Datenreport

Datenreport 2018



Kinderlosigkeit

Kinderlosigkeit gehörte schon immer zum sozialen Gefüge dazu, da nicht alle Frauen – gewollt oder ungewollt – im Lauf ihres Lebens ein Kind zur Welt gebracht haben. In den letzten zwei Jahrzehnten ist sie jedoch immer stärker in den Fokus gerückt. Zum einen blieben immer mehr Menschen aufgrund ihrer Lebensumstände kinderlos oder entschieden sich bewusst gegen das Leben in einer traditionellen Familie. Dadurch wurde die Kinderlosigkeit allmählich zu einem verbreiteten und weitgehend akzeptierten Phänomen. Zum anderen führt das Aufschieben der Familiengründung im Lebenslauf dazu, dass immer mehr Paare mit Unfruchtbarkeit konfrontiert werden und Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen. Vor dem Hintergrund eines ohnehin relativ niedrigen Geburtenniveaus in Deutschland stieg infolge dieser Entwicklungen der Einfluss der Kinderlosigkeit auf die Geburtenraten.

Um Frauen beziehungsweise Paaren die Realisierung ihres Kinderwunsches zu erleichtern, wurden seit 2007 zusätzliche familienpolitische Maßnahmen eingeführt. Das Elterngeld und ElterngeldPlus reduzieren die Opportunitätskosten, also den Einkommensverlust der Eltern aufgrund von Unterbrechung der Erwerbstätigkeit. Durch den Ausbau der Kleinkinderbetreuung ermöglicht der Staat den Eltern, berufliche und familiäre Pflichten besser zu vereinbaren. In Kombination mit einer guten wirtschaftlichen Lage und einer günstigen Arbeitsmarktentwicklung haben diese Maßnahmen die Rahmenbedingungen für werdende Eltern deutlich verbessert. Trotzdem führen die immer noch langen Ausbildungszeiten sowie die Suche nach einem sicheren Arbeitsplatz und einer verlässlichen Partnerschaft zum Aufschieben des Kinderwunsches bei vielen potenziellen Eltern. Dadurch verengt sich vor allem für Frauen das biologische Fenster zunehmend und die Erfüllung des Kinderwunsches hängt immer stärker von biomedizinischen Voraussetzungen ab.

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Reproduktionsmedizin in Deutschland

Jasmin Passet-Wittig, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Im Jahr 1982 wurde in Deutschland erstmals ein mittels künstlicher Befruchtung gezeugtes Kind geboren. Seitdem hat sich die Reproduktionsmedizin stetig weiterentwickelt. Zu den wichtigsten Behandlungsverfahren der sogenannten assistierten Reproduktion zählen heute die In-Vitro-Fertilisation (IVF) und die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). Bei beiden Verfahren werden Eizellen im Labor befruchtet. Darüber hinaus stehen weitere weniger invasive Verfahren wie die Insemination und die Hormonbehandlung zur Verfügung.

Paare mit unerfülltem Kinderwunsch wenden sich immer häufiger an spezialisierte Kinderwunschpraxen. Für das Jahr 2015 sind in Deutschland insgesamt 99.728 Behandlungen dokumentiert. Mit Abstand am häufigsten werden ICSI-Behandlungen durchgeführt, gefolgt von sogenannten Kryo-Behandlungen, bei denen eingefrorene befruchtete Eizellen des Paares verwendet werden, und IVF-Behandlungen. Besonders häufig wenden sich Kinderlose an die Reproduktionsmedizin, aber auch Paare, die bereits Kinder haben, gehören zur Zielgruppe. Die behandelten Frauen und Männer werden zudem immer älter. Es ist davon auszugehen, dass ein Zusammenhang zwischen dem steigenden Behandlungsbedarf und dem anhaltenden Aufschub von Geburten in ein höheres Alter besteht. Denn insbesondere mit dem Alter der Frau steigt das Risiko von Problemen bei der Umsetzung eines Kinderwunsches.

Die steigende Zahl von Kinderwunschbehandlungen spiegelt sich auch in steigenden Geburtenzahlen wider. Im Jahr 2001 wurden in Deutschland 12.456 Kinder geboren, die mithilfe der Reproduktionsmedizin gezeugt wurden. Diese Zahl hat sich bis 2015 fast verdoppelt. Der Anteil der mithilfe von IVF, ICSI und mittels Kryo-Behandlungen gezeugten Kinder an allen Geburten lag 2015 bei 2,8 %. Gäbe es belastbare Zahlen zu Geburten nach Inseminationen und Hormonbehandlungen, wäre der Anteil der Geburten nach medizinischer Behandlung vermutlich noch etwas höher.

