz großer Unterschied. Ich habe mich nicht politisch mit ihr identifiziert, sondern menschlich. Und naja, die DDR hatte eben den großen Fehler: Sie hat versucht, den Sozialismus aufzubauen, und der Sozialismus funktioniert eben nicht, solange Menschen daran beteiligt sind.

Das Problem ist ja, was ich für mich festgestellt habe, die DDR wurde nach der Wende nur auf Politik und Wirtschaft reduziert, also, das ist wirklich meine Meinung, und jetzt kommt endlich diese Welle, wo auch auf Biographien und Erfahrungen zurück geblickt wird. Und da es eben doch sehr, sehr unterschiedliche Biographien in der DDR gab, glaube ich, dass jetzt die weitaus spannendere Phase kommt.

Weitere Informationen

  • Produktion: 2003

  • Spieldauer: 00:01:58

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung

Themen

Creative Commons License

Dieser Text und Medieninhalt sind unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht.


Weitere Medien zum Thema

Der Umgang mit der DDR war nicht fair

Der Umgang mit der DDR war nicht fair

Ulrich Plenzdorf im Interview

Der Autor spricht über seine Erfahrungen bei den Weltfestspielen und über die Wiedervereinigung. Weiter...

Wir haben unser Leben am Staat vorbei gelebt

Wir haben unser Leben am Staat vorbei gelebt

Klaus Renft im Interview

Der Gründer der "Klaus Renft Combo" spricht über seine Erfahrungen als staatskritischer Musiker in DDR. Weiter...

Neugierde auf eine

Neugierde auf eine "fremde Welt"

Karsten Voigt

Seine Teilnahme an den Weltfestpielen 1973 als Mitglied einer West-Delegation von Jungsozialisten bewertet Voigt in der Rückschau ambivalent. Weiter...

Keiner will die DDR wiederhaben, aber keiner will ohne Vergangenheit sein (1)

Keiner will die DDR wiederhaben, aber keiner will ohne Vergangenheit sein (1)

Gerd Dietrich

Der heutige Professor für Geschichte spricht über seine Eindrücke von den Weltfestpielen 1973, die er als 28-Jähriger erlebte. Weiter...

Hinterher war alles beim Alten

Hinterher war alles beim Alten

Ina Merkel im Interview

Als 16-Jährige stürzte sich Ina Merkel ins Getümmel der Weltfestspiele. Im Rückblick interessiert die Kulturwissenschaftlerin besonders die außeralltägliche Erfahrung mit dem "Fremden" während des Festivals. Weiter...

Lieber Kneipen in Westberlin als Weltfestspiele in der DDR

Lieber Kneipen in Westberlin als Weltfestspiele in der DDR

S.D. Sauerbier im Interview

Der heutige Professor für Kommunikationswissenschaft begründet, warum er 1973 bewusst nicht zu den Weltfestspielen in die DDR fuhr. Weiter...

Das Erlebnis einer DDR, die nicht so muffig war

Das Erlebnis einer DDR, die nicht so muffig war

Manfred Rexin im Interview

Der West-Journalist spricht über seine positive Erfahrung der Weltfestspiele 1973 in der DDR - und seine große Enttäuschung kurze Zeit später. Weiter...

"Wie hältst du es mit den Freiheitsrechten?"

Norbert Pötzl im Interview

Der Spiegel-Redakteur und Honecker-Biograf über die Weltfestspiele 1973 und DDR-Propaganda. Weiter...

Einfach mal die andere Seite der Stadt kennen lernen

Einfach mal die andere Seite der Stadt kennen lernen

Gunnar Rohn im Interview

Als 24-Jähriger reiste Rohn für die Weltfestspiele 1973 in die DDR, um einmal den Ostteil Berlins kennenzulernen. Ein Austausch mit der DDR-Jugend war jedoch kaum möglich. Weiter...

Es war ganz sicher Woodstock

Es war ganz sicher Woodstock

Ronald Trisch im Interview

Der Mitorganisator des Kulturprogramms der X. Weltfestspiele 1973 blickt auf seine Erfahrungen zurück. Weiter...

Der Wunsch nach Offenheit kann ansteckend sein

Der Wunsch nach Offenheit kann ansteckend sein

Andrej A. Gratchev im Interview

Die kommunistischen Führungen wagten während der Weltfestspiele mehr Offenheit, weil sie ihr System nach der Niederlage der USA in Vietnam für unverwundbar hielten, argumentiert Gratchev. Weiter...

Urlaub von der DDR

Urlaub von der DDR

Erhart Neubert im Interview

Der ehemalige Bürgerrechtler und Pfarrer spricht über sdas Verhältnis von Staat und Kirche in der DDR. Weiter...

Heutzutage ist die kulturelle Vielfalt überall

Heutzutage ist die kulturelle Vielfalt überall

Ernst Ludwig Petrowsky im Interview

Der Jazz-Saxophonist über seine Erfahrungen bei den Weltfestspielen 1973 in der DDR. Weiter...

Die Weltfestspiele als Satire

Die Weltfestspiele als Satire

Jacek Lepiarz im Interview

Der polnische Journalist und Kritiker durfte 1973 nicht zu den Weltfestspielen in die DDR reisen. Er spricht über seine Erfahrungen. Weiter...

Wie ein Rausch und die Flachtrommel mit dabei

Wie ein Rausch und die Flachtrommel mit dabei

Uwe Schmieder im Interview

Der damals 13-Jährige spricht über das "Wahnsinnserlebnis" der Weltfestspiele 1973 in der DDR. Weiter...

Dem SED-Mann gingen die FDJler von der Stange

Dem SED-Mann gingen die FDJler von der Stange

Johano Strasser im Interview

Der Publizist und Schriftsteller erinnert sich, wie er bei einer Diskussion die "urtümliche Dialektik der Arbeiterklasse" recht drastisch darlegte. Weiter...

Freiheiten des Alltags

Freiheiten des Alltags

Stefan Wolle im Interview

Der Historiker und DDR-Kritiker nahm 1973 an organisierten Diskussionsrunden mit westdeutschen Teilnehmern teil. Weiter...

Das Thema ist immer Kapitalismus und Sozialismus gewesen

Das Thema ist immer Kapitalismus und Sozialismus gewesen

Hans-Jörg Frank und Markus Schmid im Interview

Die damaligen Mitglieder der Kölner Agit-Prop-Gruppe Floh de Cologne über ihren Auftritt bei den Weltfestspielen 1973. Weiter...

Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln