Mauer und Grenze

FEINDBILDER - Kapitel 9

von: Holger Kulick

Stasi-Dokumente als Zeitzeugnisse der innerdeutschen Grenze

Inhalt

Mittlerweile ist für viele kaum noch vorstellbar, wie die Mauer Deutschland und Berlin ab dem 13. August 1961 teilte, bevor sie im November 1989 fiel. So makaber es klingt: In dieser Hinsicht schufen die Stasi und ihre Fotospitzel ein einmaliges historisches Archiv deutsch-deutscher Teilungsgeschichte. In jedem Grenzturm saß mindestens ein Stasi-Angehöriger, der all das dokumentierte, was an der Mauer vorfiel. Auch Prominentenbesuch an der Mauer gehörte dazu, wie von Michael Jackson oder Rambo alias Sylvester Stallone. Doch auch Rambos aus dem wahren Leben suchten die Mauer heim. Jugendliche Gewalttäter aus dem Westen reagierten sich an Mauer und Grenzern ab, warfen Steine oder schossen auf Grenzer und ihre Wachhunde. Für die Stasi-Chefetage wurden dazu aktualisierte Berichte mit Vorkommnissen an der „Staatsgrenze der DDR“ zusammengestellt – wie der SED-Staat die Berliner Mauer rechtswidrig definierte. Und zu diesen Informationen gehörten – streng vertraulich – auch die Schüsse, die Grenzer selbst auf Flüchtlinge abgaben. Mindestens 200 Todesopfer gab es allein im Bereich der Berliner Mauer. 80 Prozent dieser Opfer waren jünger als 30 Jahre, ihren Tod verschwieg die Stasi. Im Falle eines 17-Jährigen, der im November 1964 beim Schwimmen durch die Spree erschossen wurde, wurde den Eltern nur mitgeteilt, dass ihr Sohn beim Baden ertrunken sei. Seinen Leichnam durften sie nicht sehen. Im Grenzgebiet – zum Beispiel in Berlin an der Bernauer Straße – legte die Stasi schon bald nach dem Mauerbau Fotoalben von allen Passanten auf Westseite an, denen zugetraut wurde, als Fluchttunnelbauer tätig zu sein. Eine breite Sperrzone wurde auf Ostseite der Grenze gezogen, um Fluchtwillige vor Erreichen der Grenzanlagen aufzuspüren. Außerdem hatte die Stasi die meisten Fluchthelferorganisationen unterwandert. Viele Fluchten scheiterten daher schon im Vorfeld der Grenze. Nicht selten finden sich solche Bilder im Stasi-Archiv: aufgespürte Flüchtlinge in PKW-Kofferräumen, die von Stasi-Spitzeln verraten worden waren. Ihnen drohte eine mehrjährige Haft. Kinder wurden von ihren Familien getrennt und nicht selten in Kinderheime eingewiesen. In manchen Fällen störte die DDR eine Ausreise allerdings nicht. So wurden dem SED-Regime unangenehme Leute gerne ausgebürgert oder ausgewiesen. Auch dazu gibt es Foto-Dokumente. Am 18. Dezember 1975 musste beispielsweise der damalige Spiegel-Korrespondent in der DDR Jörg Mettke aufgrund seiner DDR-kritischen Berichterstattung Ost-Berlin verlassen. Um 16 Uhr 14 lichtet ein Stasi-Fotograf die Ausreise ab.

Die Dokumentation „FEINDBILDER“ zeigt in 12 Kapiteln umfangreiches Originalmaterial aus den Bild- und Videoarchiven der DDR-Staatssicherheit.

Weitere Informationen

  • Kamera: Markus Stockhaus, Holger Eckermann

  • Schnitt: Anne Berrini, Karin Bölling, Holger Kulick

  • Didaktisches Material: Petra Anders

  • Produktion: 12.2006

  • Spieldauer: 00:16:56

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung

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