Neugierde auf eine "fremde Welt"

Karsten Voigt

Seine Teilnahme an den Weltfestpielen 1973 als Mitglied einer West-Delegation von Jungsozialisten bewertet Voigt in der Rückschau ambivalent.

Inhalt

Während der Weltfestspiele 1973 verteilte Karsten Voigt Flugblätter auf dem Alexanderplatz. Als stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungsozialisten gehörte er zu den rund 800 Jugendlichen, die aus dem "Westen" angereist waren. Die Teilnahme der "West-Delegationen" bewertet er heute als ambivalent - für die DDR, die Jungsozialisten und für sich persönlich. Voigt war langjähriges Mitglied im SPD-Bundesvorstand und war nach 1999 Beauftragter der Bundesregierung für die Beziehungen zu den USA.

Das Interview entstand am Rande der Veranstaltung "Weltfestspiele '73 - Heldinnen, Bands & Klassenbrüder" vom 1. bis 3. August 2003 in Berlin.

Text:

Die Atmosphäre war extrem locker, und im Vordergrund standen natürlich vor allen Dingen die Leute aus der Dritten Welt mit ihrem Kulturverhalten. Das Thema Deutsche Einheit war kein Thema, aber dadurch, dass Deutsche mit Deutschen diskutiert haben, war es unterschwellig immer da.

Ich hatte ja mehrere Funktionen während der Weltjugendfestspiele, und das Verteilen der Flugblätter am Alex und an anderen Plätzen war nur eine unter mehreren. Und wir sind immer davon ausgegangen, dass ein Teil der Leute, die mit uns diskutierten, Offizielle waren. Und ich habe ja nach der Wende auch Leute getroffen, die mit mir diskutiert haben, Leute getroffen, die Flugblätter von mir genommen haben, Leute getroffen, die mir gesagt haben, sie seien für das Einsammeln der Flugblätter zuständig gewesen. Ich habe mich mit Leuten absentiert, um mit ihnen zu diskutieren. Die haben offizielle Leute versucht abzuschütteln. Also, insofern war das immer sehr komplex.

Für die meisten war es Neugier auf eine Welt, die sie nicht täglich erleben konnten, weil sie nicht reisen konnten, weil sie erst recht nicht in Länder der Dritten Welt reisen konnten. Und insofern war es nicht nur offizielle Pflicht, nicht nur Ideologie. Für die Masse der Teilnehmer war es schlicht und ergreifend ein Lebensgefühl. Wir haben natürlich diese Weltoffenheit auch damit im Image unterstützt, und gleichzeitig haben wir es unter Bedingungen getan – und die haben wir ja ausgehandelt im Gespräch mit der FDJ, im Konsumerum und im internationalen Komitee – die uns die Möglichkeit der Eigendarstellung, die Möglichkeit der Diskussion mit anderen Auffassungen, die Möglichkeit, auch einen anderen Lebensstil darzustellen auch gegeben hat. Insofern war es aus der Sicht der DDR ambivalent, aus unserer Sicht ambivalent und aus meiner heutigen Sicht auch.

Weitere Informationen

  • Produktion: 08.2003

  • Spieldauer: 00:01:58

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung

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