Beim Klassenfeind im Westen

FEINDBILDER - Kapitel 10

von: Holger Kulick

Mitarbeiter der Stasi spähen Ziele und DDR-Kritiker in der Bundesrepublik aus.

Inhalt

Stasi-Spitzel filmten und fotografierten auch emsig im Bundesgebiet. Ein erster S/W-Film stammt aus dem Mai 1970, als DDR-Staatsratschef Willy Stoph mit dem Zug nach Kassel reist, um dort Bundeskanzler Willy Brandt zu treffen. Die gesamte Zugfahrt über filmt ein Stasi-Mann die Route aus dem Fenster und bleibt auch dann noch auf seinem Beobachtungsposten im Zug, als die politischen Gespräche beginnen. Gezielt wurden Objekte im gesamten Bundesgebiet, aber auch im Ausland, ausgespäht, gefilmt oder fotografiert: zum Beispiel ein Gasthof in Hamburg, ein Zeltplatz in Dänemark, ein Wohnsiedlung in Hannover, ganze Straßenzüge in Berlin. Stundenlange Streifzüge wurden von West-IM mit U-Bahn und PKW durch die Stadt unternommen und Fahrtrouten protokolliert. Gezielt wurden aber auch Einzelpersonen ausspioniert, die der Stasi ein Dorn im Auge waren. Dazu zählt in Berlin-Kreuzberg der Journalist Roland Jahn. Der Student und Mitbegründer eines Jenaer Friedenskreises (siehe Glossar) war 1983 im Hauruckverfahren aus der DDR ausgebürgert worden. Mit angelegten Handfesseln wurde er in einen Zug gesetzt und gegen seinen Willen außer Landes geschafft. Doch Jahn ließ sich nicht unterkriegen. Aus seiner schon bald von der Stasi aufgespürten neuen Wohnung in Berlin-Kreuzberg organisierte er Medienkontakte für die heranwachsende DDR-Opposition. West-Journalisten und Diplomaten halfen ihm dabei. Um dies zu stoppen, plante die Stasi offenbar Übles. Nicht nur alle Zugangswege zu Jahns Kreuzberger Wohnung wurden ausgekundschaftet, sondern auch „Absperrpunkte“ markiert. Um Jahn zu verschleppen? Dazu Roland Jahn: „In dem Moment schluckt man schon, wie hautnah das war, dass die Stasi auch in West-Berlin so hautnah an einem dran war, jederzeit die Chance hatte, einzugreifen in dein Leben, dass sie die Chance hatte, Leben zu zerstören. Und im Nachhinein muss ich froh sein, noch so gut weggekommen zu sein.“ Gefährdet lebten alle DDR-Oppositionellen im Westen. Im Fall des ehemaligen DDR-Schriftstellers Jürgen Fuchs, der ebenfalls nach West-Berlin ausgebürgert worden war, ist sogar dessen West-Berliner Hausschlüssel in den Stasi-Akten enthalten.

Die Dokumentation „FEINDBILDER“ zeigt in 12 Kapiteln umfangreiches Originalmaterial aus den Bild- und Videoarchiven der DDR-Staatssicherheit.

Weitere Informationen

  • Kamera: Markus Stockhaus, Holger Eckermann

  • Schnitt: Anne Berrini, Karin Bölling, Holger Kulick

  • Didaktisches Material: Petra Anders

  • Produktion: 12.2006

  • Spieldauer: 00:12:31

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung

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