30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren

Kirchen

1. Definition und Konfession



1.1



Kirchen (K.) sind organisierte Gemeinschaften von Christen. Ihr gemeinsames Merkmal ist der Glaube an Jesus Christus und seine im Neuen Testament enthaltene Botschaft, die weltweite Verkündigung dieser Botschaft, die Feier der Liturgie und der Sakramente, insbesondere der Taufe und der Eucharistie bzw. des Abendmahls sowie die Diakonie, das Handeln gemäß dem Evangelium. Die Gemeinde der Jünger Jesu war noch keine K. Nach dem Selbstverständnis aller Christen ist die K. die Befreiung von Sünde vermittelnde und Erlösung verheißende Gemeinde Christi zwischen seiner Himmelfahrt und seiner Wiederkunft am Ende der Zeit. Sie lebt vom Hl. Geist. Sie unterscheidet sich von → Parteien, Verbänden und → Interessengruppen dadurch, dass sie nicht von Menschen gegründet, sondern auf Gottes Wort hörende Stiftung Christi ist. Sie erhebt einen öffentlichen Anspruch. Sie versteht ihren Auftrag als Dienst an der Einheit der Menschheit.

Im allgemeinen Sprachgebrauch hat der Begriff K. verschiedene Bedeutungen. Er kann die von der → Gesellschaft und vom Staat unterschiedene Universal- oder Ortsk. (Bistum bzw. Landesk.) meinen, die von den Laien unterschiedene Amtsk. oder schlicht das meist von einem Turm gekrönte Gebäude, in dem sich die christliche Gemeinde zum Gottesdienst versammelt. Die Theologie, die erst nach der Reformation im 16. Jh. die Selbstreflexion der K. thematisiert und eine Ekklesiologie entwickelt hat, spricht von der K. vorzugsweise in Bildern als Volk Gottes, Leib Christi oder Gemeinde der Heiligen, die als "K. unterwegs" aber immer auch die Gemeinde der Sünder, mithin der Buße und Erneuerung bedürftig ist.

1.2

Im Glaubensbekenntnis des Konzils von Konstantinopel (381), das allen Christen gemeinsam ist, werden vier Eigenschaften der K. genannt: Sie ist die "eine, heilige, katholische und apostolische K.". Der Begriff "katholisch" (= allgemein, weltumspannend) wird erst nach der Reformation zu einer Konfessionsbezeichnung. Während die von Luther und Calvin geformten K.n der Reformation das allgemeine Priestertum aller Gläubigen betonen und die sichtbaren Strukturen der K. als nicht heilsnotwendig erklären, unterstreicht die katholische Ekklesiologie die Sichtbarkeit und die hierarchische Struktur der K. sowie die apostolische Sukzession, d. h. die sakramentale, im Zeichen der Handauflegung sichtbar gemachte Aufnahme in das auf die Apostel zurückgehende kirchliche Amt. Auch die orthodoxe K., die sich durch das Morgenländische Schisma schon 1054 von der katholischen K. abspaltete, hält an der hierarchischen Struktur der Patriarchate und an der apostolischen Sukzession fest. Dass die Einheit der K. verloren ging, empfinden die Christen heute weithin als geschichtliche Tragik, als menschliche Schuld und als Ärgernis, dessen Überwindung ihre Anstrengung und Geduld herausfordert.

