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14.11.2018

Politisches Interesse und politische Partizipation

Das Interesse der Bürgerinnen und Bürger an Politik ist ein wichtiger Gradmesser dafür, inwieweit sie das politische Geschehen registrieren und an ihm teilnehmen, das heißt, ob Politik für die Bürgerinnen und Bürger wichtig genug ist, um sich darüber zu informieren und sich gegebenenfalls dafür zu engagieren. Das politische Interesse wird durch die Frage "Wie stark interessieren Sie sich für Politik: sehr stark, stark, mittel, wenig oder überhaupt nicht?" bereits seit 1969 in repräsentativen Bevölkerungsumfragen erfasst.

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Anteil derjenigen, die sich stark oder sogar sehr stark für Politik interessieren, beständig und sehr dynamisch verändert. Im Zeitraum um die Vereinigung Deutschlands 1990 war er in den alten Bundesländern am höchsten und sank dann wieder ab. Allerdings lag das Niveau weiterhin höher als Anfang der 1980er-Jahre. Das politische Interesse stieg in den letzten Jahren wieder deutlich, sodass es 2014 den Stand von 1990 erstmals wieder übertraf. Auch 2016 lag der Anteil der politisch stark oder sehr stark Interessierten mit 38 % einen Prozentpunkt höher als 1990. Der langfristige Vergleich zeigt, dass heute mehr Bürgerinnen und Bürger am politischen Geschehen interessiert sind als noch Ende der 1960er-Jahre. So waren 1969 lediglich 18 % stark oder sogar sehr stark an Politik interessiert.

In Ostdeutschland waren die Bürgerinnen und Bürger bis etwa 2010 etwas weniger politisch interessiert als in Westdeutschland. Ab dem Jahr 2010 ist dieser Unterschied nahezu verschwunden und auch in Ostdeutschland erreichte das politische Interesse 2014 und 2016 mit jeweils 37 % einen Spitzenwert (Westdeutschland: 40 % und 38 %).

Politisches Interesse in der Bundesrepublik 1980 – 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Größer als der Unterschied zwischen den alten und den neuen Bundesländern ist der Unterschied im Interesse an der Politik zwischen jüngeren und älteren Bürgerinnen und Bürgern. Die 18- bis 29-jährigen West- und Ostdeutschen sind deutlich weniger politisch interessiert als der Durchschnitt der Bürgerinnen und Bürger. Dieser Unterschied ist nach 1990 entstanden. Davor interessierten sich Jüngere nur geringfügig weniger für Politik. Im Durchschnitt der Jahre 1994 bis 2016 lag das Interesse an der Politik bei den 18- bis 29-Jährigen mit 22 % in West- und 21 % in Ostdeutschland etwa 8 bis 9 Prozentpunkte unter dem Bevölkerungsdurchschnitt. 2010, 2014 und 2016 lag die Differenz in Westdeutschland im zweistelligen Bereich von 12 bis 14 Prozentpunkten, in Ostdeutschland war die Differenz mit 15 Prozentpunkten geringerem Interesse unter Jüngeren im Jahr 2014 am größten.

Noch größer als die Differenz zwischen jüngerer Bevölkerung und Bevölkerungsdurchschnitt ist jene zwischen Personen ohne und Personen mit Abitur. Unter den Bürgerinnen und Bürgern mit Abitur lag der Anteil derjenigen, die sich stark oder sehr stark für Politik interessierten, in Westdeutschland 2016 bei 55 % und in Ostdeutschland bei 53 %. Damit lag er im Westen wie im Osten etwas mehr als 15 Prozentpunkte über dem Bevölkerungsdurchschnitt. Das politische Interesse ist also deutlich durch soziale Unterschiede geprägt, wohingegen regionale Unterschiede zwischen Ost und West kaum festzustellen sind. Jedoch schwankten die Unterschiede im politischen Interesse zwischen Bürgerinnen und Bürgern mit und ohne Abitur im Zeitverlauf. Die Differenz lag im Schnitt bei etwas mehr als 20 Prozentpunkten. Ein Trend lässt sich dabei aber nicht feststellen. Eine Zu- oder Abnahme bildungsbedingter Schichtung im politischen Interesse ist seit der ersten Allgemeinen Bevölkerungsumfrage in den Sozialwissenschaften (ALLBUS) 1980 also nicht festzustellen.

Politisches Interesse ist sicherlich förderlich für politische Beteiligung. Das Repertoire der Beteiligungsformen hat sich über klassische institutionalisierte Formen wie Wahlen in den vergangenen Jahrzehnten stark ausgeweitet. Neben organisatorischen Formen der Beteiligung wie der Arbeit in Parteien, Bürgerinitiativen, Vereinen und Organisationen nutzen Bürgerinnen und Bürger vermehrt Formen nicht institutionalisierter Beteiligung wie die Aufnahme von Kontakt zu Politikerinnen und Politikern, Unterschriftensammlungen und Demonstrationen, um ihren Interessen Ausdruck zu verleihen und am politischen Leben teilzuhaben. Diese Arten politischer Aktivität haben in Deutschland seit Ende der 1950er-Jahre kontinuierlich zugenommen. In diesem Zusammenhang wurde von einer "partizipatorischen Revolution" gesprochen, mit der sich nicht nur in Deutschland, sondern in allen modernen Demokratien nicht institutionalisierte Formen der politischen Beteiligung etablierten. Die Anteile derjenigen, die angaben, an den beiden häufigsten Formen der sogenannten unkonventionellen politischen Beteiligung, Unterschriftensammlungen und Demonstrationen, mitgewirkt zu haben, waren in den 1990er-Jahren recht stabil. Seit der Jahrtausendwende sind Ähnlichkeiten, aber auch unterschiedliche Dynamiken in Ost und West festzustellen. Gemeinsam ist beiden Regionen ein hohes Beteiligungsniveau kurz nach der Jahrtausendwende, ein danach erfolgender leichter Rückgang und eine Erholung nach 2010. Während in Westdeutschland eine stetige Zunahme bei den Kontakten zu Politikerinnen und Politikern sowie der Beteiligung an Unterschriftensammlungen festzustellen ist, gingen beide Beteiligungsformen in Ostdeutschland zwischenzeitlich deutlich zurück, erreichten aber 2016 wieder ein ähnlich hohes Niveau wie in Westdeutschland.

