Datenreport

Datenreport 2018



Lebensqualität und Identität in der Europäischen Union

Nach Jahrzehnten der fortschreitenden europäischen Integration ist die Europäische Union seit der Jahrtausendwende zunehmend mit Widerständen und Rückschritten konfrontiert. So scheiterte 2004 der Vertrag über eine Verfassung für Europa, da dieser in Referenden in Frankreich und den Niederlanden deutlich abgelehnt wurde. Infolge der Finanzmarkt-, Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise 2008/2009 hat durch die Sparpolitik vor allem die Europabegeisterung südeuropäischer Länder, die zuvor Modernisierungsgewinner waren, erheblich gelitten. Im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise lehnten vor allem mittel- und osteuropäische Staaten eine gemeinsame europäische Asylpolitik ab und eröffneten damit eine EU-weite Kontroverse. In vielen EU-Mitgliedstaaten etablieren sich populistische Parteien mit antieuropäischem Profil. Das Brexit-Referendum im Vereinigten Königreich ist schließlich der aktuelle Höhepunkt, an dem sich ein Land für die Beendigung der EU-Mitgliedschaft ausspricht. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie es um die Legitimität der Europäischen Union bestellt ist.

Die für die Legitimität des europäischen Regierungssystems notwendige Zustimmung der Bürgerinnen und Bürger zur europäischen Integration wird unter anderem durch die Entwicklung der Lebensbedingungen und die Herausbildung einer europäischen Identität geprägt. Die Akzeptanz der europäischen Integration und der EU wandelt sich oft entsprechend der gesellschaftlichen, ökonomischen und wohlfahrtsstaatlichen Rahmenbedingungen. Die Erfahrung von Finanzmarkt-, Wirtschafts- und Staatsschuldenkrisen mit hoher Arbeitslosigkeit und harschen Einschnitten in die Wohlfahrts- und Sozialsysteme hat in weiten Teilen der europäischen Bevölkerung auch die Wahrnehmung der EU kritischer werden lassen. Jedoch haben die wirtschaftliche Erholung und die gute weltwirtschaftliche Lage in den letzten Jahren zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen geführt. Erholt sich damit auch die Legitimitätsunterstützung der Europäischen Union?

Die Legitimität des europäischen Regierungssystems beruht unmittelbar auf der Zustimmung der Bürgerinnen und Bürger zur europäischen Integration und dem solidarischen Zusammenhalt der europäischen Gesellschaften. Eine europäische Identität gilt als Ausdruck für die affektive Bindung der Bürgerinnen und Bürger an die europäische Gemeinschaft und für ihr gemeinsames Selbstverständnis als Europäerinnen und Europäer. Dieser Gemeinschaftsgedanke kann die Legitimität der EU auch in Zeiten der Unzufriedenheit mit den Ergebnissen der aktuellen Politik abfedern. Vor diesem Hintergrund wird im Folgenden die Bewertung der Lebensbedingungen durch die europäischen Bürgerinnen und Bürger betrachtet. Des Weiteren liegt der Fokus auf den Einstellungen der europäischen Bürgerinnen und Bürger zur EU und ihren Institutionen und auf der Frage einer europäischen Identität. Die Daten weisen dabei zwar auf eine allgemeine Verbesserung der Lage hin, jedoch bleiben einige Länder von dieser positiven Entwicklung ausgeschlossen.

Autorin: Angelika Scheuer, GESIS Mannheim
Herausgeber: WZB / SOEP

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