2. Geschichte



2.1

Die katholische K. blickt in D auf eine bald 1300-jährige Geschichte zurück. Angelsächsische Missionare begannen im 7. Jh. mit der Germanenmission. Bonifatius gründete im 8. Jh. Klöster, die die Religions-, Kultur- und Wissenschaftszentren des Mittelalters waren, und errichtete Bistümer in HE, TH und BY. Unter den historischen Ereignissen, die für die gegenwärtige Gestalt der katholischen K. in D prägenden Einfluss haben, ragen neben der Reformation des 16. Jh.s heraus: die Säkularisation der kirchlichen Territorien und des kirchlichen Eigentums 1803, der Kulturkampf 1871-1879 und der K.nkampf des Nationalsozialismus. Die Säkularisation, die Gründung des preußisch-protestantisch dominierten, die katholischen Lande der Habsburger Monarchie ausschließenden Deutschen Reiches 1871 und Bismarcks Kulturkampf drängten die Katholiken nicht nur in konfessioneller, sondern auch in kultureller, politischer und sozialer Hinsicht in den Status einer Minderheit. Sie fühlten sich auf Jahrzehnte hin als Untermieter in dem von Protestanten erbauten Gebäude des Deutschen Reiches. Sie lernten so notgedrungen, die Freiheitsgarantien des modernen Verfassungsstaates zu nutzen, um sich gegen die Angriffe des Staates auf die Freiheit der K. zur Wehr zu setzen. Es waren vornehmlich katholische Laien, die sich im Anschluss an die Kölner Wirren 1837/38 und die Verhaftung des Kölner Erzbischofs Clemens August von Droste-Vischering durch die preußische Regierung zur Verteidigung kirchlicher Freiheit in Vereinen zusammenschlossen. Mit der politischen Mobilisierung 1848 setzte zugleich der organisatorische Ausbau des Vereinswesens ein. Die Gründung von Vereinen und die Herausgabe von Zeitungen und Zeitschriften waren ab März 1848 nicht mehr an die Genehmigung staatlicher Behörden gebunden. Im Okt. 1848 versammelten sich diese Vereine in Mainz zu ihrer ersten Generalversammlung. Sie motivierten die deutschen Bischöfe, sich im gleichen Jahr ebenfalls erstmals zu versammeln und zur Fuldaer Bischofskonferenz zusammenzuschließen. Die Mainzer Generalversammlung der Vereine war der Anfang der Deutschen Katholikentage, deren 98. im Jahr 2012 in Mannheim stattfindet. Die Katholikentage verfolgen bis heute ein doppeltes Ziel. Sie wollen einerseits den Glauben bekennen und klären, was von den Katholiken angesichts der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen gefordert ist, und sie wollen andererseits die Positionen, Angebote und Forderungen der Katholiken im Meinungsbildungsprozess einer pluralistischen Gesellschaft artikulieren.

Der Kulturkampf, in dem die katholische K. staatlicher Aufsicht unterworfen werden sollte und die Katholiken als ultramontane, an Rom orientierte Deutsche mit zweifelhafter Reichsloyalität denunziert wurden, hat die Gräben zwischen den Konfessionen vertieft. Nach dem Ersten Weltkrieg freundeten sich die Katholiken schneller mit der → Demokratie und der rechtsstaatlichen Verfassung an als die Protestanten. In der Weimarer Republik waren sie es, die im Zentrum neben und mit den Sozialdemokraten und den Liberalen versuchten, die von rechts und links angefeindete Demokratie zu stabilisieren. Sie trugen durch die katholische Soziallehre und Heinrich Brauns, einen in 12 Regierungen über sieben Jahre als Arbeitsminister wirkenden Priester und Zentrumspolitiker, viel zur Entwicklung des deutschen Sozialstaates bei.

Der K.nkampf der Nationalsozialisten führte 1933 zu einem schnellen und unrühmlichen Ende des Zentrums. Die menschenverachtende Ideologie und Politik der nationalsozialistischen Diktatur ließen die Christen am Ende des Zweiten Weltkrieges nach neuen, ökumenischen Wegen für ihr politisches Engagement suchen. Das → Grundgesetz und die Rechtsordnung Ds sind gewiss nicht allein ihr Werk. Aber sie tragen in der Anerkennung vorstaatlicher Menschenrechte und in der Umsetzung des Solidaritäts- und des → Subsidiaritätsprinzips deutliche Spuren ihres Engagements, ihrer Erfahrungen, Wertorientierungen und Hoffnungen. In der → DDR jedoch ging der K.nkampf schon bald nach 1945 weiter – nun unter kommunistischen Vorzeichen. Das SED-Regime gewährte den K.n bis 1989 keine Möglichkeiten, über Hirtenbriefe und Kanzelerklärungen hinaus an der Gestaltung des öffentlichen Lebens mitzuwirken. Die Christen galten als Bürger zweiter Klasse.

