(W)ENDE

FEINDBILDER - Kapitel 12

von: Holger Kulick

Die Stasi filmt ihren eigenen Untergang.

Inhalt

Noch bis kurz vor der Wende im Herbst 1989 wurden von Stasi-Mitarbeitern zahlreiche Beschaffungslisten geschrieben, wie technisch aufgerüstet werden sollte, um Überwachung zu perfektionieren und einen Überblick über die gesammelte Daten- und Bilderflut zu behalten. Von einer „Konzeption 2000“ war bereits die Rede, aber die Geschichte machte SED und Stasi einen Strich durch die Rechnung. Unter dem Druck der Öffentlichkeit und seines Politbüros musste Staatschef Honecker am 18. Oktober 1989 seinen Stuhl räumen, knapp drei Wochen später Stasi-Chef Mielke. Doch auch nach Honeckers und Mielkes Abgang fand kein schnell sichtbarer Neuanfang statt. SED und Stasi hielten zunächst an ihren alten Rezepten fest. Bei seiner Amtsübernahme am 18. Oktober 1989 wurde Honecker-Nachfolger Erich Krenz mit organisiertem Jubel empfangen, wie gehabt. Auch solche Bilder drehte die Stasi, die noch davon ausging, dass sie den Wendeprozess in der Hand behielt. Doch nur wenige Stunden später filmte der Stasi-Kameramann nie Dagewesenes: eine couragierte Gegenbewegung. Vor allem junge Leute wagten unangemeldet eine Demonstration, skandierten „Egon Krenz, wir sind die Konkurrenz“, forderten „Freie Wahlen! Freie Wahlen!“ und ließen sich auch keinen Maulkorb mehr verpassen. Frank Ebert, ein Demonstrant von damals, schildert, wie die Stasi Teilnehmer zu diffamieren versuchte: „[...] Erst an der Brücke am Palast der Republik sind wir aufgehalten worde. Da fuhren Autos auf uns zu, blockierten die gesamte Brücke, sprangen aus den Ladas raus und kamen richtig auf die Leute zu. Unter anderem auch zu mir, richtig so mit Namen: ‚Herr Ebert, sie kenne ich doch, sie arbeiten doch für die Staatssicherheit‘ – völlig plump. Und wollten wieder anfangen zu diskutieren und wurden auch zum Teil handgreiflich noch mal. Aber das war dann wirklich schon eine Situation, wo wir das nicht mehr ernst nehmen konnten. Das war wie das letzte Aufbäumen. Für uns war überhaupt nicht mehr wichtig, was sie machen: Es war alles so vorbei eigentlich.“ Die Stasi fotografierte indessen unverdrossen konspirativ weiter. Auch noch Tage später wanderten frische Observationsfotos der Bürgerrechtsbewegung ins Archiv der staatlichen ‚Schnüffler‘. Erst am 4. November merkte auch die DDR-Geheimpolizei, wie nah ihr Ende war. Bis zu einer Million Bürger zog durch Ost-Berlin, um uneingeschüchtert für Demokratie zu demonstrieren. „Ein waches Volk ist die beste Staatssicherheit“ stand auf Transparenten und gerufen wurde: „Stasi-Leute reiht euch ein, sollt nicht länger Büttel sein!“

Die Dokumentation „FEINDBILDER“ zeigt in 12 Kapiteln umfangreiches Originalmaterial aus den Bild- und Videoarchiven der DDR-Staatssicherheit.

Weitere Informationen

  • Kamera: Markus Stockhaus, Holger Eckermann

  • Schnitt: Anne Berrini, Karin Bölling, Holger Kulick

  • Didaktisches Material: Petra Anders

  • Produktion: 15.12.2006

  • Spieldauer: 00:11:06

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung

Themen

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