Nicht institutionalisierte und organisatorische Formen der Beteiligung 2002 – 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Größere Unterschiede zwischen Ost und West im Ausmaß der Beteiligung lassen sich jedoch nicht feststellen. Etwa eine beziehungsweise einer von sechs Bürgerinnen und Bürgern hatte in den letzten zwölf Monaten eine Politikerin oder einen Politiker kontaktiert, mehr als jede oder jeder Dritte hatte sich an einer Unterschriftensammlung beteiligt und etwa jede oder jeder Zehnte an einer Demonstration. Auch bei den institutionellen Beteiligungsformen wie der Arbeit in Parteien und Bürgerinitiativen oder Vereinen und Organisationen ergaben sich keine größeren Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland: Etwa 5 % hatten in einer Partei oder Bürgerinitiative und etwa
30 % in Vereinen und Organisationen mitgearbeitet.

Werden die Werte zwischen Ost und West, zwischen Menschen mit und ohne Hochschulabschluss sowie zwischen Jüngeren und Älteren 2016 verglichen, sind die regionalen Unterschiede am geringsten und nahezu vernachlässigbar. Die politische Integration und Teilhabe ist in Ost und West gleich hoch ausgeprägt. Dasselbe lässt sich allerdings nicht für die Unterschiede zwischen Bildungsgruppen sagen. Hier zeigen sich bei allen Formen der Beteiligung mit Ausnahme der Arbeit in Parteien und Bürgerinitiativen starke Unterschiede durch eine sehr viel stärkere Beteiligung von Menschen mit Hochschulabschluss. Der Unterschied zwischen den Bildungsgruppen war bei Unterschriftensammlungen mit einer Prozentpunktdifferenz von 19 zugunsten der Akademikerinnen und Akademiker am höchsten, gefolgt von der Kontaktaufnahme mit Politikerinnen und Politikern (11 Prozentpunkte), Demonstrationsteilnahme (9 Prozentpunkte) und der Arbeit in Vereinen oder Organisationen (8 Prozentpunkte). Auch bei der Mitarbeit in Parteien oder Bürgerinitiativen lagen Bürgerinnen und Bürger mit einem Hochschulabschluss 4 Prozentpunkte vorn.

Nicht institutionalisierte und organisatorische Formen der Beteiligung nach Bildung, Region und Alter 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Der Vergleich zwischen jüngeren Bürgerinnen und Bürgern im Alter von 18 bis 29 Jahren und Älteren zeigt, dass es über die verschiedenen Formen der Beteiligung hinweg keinen allgemeinen Unterschied zwischen den beiden Gruppen gibt. Es sind nicht immer die Jüngeren, die sich stärker beteiligen, vielmehr kommt es auf die Art der Beteiligung an. Demonstrationen als Mittel der Beteiligung wurden in den letzten zwölf Monaten von 17 % der Jüngeren genutzt, aber nur von 10 % der Älteren. Bei der Kontaktaufnahme mit Politikerinnen oder Politikern lagen hingegen die Älteren ebenso vorn wie bei den Unterschriftensammlungen. Bei den organisatorischen Formen der Beteiligung gab es interessanterweise keine Unterschiede: Jüngere und Ältere arbeiteten gleichermaßen zu 5 % in Parteien oder Bürgerinitiativen und zu etwa 30 % in Vereinen und Organisationen mit. Dieser Befund überrascht deshalb, weil die Daten der vergangenen Jahrzehnte stark darauf hingedeutet hatten, dass die traditionellen Formen der Beteiligung unter den Jüngeren immer weniger Zustimmung finden. 2016 erscheint das Repertoire der Beteiligungsformen von Jüngeren und Älteren jedoch im Bereich der organisatorischen Beteiligung eher als ausgeglichen.

Was die Ausgeglichenheit der politischen Integration und politischen Teilhabe angeht, ergibt sich damit insgesamt ein gemischtes Bild. Die großen Unterschiede zwischen Ost und West sind verschwunden, auch die Unterschiede zwischen Jüngeren und Älteren verweisen nicht auf Defizite politischer Integration. Anders zu beurteilen ist das Gefälle in der Beteiligung von Menschen mit und ohne Hochschulbildung. Hier zeigen sich über alle Beteiligungsformen hinweg systematische Unterschiede, die als sozial induzierte politische Ungleichheit zu bewerten sind.

Bernhard Weßels, WZB

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