2.2

Die evangelische K., genauer die evangelischen K.n, entstanden in der Zeit der Reformation in der ersten Hälfte des 16. Jh.s. Statt der von den Reformatoren Luther, Zwingli und Calvin angestrebten Erneuerung der gesamten Christenheit kam es zu K.nspaltungen und Konfessionsbildungen. Der Augsburger Religionsfriede 1555 gewährte den Landesherren das ius reformandi. Der Grundsatz "cuius regio eius religio" bestimmte fortan die Konfession des jeweiligen Territoriums. Wenn sich ein Untertan der Konfession der Landesherren nicht anschließen wollte, hatte er ein Auswanderungsrecht. Im Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück wurde diese Regelung 1648 bestätigt.

Für das innerkirchliche Leben der evangelischen Landesk.n. höchst bedeutend war die Entwicklung des landesherrlichen K.nregiments. Luther beanspruchte nach dem Wegfall der alten bischöflichen und päpstlichen Verfassung die Landesherren als "Notbischöfe". Deren Rechte in K.nangelegenheiten wurden dann im 17. und 18. Jh. aus dem Wesen staatlicher Hoheit selbst begründet. So wurde der Landesherr zum Summepiscopus und die K. zur Staatsk. Das landesherrliche K.nregiment dauerte bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Es machte die K. so sehr zu einem Gebiet der staatlichen Verwaltung und die Pfarrer in solchem Maße abhängig von Fürsten und Herren, "dass die Freiheit zur kritischen Haltung mehr und mehr verloren ging" (P. Althaus).

Bis zur Mitte des 19. Jh.s gab es keine Gesamtorganisation der evangelischen Landesk.n. Auf dem K.ntag in Wittenberg, der im Sept. 1848 erfolglos über eine Konföderation der evangelischen K.n beriet, wurde der "Centralausschuss für die Innere Mission der deutschen evangelischen K." errichtet, durch den die evangelische K. erstmals eine gesamtkirchliche Arbeitsorganisation, wenn auch nur für den Bereich der Diakonie, erhielt. Vier Jahre später kam es in Eisenach zur Gründung der Deutschen Evangelischen K.nkonferenz, einem Koordinationsgremium aller deutschen evangelischen K.nregimentsbehörden ohne Beschlussrecht. Auch der nach dem Ende des landesherrlichen K.nregiments 1922 in Wittenberg gegründete Deutsche Evangelische K.nbund besaß keinerlei Eingriffsmöglichkeiten in den inneren Rechtsbereich der Landesk.n. So hat der deutsche Protestantismus "an einer geistigen und politischen Grundlegung des neuen demokratisch-republikanischen Staatswesens [...] keinen nennenswerten aktiven Anteil genommen" (E. Wilkens).

Der → Nationalsozialismus wurde für die evangelische K. nicht weniger gefährlich als für die katholische. Er führte zunächst zu einer Spaltung des deutschen Protestantismus in die "Deutschen Christen", die unter Reichsbischof L. Müller die evangelische K. zu einer Hilfsorganisation für die Durchsetzung der Ziele des NS-Staates machen wollten, und in die Bekennende K., die zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufrief und auf ihren Synoden in Barmen und Berlin-Dahlem 1934 die Etablierung eines Notkirchenregiments anstelle des offiziellen, aber autoritätslosen K.nregiments der Deutschen Evangelischen K. begründete.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der württembergische Landesbischof Theophil Wurm zur Schlüsselfigur einer neuen gesamtkirchlichen Ordnung des deutschen Protestantismus. Auf seine Einladung hin versammelten sich Vertreter aller Landesk.n im Aug. 1945 in Treysa und stellten die Weichen für die Gründung der Evangelischen K. in D (EKD), die sich nach ihrer am 13.7.1948 in Eisenach beschlossenen Grundordnung als Bund lutherischer, reformierter und unierter K.n versteht und damit eine weitgehende Autonomie ihrer Gliedk.n anerkennt. Neben der EKD gibt es mit der 1948 gegründeten Vereinigten Evangelisch-Lutherischen K. Deutschlands (VELKD) und der seit 1953 so genannten Evangelischen K. der Union (EKU) noch weitere bundesweite Organisationen evangelischer K.n. Die VELKD ist ein bundeskirchlicher Zusammenschluss bekenntnisgleicher lutherischer Landesk.n. Die EKU geht auf den Zusammenschluss der lutherischen und reformierten K.n im preußischen Staat durch die Union von 1817 zurück. Eine kontroverse Diskussion über Möglichkeiten einer Integration der verschiedenen evangelischen Konfessionen zu einer einzigen evangelischen K. begann 2002. Bis Juni 1969 konnte die EKD ihre organisatorische Einheit über die innerdeutsche Grenze hinweg bewahren. Im Zusammenhang mit der Diskussion um die neue DDR-Verfassung 1968 verstärkte die SED-Führung jedoch ihren Druck auf die K.n. So trennten sich die Landesk.n der → DDR von der EKD und bildeten einen eigenen Bund der Evangelischen K.n in der DDR. Das kontroverse Konzept einer "K. im Sozialismus" wurde zur Leitlinie ihres Selbstverständnisses.

