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14.11.2018

Ansprüche und Realität am Arbeitsplatz

Betrachtet man, welche Arbeitsplatzmerkmale erwerbstätigen Frauen und Männern besonders wichtig sind, so zeigt sich, dass eine sichere und interessante Arbeit den größten Stellenwert hat. Gut die Hälfte der Befragten fanden diese beiden Merkmale 2015 sehr wichtig. Zählt man auch noch diejenigen hinzu, die diese Merkmale wichtig finden, so gaben nahezu 100 % der Befragten an, dass ihnen eine sichere und interessante Arbeit wichtig oder sehr wichtig sei.

Wichtigkeit von Arbeitsplatzmerkmalen 1997 – 2015 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die nächstwichtigsten Merkmale waren mit einigem Abstand Unabhängigkeit und Kontakt zu anderen Menschen. Deutlich weniger wichtig war den Befragten eine Arbeit, die nützlich für die Gesellschaft ist, und eine Arbeit, bei der man anderen helfen kann. Den geringsten Stellenwert hatten ein hohes Einkommen, gute Aufstiegsmöglichkeiten und flexible Arbeitszeiten. Flexible Arbeitszeiten etwa waren nur einem von sieben Erwerbstätigen (14 %) sehr wichtig.

Interessanterweise gibt es kaum Geschlechterunterschiede in der Bewertung der Arbeitsplatzmerkmale. Eine unabhängige Arbeit und ein hohes Einkommen waren Männern mit 45 % beziehungsweise 15 % etwas wichtiger als Frauen (39 % und 8 %). Frauen legten dafür etwas mehr Wert auf Kontakt zu anderen Menschen (39 % im Vergleich zu 32 % bei Männern). Dass Frauen eher soziale Berufe ergreifen und im Durchschnitt weniger verdienen als Männer, stimmt mit diesen Mustern überein. Angesichts der starken geschlechtsspezifischen Segregation am Arbeitsmarkt überrascht es dennoch, wie sehr sich Frauen und Männer insgesamt in der Bewertung der verschiedenen Arbeitsplatzmerkmale gleichen.

Trotz großer Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt erweist sich die Bewertung der Arbeitsplatzmerkmale in den letzten 20 Jahren als sehr stabil. Am auffälligsten ist, dass die Erwerbstätigen 2015 einen sicheren Arbeitsplatz seltener als sehr wichtig ansahen als noch 2005 und 1997. Zudem verlor ein hohes Einkommen für Frauen wie für Männer im Vergleich zu 2005 an Bedeutung. Darin spiegeln sich die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt wider: 1997 und 2005 entwickelten sich die Reallöhne negativ, 2015 hingegen positiv (siehe Kapitel 5.2.2). Zudem lag die Arbeitslosenquote 1997 und 2005 deutlich höher als 2015 (siehe Kapitel 5.1.9). Eine sichere Arbeit und ein hohes Einkommen gewinnen also bei schlechter wirtschaftlicher Lage an Bedeutung.

Betrachtet man Unterschiede nach soziodemografischen Merkmalen, so zeigt sich, dass die Bedeutung eines sicheren Arbeitsplatzes relativ gleichmäßig über die verschiedenen Gruppen hinweg verteilt ist. Ältere und jüngere Frauen hatten allerdings ein größeres Bedürfnis nach sicherer Arbeit als die mittlere Altersgruppe. Bei den Männern fällt auf, dass diejenigen mit Haupt- oder Realschulabschluss einen sicheren Arbeitsplatz als wichtiger erachteten als diejenigen mit Abitur.

