Theorien der europäischen Integration

Politikwissenschaftliche T. beschäftigen sich mit der Frage, wie und weshalb es seit Mitte der 1950er-Jahre zu einer immer engeren Verflechtung und Kooperation der in der EG/EU vereinigten Staaten gekommen ist. Unterschiedliche Konzepte und Theorien konkurrieren seither um die plausibelste Erklärung für diesen Prozess der Integration: Der von Ernst Haas (* 1923 · † 2004) entwickelte »Neofunktionalismus« sieht in der Integration der europ. Staaten und ihrer Volkswirtschaften eine angesichts der grenzüberschreitenden Probleme und wechselseitigen Abhängigkeiten objektiv notwendige und für alle beteiligten Staaten gewinnbringende Lösung; diese Zusammenarbeit kann von einem Bereich in weitere Bereiche übergehen (»spill over«): Die Errichtung eines gemeinsamen Binnenmarktes führt nach diesem Verständnis über kurz oder lang zu der Einführung einer gemeinsamen Währung, weil nur so die Vorteile eines Binnenmarktes voll ausgeschöpft werden können. Die Entwicklung der EG folgt dabei keinem Bauplan, etwa in Richtung eines europ. Bundesstaates (»Vereinigte Staaten von Europa«), sondern dem Prinzip »form follows function«, d. h., die institutionelle Struktur der EG ergibt sich aus den jeweiligen Sachproblemen. Die Funktionalisten sehen als treibende Kräfte der europ. Integration nicht die Regierungen der Mitgliedstaaten und ihre (Macht-)Interessen, sondern von den Regierungen unabhängige politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Akteure auf europ. und nationaler Ebene, z. B. Unternehmerverbände, die sich von der engeren Zusammenarbeit und gemeinsamen EU-Standards einen Gewinn versprechen. Im Unterschied dazu betrachtet die Theorie des klassischen wie auch des liberalen Intergouvernementalismus (dt.: zwischenstaatliche Kooperation) die europ. Regierungen als die alles entscheidenden Akteure an; nur wenn sich die großen Staaten (z. B. Deutschland, Frankreich und Großbritannien) einig sind, kommt es zu Integration. Supranationale Institutionen wie die EU-Kommission und der Europäische Gerichtshof haben nach der intergouvernementalistischen Theorie nur eine untergeordnete und »dienende« Funktion; Vertreter dieses Ansatzes sind z. B. Stanley Hoffmann und Andrew Moravcsik. Diese beiden »Großtheorien« prägen seit den 1950er- und 1960er-Jahren die (politik-)wissenschaftliche Debatte und wurden seither immer wieder angepasst. Daneben gibt es seit den 1990er-Jahren neuere Theorien, die die wissenschaftliche Debatte bereichern, indem sie nicht nur die Frage aufwerfen, weshalb es zu Integration kommt. Diese Konzepte beschäftigen sich u. a. mit den Folgen der Integration für die EU-Staaten (»Europäisierung«), mit der Frage, wie in der EU politische Entscheidungen zustande kommen (»Multi-Level-Governance«) und auch damit, wie EU-Politik die Geschlechterverhältnisse beeinflusst (feministische Ansätze). Die Osterweiterung der EU (2004/07) und die europ. Finanzkrise (seit 2010) haben die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spannungen innerhalb der EU und Eurozone erhöht und zu neuen Formen der »flexiblen Integration« geführt (z. B. Fiskalpakt); all dies wie auch die abnehmende Unterstützung in der Bevölkerung für den Integrationsprozess (Ende des »permissive consensus«) muss die EU-Forschung in ihren Analysen berücksichtigen und stellt die T. vor neue Herausforderungen.

Literatur:H.-J. Bieling/M. Lerch (Hg.): Theorien der europäischen Integration, 3. Aufl., Wiesbaden 2012.

Literatur:A. Faber: Europäische Integration und politikwissenschaftliche Theoriebildung, Wiesbaden 2005.

Literatur:A. Wiener/T. Diez (Hg.): European Integration Theory, 2. Aufl., Oxford 2009.

Literatur:A. Grimmel/C. Jakobeit (Hg.): Politische Theorien der Europäischen Integration, Wiesbaden 2009.

Literatur:D. Leuffen/B. Rittberger/F. Schimmelfennig: Differentiated Integration. Explaining Variation in the European Union, Houndmills 2013.

Literatur:F. Schimmelfennig: Zwischen Neo- und Postfunktionalismus: Die Integrationstheorien und die Eurokrise, in: Politische Vierteljahresschrift, H. 3/2012, S. 394-413.

Quelle: Martin Große Hüttmann/Hans-Georg Wehling (Hg.): Das Europalexikon, 2., aktual. Aufl. Bonn: Dietz 2013. Autor des Artikels: M. Große Hüttmann

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