Christentum und Europa

Mit rund 537 Mio. Anhängern ist das Ch. derzeit die in Europa (E.) am meisten verbreitete Religion, etwa 75 % der Europäer sind Christen (v. a. katholisch, protestantisch, orthodox). Allerdings ist u. a. aufgrund von Geburtenrückgang, Migration und Kirchenaustritten in E. ein Rückgang der Gesamtzahl der Christen, auf anderen Kontinenten dagegen, v. a. in Lateinamerika, Schwarzafrika und Asien, ein Anstieg zu verzeichnen. Das Ch. steht daher in E. vor der Aufgabe, den veränderten Lebensbedingungen entsprechend und angesichts des vielfältigen religiösen Angebots seine Inhalte plausibel zu artikulieren und den Dialog mit anderen Religionen und spirituellen Traditionen zu suchen. Häufiger Diskurs- oder zumindest Referenzgegenstand außerhalb kirchlicher Zusammenhänge ist das Ch. in der E.-Diskussion seit Gründung der EU. Auf der Suche nach einer gemeinsamen europ. Identität ist es hier in seiner konfessionellen Vielfalt wiederholt als Fundament E. postuliert worden, auf dem wesentliche geistige Strömungen beruhen, und das, bei aller Diversität im Laufe seiner Geschichte, Grundwerte geschaffen hat, auf denen die europ. Rechtsordnungen und Sozialsysteme fußen. Historische Entwicklung: Das Ch., das in den 30er-Jahren des 1. Jh. n. Chr. in Palästina zur Zeit der röm. Herrschaft aus dem Judentum hervorging, fasste zuerst in griech. Städten wie Ephesos, Korinth und Thessaloniki, bald aber auch in Rom Fuß, wo nach Schätzungen um 175 ca. 10.000, um 254 ca. 30.000–50.000 Christen lebten. Hauptursachen für seine, trotz aller Verfolgungen, in der Spätantike schnelle Expansion nach 312 waren die Förderung durch Konstantin den Großen und die Erhebung zur Staatsreligion unter Kaiser Theodosius I. Um 500 war die christliche Kirche rings ums Mittelmeer als die einzige öffentliche Religion der römischen Welt etabliert. Angesichts des Verfalls der politischen Systeme in der Völkerwanderungszeit bildete das Ch. in großen Teilen E. die einzig verbleibende Ordnungsinstitution; es vergrößerte dadurch seine Macht und sein Ansehen. Im 6.–10. Jh. entstand, geprägt von der Verbindung röm. und germ. Traditionskomplexe, das sog. christliche E.

Missionare verbreiteten das Ch. über Nord- und Osteuropa. Von einer flächendeckenden Christianisierung E. kann erst ab dem Spätmittelalter gesprochen werden (und eigentlich auch hier nur in eingeschränktem Sinne, da das christliche E. wohl mehr Mythos ist, als es jemals Wirklichkeit war). Geprägt waren diese Jahrhunderte von der Rivalität und Entfremdung zwischen Rom und Konstantinopel (Zweikaiserproblem), Ost- und Westkirche und den Machtkämpfen zwischen Kaiser und Papst im westlichen E. Die Reformation zwischen 1517 und 1648 führte zur Spaltung des westlichen Ch. in verschiedene Konfessionen (katholisch, lutherisch, reformiert), von denen sich nach und nach neue Gruppierungen lösten, die später z. T. zu Kirchengemeinschaften zusammenfanden; es kam zu Religionskriegen. Als Folge hiervon verlor die röm.-kath. Kirche in weiten Teilen E. an Macht und Privilegien. Des Weiteren wurde der Aufklärung der Weg gebahnt, die sich im Gegensatz zum kirchlichen Offenbarungs- und Autoritätsglauben auf die Autorität der Vernunft berief und das Ch. durch die partielle Distanzierung von Kirche und Staat sowie Einleitung vielschichtiger Säkularisierungsprozesse politisch schwächte. Eine Gegenbewegung zur Aufklärung bildete, im geistesgeschichtlichen Rahmen, die Romantik, in der das Ideal eines christlichen Abendlandes als Lebenseinheit beschworen wurde. Die Christenheit oder E. (1799) von Novalis – im E.-Diskurs an der Wende zum 21. Jh. ein beliebter Referenztext v. a. für Verfechter eines vereinigten E. auf der gemeinsamen Basis genuin christlicher Werte – entwarf das Bild eines Kontinents, dessen Homogenität durch die gemeinsame Religion und die Weisheit geistlicher Führer gestiftet wird. Bis heute auf vielfältige Weise wirksam waren neben diesen Ideen u. a. auch die Impulse für innere Mission und Diakonie in E. (karitative Einrichtungen, Rotes Kreuz etc.), die von der Erweckungsbewegung ausgingen. Christentum heute: Nach dem sog. Zeitalter ohne Gott, in dem die Religionskritik u. a. von Ludwig Feuerbach, Karl Marx, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud und Ernst Haeckel wirksam waren, beginnt in E. im 20. Jh. politisch, geistig und kulturell eine neue, herausforderungsreiche Zeit auch für das Ch. Im 1. Weltkrieg wird die röm.-kath. Kirche für viele Menschen Wegweiser. Die evangelische Kirche in Deutschland dagegen verzeichnet in der Nachkriegszeit hohe Austrittszahlen. Diese Tendenz setzt sich unter dem Nationalsozialismus fort; von dessen Kirchenaustrittskampagne ist auch die röm.-kath. Kirche betroffen.

Nach dem 2. Weltkrieg schließen sich 1948 die protestantischen Konfessionsfamilien und die orthodoxen Kirchen zum Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) zusammen, der derzeit weltweit 349 Mitgliedskirchen in mehr als 120 Ländern umfasst. Mit einem Christusbekenntnis, das ein gewisses Maß an geistlicher Verbindlichkeit gewährleisten soll, wird »Einheit in versöhnter Verschiedenheit« angestrebt. Bi- und multilaterale interkonfessionelle Dialoge dienen u. a. dazu, das Ch. innerhalb des Pluralismus, der die religiöse Landschaft E. prägt, zu positionieren; allerdings sind in den christlichen Kirchen auch heute noch neokonservative Tendenzen am Werk, die die ökumenischen Bestrebungen blockieren und eine weitere Modernisierung des europ. Christentums erschweren. In alternativen religiösen und spirituellen Kontexten außerhalb der christlichen Kirchen in Nordamerika und zunehmend auch in E. ist zu beobachten, dass derzeit vermehrt Programme auf Basis christlicher Konzepte spirituelle Begleitung anbieten und über konfessionelle Grenzen hinweg Zulauf erhalten. Gelebte christliche Spiritualität fällt im heutigen E. mithin nicht exklusiv in die Domäne der Kirchen. Sie ist vielmehr auch Teil der sog. modernen Mystik, die quer durch verschiedene Religionen und Weltanschauungen hindurch verläuft.

Quelle: Martin Große Hüttmann/Hans-Georg Wehling (Hg.): Das Europalexikon, 2., aktual. Aufl. Bonn: Dietz 2013. Autor des Artikels: A.-B. Renger

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