Wichtigkeit von Arbeitsplatzmerkmalen nach soziodemografischen Merkmalen 2015 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Eine interessante Arbeit war für jüngere Erwerbstätige und diejenigen mit Abitur besonders wichtig. Auch bei Frauen mit Kindern im Vorschulalter nahm eine interessante Tätigkeit einen besonders hohen Stellenwert ein. Eine unabhängige Arbeit war Westdeutschen wichtiger als Ostdeutschen, älteren Erwerbstätigen wichtiger als jüngeren und unbefristet Beschäftigten wichtiger als Befristeten. Bezüglich flexibler Arbeitszeiten zeigen sich vor allem bei den Frauen Gruppenunterschiede. Wie man in Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erwarten würde, waren flexible Arbeitszeiten für Frauen der mittleren Altersgruppe, mit Abitur und mit Kindern vergleichsweise wichtig.

Gute Aufstiegsmöglichkeiten waren für die jüngste Altersgruppe wichtiger als für ältere Erwerbstätige und hatten für befristet Beschäftigte einen vergleichsweise hohen Stellenwert. Männer mit Migrationshintergrund erachteten gute Aufstiegschancen und ein hohes Einkommen häufiger als sehr wichtig als Männer ohne Migrationshintergrund. Zudem waren bei den Männern diejenigen mit Hauptschulabschluss am stärksten aufstiegsorientiert, die mit Abitur am wenigsten. Auch das Einkommen sahen Erwerbstätige mit niedrigeren Bildungsabschlüssen häufiger als sehr wichtig an als Erwerbstätige mit höheren Abschlüssen. Zudem war ein hohes Einkommen den Ostdeutschen wichtiger als den Westdeutschen. Ein hohes Einkommen ist damit für die Gruppen besonders wichtig, die vergleichsweise geringe Chancen haben, es auch zu erzielen.

Doch wie sehen die realen Arbeitsplatzmerkmale aus? Hier zeigt sich, dass eine große Mehrheit der Erwerbstätigen tatsächlich die Bedingungen vorfindet, die sie als besonders wichtig erachtet: Über 80 % gaben an, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, einer interessanten und unabhängigen Arbeit nachzugehen und Kontakt zu anderen Menschen zu haben. Zudem sahen über die Hälfte der Erwerbstätigen ihre Arbeit als nützlich für die Gesellschaft an und gaben an, anderen Menschen zu helfen. Am wenigsten verbreitet sind laut Selbsteinschätzung der Beschäftigten gute Aufstiegsmöglichkeiten und ein hohes Einkommen. Diese beiden Merkmale fanden nur rund 40 % der Männer und 30 % der Frauen vor. Frauen sind somit hinsichtlich dieser beiden Merkmale deutlich schlechter gestellt als Männer, ansonsten fallen die Geschlechterunterschiede eher gering aus.

Tatsächliche Arbeitsplatzmerkmale 1997 – 2015 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die Bewertung des eigenen Arbeitsplatzes hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten zum Positiven entwickelt. Im Vergleich zu 1997 und 2005 bezeichneten mehr Personen ihre Arbeit als sicher, was sich mit der Verringerung der Arbeitslosigkeit deckt (siehe Kapitel 5.1.9). Die Zunahme atypischer Beschäftigungsformen scheint im Vergleich dazu weniger bedeutend für die wahrgenommene Arbeitsplatzunsicherheit zu sein. Auch das Einkommen und die Aufstiegsmöglichkeiten bewerteten die Erwerbstätigen 2015 besser als in der Vergangenheit. Bei den anderen Merkmalen gab es weniger Veränderungen im Zeitverlauf.

Die für die Erwerbstätigen wichtigsten Arbeitsplatzmerkmale sind unter allen Bevölkerungsgruppen relativ gleichmäßig verteilt. Dies gilt insbesondere für eine unabhängige Tätigkeit und den Kontakt zu anderen Menschen. Auch hinsichtlich einer interessanten Tätigkeit und eines sicheren Arbeitsplatzes gibt es kaum Unterschiede nach Region, Alter oder Schulabschluss. Allerdings hatten Erwerbstätige mit Migrationshintergrund vergleichsweise selten eine aus ihrer Sicht interessante Arbeit und Männer mit Migrationshintergrund deutlich seltener einen sicheren Arbeitsplatz als Männer ohne Migrationshintergrund. Zudem gaben befristet Beschäftigte erwartungsgemäß seltener als unbefristet Beschäftigte an, dass ihr Arbeitsplatz sicher sei.