Der Haushalt der Landesk.n der DDR wurde aber weiterhin zu zwei Dritteln von den Westk.n finanziert. 1991 schloss sich der Bund der Evangelischen K.n wieder der EKD an. 2006 begannen Gespräche über den Zusammenschluss verschiedener Landesk.n in Nordostdeutschland und in Mitteldeutschland. Die Kirchenprovinz Sachsen und die Thüringer Landeskirche schlossen sich zum 1.1.2009 zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zusammen. Die Landeskn. von Nordelbien, Mecklenburg und Pommern wollen 2012 zur Nordkirche fusionieren.

3. Strukturen



3.1

Die katholische K. in D ist in 27 Bistümer gegliedert. Rund 24,6 Mio. Katholiken lebten 2010 in rund 11.500 Pfarreien. Aufgrund des Priestermangels unterliegen die Pfarrgemeinden seit Beginn des neuen Jahrhunderts einem starken Konzentrationsprozess. Der Bevölkerungsanteil der Katholiken beträgt 30,2 %. Rund 12,6 % nehmen regelmäßig am Gottesdienst teil. Das sind fast 50 % weniger als im Jahr der Wiedervereinigung 1990. Das K.nsteueraufkommen belief sich 2010 auf 4,8 Mrd. €. In den Pfarreien und sonstigen Einrichtungen der K. leisteten 2010 15.136 Priester und Ordensgeistliche ihren pastoralen Dienst (davon ist rund ein Drittel allerdings als Pensionäre nur noch sehr eingeschränkt im Dienst). Der Deutschen Bischofskonferenz, die zweimal jährlich zur Vollversammlung zusammentritt, gehören 2011 69 Bischöfe und Weihbischöfe an. Vorsitzender ist seit 2008 der Erzbischof von Freiburg Robert Zollitsch. Das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz befindet sich in Bonn, das Kommissariat der deutschen Bischöfe, die Vertretung der katholischen K. bei der → Bundesregierung (Katholisches Büro), ist 1999 mit Bundesregierung und Bundestag nach Berlin gezogen. Leiter ist seit 2000 Prälat Karl Jüsten.

Die gesellschaftliche Präsenz der Katholiken umfasst einerseits ein vielgliedriges Verbands- und Vereinswesen, andererseits zahlreiche Institutionen und Aktivitäten im Bereich der Caritas, des Bildungssystems und der Medien. Die nach Berufen oder Ständen – z. B. von Arbeitnehmern, Unternehmern, Handwerkern, Landwirten, Lehrern, Professoren, Ärzten, Ingenieuren, Journalisten oder Soldaten, von Frauen, Männern, Jugendlichen oder Eltern – organisierten Verbände sind freie Initiativen von Katholiken. Sie werden also nicht im Auftrag kirchlicher Amtsträger, sondern aus eigenständiger christlicher Verantwortung von Laien gegründet.

