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14.11.2018

Bindung an Interessengruppen und politische Parteien

Die Mitgliedschaft in Interessengruppen und politischen Parteien ist ein weiterer Indikator für die Integration der Bürgerinnen und Bürger in den politischen Prozess. Diese Organisationen sind häufig durch gesellschaftliche Selbstorganisation entstanden und dienen dem Zweck der Vertretung gemeinsamer politischer, wirtschaftlicher, sozialer oder kultureller Interessen. Interessengruppen setzen sich auf verschiedene Weise für die Anliegen ihrer Mitglieder ein, zum Beispiel durch das Einwirken auf Parteien, Parlamente, Regierungen und Behörden oder die Öffentlichkeit im Allgemeinen. Politische Parteien sind unmittelbare Akteure des Regierungssystems. Da die Mitgliedschaft freiwillig ist, ist der Grad, zu dem Bürgerinnen und Bürger sich in Interessengruppen und politischen Parteien organisieren, ein zentrales Merkmal der politischen Integration. Anders als die Wahlbeteiligung oder Formen nicht institutionalisierter Beteiligung, die für den Einzelnen singuläre Ereignisse bleiben können, zeichnen sich Mitgliedschaften in Interessengruppen und politischen Parteien dadurch aus, dass sie in der Regel langfristig sind. Verliert die Mitgliedschaft in Interessengruppen und politischen Parteien für den Einzelnen oder die Einzelne an Attraktivität, so ist dies zunächst ein Warnsignal für die jeweilige Organisation. Nehmen die Mitgliedschaften jedoch in großem Umfang über viele Organisationen hinweg ab, weist dies darüber hinaus auf generelle Probleme der Interessenvermittlung in einem politischen Gemeinwesen hin.

Im internationalen Vergleich zeichnet sich Westdeutschland durch einen recht hohen Organisationsgrad aus. In Westeuropa sind nur die Bürgerinnen und Bürger der Niederlande und der skandinavischen Länder stärker organisiert. Ein langfristiger Vergleich ist aufgrund von Unterschieden in den Befragungsinstrumenten leider nicht möglich. Eine lange Reihe von Vergleichen von 1986 bis 1998 zeigt, dass der Anteil der Bürgerinnen und Bürger, die im engeren Sinne Mitglieder in Interessengruppen waren, im Westen Deutschlands für diese Zeit relativ konstant bei etwa 30 % lag. Im selben Zeitraum stieg der Anteil der Bevölkerung, der in Freizeitorganisationen, allen voran den Sportvereinen, organisiert war, von 29 % auf 43 %. Der Anteil derjenigen, die nur in Freizeitvereinigungen Mitglied waren, erhöhte sich von knapp 16 % auf 26 %. In den neuen Bundesländern lag 1992 der Anteil derjenigen, die in Interessengruppen organisiert waren, noch 9 Prozentpunkte über dem Anteil in Westdeutschland. Der Anteil der Mitglieder in Freizeitvereinigungen befand sich dagegen 26 Prozentpunkte unter dem westdeutschen Durchschnitt. Bezogen auf die Mitgliedschaft in Interessengruppen gab es in Ostdeutschland eine dramatische Entwicklung, die vor allem zulasten der Gewerkschaften ging. Zwischen 1992 und 1998 ging der Prozentsatz derjenigen, die in Interessengruppen organisiert waren, von knapp 40 % auf 25 % zurück. Im Freizeitbereich stiegen die Mitgliederanteile in Ostdeutschland hingegen um drei Prozentpunkte. Relativ gesehen haben sich also politikbezogene und freizeitbezogene Mitgliedschaften auseinanderentwickelt. Interessengruppen konnten am generellen Aufwärtstrend der Mitgliedschaften in Ostdeutschland nicht teilhaben.

Jüngere Daten für 2010 und 2014 erlauben, weil sie aufgrund unterschiedlicher Erhebungsverfahren nicht mit früheren Daten vergleichbar sind, keine Schlussfolgerungen über die Mitgliederentwicklung. Es liegt aber nahe, zu vermuten, dass die Mitgliedschaft in Interessengruppen weiter zurückgegangen ist. Der Anteil nicht aktiver Mitgliedschaften lag 2014 deutlich niedriger als 2010.