Tatsächliche Arbeitsplatzmerkmale nach soziodemografischen Merkmalen und Wichtigkeit 2015 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Deutliche Gruppenunterschiede zeigen sich jedoch hinsichtlich der wahrgenommenen Chancen, ein hohes Einkommen zu erzielen und gute Aufstiegsmöglichkeiten zu haben. Erwartungsgemäß berichteten Erwerbstätige mit höheren Schulabschlüssen eher über ein hohes Einkommen. Insbesondere Frauen mit Hauptschulabschluss gaben sehr selten an, ein hohes Einkommen zu haben. Männer mit Hauptschulabschluss waren dafür bezüglich der Aufstiegsmöglichkeiten deutlich gegenüber Männern mit höheren Bildungsabschlüssen benachteiligt. Im Vergleich zu Männern ohne Migrationshintergrund bewerteten Männer mit Migrationshintergrund ihr Einkommen deutlich seltener als hoch. Zudem hatten Ostdeutsche laut Selbsteinschätzung seltener ein hohes Einkommen als Westdeutsche, befristet Beschäftigte seltener als Unbefristete. Befristet beschäftigte Frauen schätzten jedoch ihre Aufstiegsmöglichkeiten besonders oft als gut ein.

Bei den Männern berichtete die jüngste Altersgruppe am seltensten über ein hohes Einkommen, schätzte aber ihre Aufstiegsmöglichkeiten besonders oft gut ein. Bei den Frauen waren die Jüngeren hinsichtlich beider Merkmale besser gestellt als die Älteren. Überraschenderweise hatten Frauen mit Kindern unter sechs Jahren eigenen Angaben zufolge überdurchschnittlich oft ein hohes Einkommen und gute Aufstiegsmöglichkeiten. Dies lässt sich vermutlich darauf zurückführen, dass viele Mütter kleiner Kinder ihre Erwerbstätigkeit für längere Zeit unterbrechen (siehe Kapitel 2.1). Diejenigen mit guten Arbeitsbedingungen kehren tendenziell schneller ins Erwerbsleben zurück und sind daher in dieser Stichprobe überrepräsentiert.

Vergleicht man gewünschte und tatsächliche Arbeitsplatzmerkmale, zeigt sich, dass diejenigen Gruppen, die am meisten Wert auf ein hohes Einkommen legen (Niedriggebildete, Ostdeutsche, Männer mit Migrationshintergrund), vergleichsweise schlechte Chancen haben, dies auch zu erzielen. Bei Männern mit Hauptschulabschluss zeigt sich auch eine Diskrepanz zwischen vergleichsweise stark ausgeprägten Wünschen nach Aufstiegsmöglichkeiten und eher geringen Aussichten, diese zu realisieren. Andere Gruppen, denen gute Aufstiegsmöglichkeiten wichtig sind (Jüngere, befristet beschäftigte Frauen), finden hingegen vergleichsweise oft gute Aufstiegsmöglichkeiten vor.

Wunsch und Wirklichkeit lassen sich aber auch direkt vergleichen. Für alle acht Merkmale gilt: Diejenigen Befragten, denen ein Merkmal sehr wichtig war, fanden es auch häufiger vor als diejenigen, denen es weniger wichtig war. Deutliche Unterschiede zeigen sich insbesondere bezüglich der Wahrscheinlichkeit anderen helfen zu können, eine nützliche Arbeit und gute Aufstiegsmöglichkeiten zu haben. Dies deutet darauf hin, dass sich der ungleiche Zugang zu bestimmten Arbeitsplatzmerkmalen teilweise auch auf unterschiedliche Neigungen und Prioritäten zurückführen lässt.

Mareike Bünning

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