Die meisten Verbände (etwa 120) sind Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Organisationen Ds (AGKOD). Zu den größten gehören das Kolpingwerk, der Bund katholischer Unternehmer, die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung, der Katholische Deutsche Frauenbund, der Familienbund der Katholiken und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend. Erstes Ziel der Verbände ist die Förderung der Bereitschaft und der Fähigkeit der Mitglieder, den Glauben zu bezeugen und zu bilden, sich im öffentlichen Leben zu engagieren und untereinander Kontakt zu pflegen. Im Zentralkomitee der dt. Katholiken haben sich die Verbände 1868 eine nationale Organisation gegeben. Es hat 226 Mitglieder aus Verbänden, geistlichen Bewegungen, Bistümern sowie hinzugewählten Einzelpersönlichkeiten. Durch die Verteidigung der nachweispflichtigen Schwangerschaftskonfliktberatung und die Gründung des diesem Zweck dienenden Vereins "Donum Vitae" hat sich das Zentralkomitee 1999 in einen Konfrontationskurs zu den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. und einem erheblichen Teil der dt deutschen Bischöfe begeben. Sein Ruf als Repräsentanz des deutschen Laienkatholizismus wird zunehmend in Frage gestellt.

Im Bereich der sozialen Fürsorge unterhielt die katholische K. 2008 durch den deutschen Caritasverband 24.373 Einrichtungen, darunter 539 Krankenhäuser, stationäre Hospize und Kurkliniken mit rund 97.000 Betten und 1.951 Altenpflegeeinrichtungen und -wohnanlagen mit rund 127.000 Plätzen. In allen Einrichtungen waren rund 507.400 hauptamtliche Mitarbeiter (57,5 % Teilzeitbeschäftigte) tätig. Aufgrund des in der Verfassung und im → politischen System Ds fest verankerten → Subsidiaritätsprinzips und der Freiheit der K. erfreuen sich diese Einrichtungen nicht nur hoher gesellschaftlicher Wertschätzung, sondern auch starker staatlicher Subventionierung. Hinzu kommt rund eine halbe Mio. ehrenamtlich engagierter Katholiken in Gemeinden und Verbänden. Die zur Milderung der Not in der Dritten Welt und in den ehemals sozialistischen Ländern errichteten kirchlichen Hilfswerke "Misereor", "Adveniat", "Renovabis", "Missio", "Kindermissionswerk" und "K. in Not" fördern Entwicklungs- und Seelsorgeprojekte in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa. Misereor hat 2010 für rund 1.200 Projekte 165 Mio. € bewilligt. Die Mittel stammen aus der jährlichen Kollekte (2010 rund 75 Mio. €) und aus Spenden sowie aus kirchlichen Haushaltsmitteln, staatlichen Zuschüssen (rund 60 %) und Zinsen.

Im Bildungssystem unterhielt die katholische K. 2010 1.024 allgemein- und berufsbildende Schulen sowie Internate, die von rund 371.000 Schülern besucht wurden. Darüber hinaus unterhält die K. zahlreiche Kindergärten (2010 9.417 für rund 600.000 Kinder), Erwachsenenbildungswerke, Heimvolkshochschulen, Akademien, Fachhochschulen, die vor allem für soziale Berufe ausbilden, Theologische Hochschulen und die Katholische Universität Eichstätt. Im Medienbereich sind die Katholiken mit 124 Zeitungen und Zeitschriften, Wochen- und Monatsblättern, Verbandsorganen und Bistumszeitungen mit zurückgehenden Auflagen (2010 780.000) präsent. Darüber hinaus besitzen sie ein geregeltes Mitspracherecht in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten und arbeiten mit privaten Sendern zusammen.

3.2

Die Evangelische K. in D besteht 2011 aus 22 Landesk.n. Sie zählte 2010 24,1 Mio. Mitglieder – rund 29,5 % der deutschen Bevölkerung – in 16.100 K.ngemeinden. Hinzu kommen die Freikirchen mit 0,3 Mio. Mitgliedern und die orthodoxen Kirchen mit rund 1,2 Mio. Die Quote der Gottesdienstteilnehmer beträgt ca. 3,7 %. Das Gesamt-K.nsteueraufkommen betrug 2009 3,99 Mrd. €. 21.488 Theologen standen 2009 im aktiven Dienst der K. Der Anteil der evangelischen Christen an der Bevölkerung der neuen → Bundesländer, der vor der Wiedervereinigung noch auf 46 % geschätzt wurde, beträgt inzwischen nur knapp 20 %, jener der Katholiken nur knapp 5 %. Die DDR war unter allen ehemals sozialistischen Staaten zusammen mit der Tschechischen Republik das Land mit dem höchsten Grad der Entchristlichung.