Reproduktionsmedizinische Behandlungen im Jahr 2015 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

An dem besonders starken Anstieg der Geburten im Jahr 2003 und dem abrupten Rückgang im darauffolgenden Jahr werden die Auswirkungen einer Reform der Kostenerstattung in der gesetzlichen Krankenkasse deutlich. Im Jahr 2003 wurden die relativ hohen Behandlungskosten noch für bis zu vier reproduktionsmedizinische Behandlungen vollständig erstattet. Seit 2004 werden die Kosten für maximal drei solcher Behandlungen zur Hälfte übernommen. Die Behandlungszahlen und damit auch die Zahl der geborenen Kinder nach künstlicher Befruchtung gingen deutlich zurück. In den letzten Jahren gibt es einen Trend, dass die gesetzlichen Krankenkassen wieder mehr Behandlungen finanzieren oder einen höheren Kostenanteil übernehmen. In manchen Bundesländern beteiligen sich darüber hinaus Bund und Länder anteilig an den Behandlungskosten gesetzlich Versicherter. Maßgeblich dafür ist eine Bundesförderrichtlinie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2012.

Geborene Kinder nach künstlicher Befruchtung und ihr Anteil an allen Geburten Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Für die demografische Entwicklung spielt die Reproduktionsmedizin nur eine vergleichsweise geringe Rolle. Das hängt unter anderem mit den begrenzten Erfolgsaussichten der Behandlung zusammen. Auch die damit verbundenen psychologischen, körperlichen und finanziellen Belastungen halten manchen Betroffenen von einer Behandlung ab. Andererseits belastet viele das Ausbleiben einer Schwangerschaft sehr, schließlich ist Elternschaft für viele ein zentrales Lebensziel. Die Reproduktionsmedizin ist deshalb für akut betroffene Paare von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Belastbare empirische Erkenntnisse zum Ausmaß der Kinderlosigkeit von Frauen bietet die amtliche Statistik seit der Mikrozensusbefragung im Jahr 2008. Die entsprechenden Angaben werden im Mikrozensus alle vier Jahre erfragt. Inzwischen liegen die Ergebnisse zur Zahl der geborenen Kinder aus der dritten Mikrozensusbefragung im Jahr 2016 vor. Diese Daten haben die Befunde aus den ersten Befragungswellen weitestgehend bestätigt und neue Erkenntnisse über die Entwicklung der Kinderlosigkeit bei jüngeren Frauenjahrgängen gebracht.

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Info 1

Datenquellen zur Kinderlosigkeit

Die Daten zur Kinderlosigkeit in Deutschland werden bei den Mikrozensusbefragungen gewonnen (siehe Kapitel 2.1, Info 1). Im Mikrozensus werden zwei Fragen zur Geburt von leiblichen Kindern an Frauen im Alter zwischen 15 und 75 Jahren gestellt: 1) Haben Sie Kinder geboren? 2) Falls ja: Wie viele Kinder haben Sie insgesamt geboren? Diese Angaben sind freiwillig und werden seit 2008 alle vier Jahre erhoben. Methodische Hinweise und ausführliche Ergebnisse enthält der Tabellenband "Daten zu Kinderlosigkeit, Geburten und Familien – Ergebnisse des Mikrozensus 2016 – Ausgabe 2017": www.destatis.de

International vergleichbare Daten zur Kinderlosigkeit sind nur begrenzt verfügbar. Auf Grundlage von einheitlichen Methoden berechnete Kinderlosenquoten bietet für einige Länder die "Human Fertility Database" (www.humanfertility.org). Darüber hinaus veröffentlichte der Demografieforscher Tomas Sobotka eine Gesamtschau zur Entwicklung der Kinderlosigkeit in Europa, wobei er unterschiedliche Datenquellen verwendete (Tomas Sobotka, Childlessness in Europe: Reconstruction long-term trends among women born 1900 –1972, in: Michaela Kreyenfeld / Dirk Konietzka [Herausgeber]: Childlessness in Europe: contexts, causes, and consequences, Wiesbaden 2017).


Das Kinderlosigkeitsniveau wird anhand der sogenannten Kinderlosenquote gemessen, das heißt des Anteils der Frauen, die kein Kind geboren haben, an allen Frauen des jeweiligen Geburtsjahrgangs. Adoptiv- oder Pflegekinder werden dabei nicht berücksichtigt. Statistisch gesehen verändert sich die durchschnittliche Kinderlosenquote bereits nach dem Alter von 42 Jahren kaum noch (siehe Kapitel 1.1). Für die Beschreibung der aktuellen Verhältnisse ist somit die quasi endgültige Kinderlosenquote der Frauen ausschlaggebend, die bei der Befragung im Jahr 2016 das Alter von 41 überschritten hatten. Eine Ausnahme bilden dabei Frauen mit höheren (akademischen) Bildungsabschlüssen, die tendenziell später eine Familie gründen als der Durchschnitt aller Frauen. Bei einigen Vergleichen wird deshalb die Kinderlosenquote der ab 45-Jährigen zugrunde gelegt.

Autorin: Olga Pötzsch
Herausgeber: Statistisches Bundesamt (Destatis)

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