Mitgliedschaft in Organisationen 2010 und 2014 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Regionale Unterschiede zwischen Ost und West sind im Bereich Freizeit relativ konstant – in Westdeutschland liegt der Mitgliedschaftsanteil etwa 10 Prozentpunkte höher. Bezogen auf Interessengruppen ist der Abstand zwischen Ost und West von 2010 auf 2014 größer geworden. Im Altersvergleich existieren bei den Mitgliedschaftsanteilen in Organisationen ohne Gewerkschaften und politische Parteien kaum Unterschiede zwischen dem Durchschnitt der Bürgerinnen und Bürger und den Jüngeren. Jedoch lassen sich nach Bildungsabschluss deutliche Differenzen beobachten. Hier ergeben sich deutlich höhere Anteile für Akademiker und Akademikerinnen als für den Bevölkerungsdurchschnitt. Auch bezogen auf Organisationsmitgliedschaften verteilt sich die Teilhabe also ungleich zugunsten der besser Gebildeten.

Die langfristige Entwicklung der Mitgliedschaften der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland lässt sich aufgrund veränderter Frageformate in den ALLBUS-Studien zwar nicht über alle Organisationsbereiche hinweg beurteilen. Allerdings ist eine solche Beurteilung hinsichtlich der Gewerkschaftsmitgliedschaften möglich. Der massive Rückgang von Gewerkschaftsmitgliedern in Ostdeutschland in den Jahren 1992 bis 1998 schwächte sich zwar im Anschluss deutlich ab, setzte sich aber bis etwa 2008 fort. Seitdem scheint sich der gewerkschaftliche Organisationsgrad der erwachsenen Bevölkerung mit leichten Schwankungen auf gleichem Niveau zu halten. Die Anfang der 1990er-Jahre noch stark ausgeprägten Unterschiede zwischen Ost und West im durchschnittlichen Organisationsgrad sind fast verschwunden. Auch die deutliche Kluft zwischen der jüngeren Bevölkerung der 18- bis 29-Jährigen und dem Durchschnitt, die in Westdeutschland besonders deutlich 2004 und in Ostdeutschland besonders 2008 zu beobachten war, wurde geringer. Bildungsunterschiede im gewerkschaftlichen Organisationsgrad fallen im Unterschied zu politischem Interesse, politischer Beteiligung und anderen Mitgliedschaften leicht zugunsten von Bürgerinnen und Bürgern ohne Hochschulabschluss aus. Akademikerinnen und Akademiker waren 2016 lediglich zu knapp 10 % gewerkschaftlich organisiert, also etwas weniger als der Durchschnitt. Bei den Gewerkschaftsmitgliedschaften ergeben sich damit zwar keine regionalen, sozialen oder demografischen Ungleichheiten mehr. Die Integrationskraft hat aber dennoch stark nachgelassen, weil insgesamt nur ein sehr kleiner Teil der deutschen Bevölkerung in Gewerkschaften organisiert ist.

Gewerkschaftsmitgliedschaft 1980 – 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die Mitgliedschaft in politischen Parteien verzeichnet sogar eine noch dramatischere Entwicklung. Die starken Mitgliederrückgänge bei den Gewerkschaften seit der Vereinigung fallen im Vergleich zu denen der politischen Parteien noch moderat aus. Anhand der von den Parteien berichteten Mitgliederzahlen lässt sich nachvollziehen, dass diese innerhalb von zweieinhalb Jahrzehnten etwa eine Million und damit etwa
40 % ihrer Mitglieder verloren haben. 1990 waren noch 3,8 % der Wahlberechtigten in politischen Parteien organisiert, 2016 waren es nicht einmal mehr 2 %.

Abb 5 Parteimitgliedschaft 1990 – 2016 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Nimmt man alle Interessenorganisationen einschließlich Gewerkschaften und politischer Parteien zusammen, sind das drastische Entwicklungen, die die Frage aufwerfen, ob und inwieweit primär auf die politische Interessenvertretung und -vermittlung ausgerichtete Organisationen zukünftig noch in der Lage sein werden, ihren Beitrag zur politischen Willensbildung und politischen Integration zu leisten.

Bernhard Weßels

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