Die zentralen Organe der EKD sind die Synode, der Rat der EKD und die K.nkonferenz. Der Rat leitet die EKD und besteht aus 15 Mitgliedern. Synode und K.nkonferenz wählen die Mitglieder für sechs Jahre und bestimmen aus deren Mitte den Vorsitzenden des Rates. Dies ist seit 2010 der Präses der Evangelischen K. im Rheinland Nikolaus Schneider. Die meist einmal jährlich tagende Synode ist das Gesetzgebungs- und Haushaltsorgan der EKD und besteht aus 126 für sechs Jahre entsandte Mitglieder. Zu ihr gehören eine Reihe von Kammern und Ausschüssen, die alle nach außen gerichteten Gemeinschaftsaufgaben der EKD wahrnehmen und in zahlreichen Denkschriften die Positionen der EKD zu Fragen der Politik, des Staates, der → Gesellschaft, der Wirtschaft, der Kultur, der Bildung und der Wissenschaft artikulieren. Die K.nkonferenz hat u. a. Beratungsfunktion sowie ein Initiativrecht und setzt sich aus ein oder zwei Vertretern der Gliedk.n – je nach ihrer Größe – zusammen. Sekretariat des Rates, der Synode und der Kammern ist das K.namt in Hannover. In BE unterhält die EKD die Einrichtung eines Bevollmächtigten bei der BRD und der EU (seit 2009 Prälat Bernhard Felmberg).

Die gesellschaftliche Präsenz der evangelischen Christen kommt zum einen in zahlreichen kirchlichen Einrichtungen, zum anderen im Evangelischen K.ntag zum Ausdruck. Ein dem Katholizismus vergleichbares Verbandswesen existiert nicht. Unter den kirchlichen Einrichtungen ragt das 1957 gegründete Diakonische Werk (DW) hervor. Es leistet Hilfe für Behinderte, Alte, Kranke, Obdachlose, Straffällige, sittlich Gefährdete sowie im Bereich der frühkindlichen Erziehung, der Jugend- und Familienfürsorge. Es bietet aber auch seelsorgerische und missionarische Dienste sowie Hilfen zur Bewusstseinsbildung an, die zum Glaubenszeugnis und zur Wahrnehmung der christlichen Weltverantwortung befähigen sollen. Die Basis des DW, dem die EKD, die diakonischen Werke der Landes- und Freik.n sowie über 80 Fachverbände angehören, sind rund 28.000 Einrichtungen – Krankenhäuser, Heime, Anstalten, Kindergärten, Beratungsstellen, Fachschulen –, in denen 2008 443.744 Mitarbeiter beschäftigt waren (218.921 Vollzeit- und 224.823 Teilzeitmitarbeiter). Darüber hinaus sind rd. 400.000 ehrenamtliche Mitarbeiter tätig. Auch die 1959 gegründete Hilfsaktion "Brot für die Welt" gehört zum DW. Sie bewilligte für Entwicklungshilfeprojekte im Jahre 2009 40,8 Mio. €. Daneben bewilligten der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) aus Kirchenmitteln, staatlichen Zuschüssen und Spenden 121,8 Mio. € und die Katastrophenhilfe des DW noch einmal 40,4 Mio. €.

Im Bildungsbereich existierten 2007 rund 975 evangelische allgemein- und berufsbildende sowie sonderpädagogische Schulen, in denen 168.172 Schüler unterrichtet wurden. Hinzu kommen rund 9.000 Tageseinrichtungen für Kinder, eine Reihe von Erwachsenenbildungswerken, Fachhochschulen, Akademien, Predigerseminaren und Theologischen Hochschulen. Der Deutsche Evangelische K.ntag wurde 1949 gegründet. Er ist eine freie evangelische Institution ohne organisatorische Bindung an die EKD und ihre Gliedk.n. Er will, so die Präambel seiner Ordnung, "die evangelischen Christen in D sammeln, sie im Glauben stärken, sie für die Verantwortung in ihrer K. rüsten, sie zum Zeugnis in der Welt ermutigen und mit ihnen in der Gemeinschaft weltweiter Christenheit bleiben." Er wird alle zwei Jahre im Wechsel mit dem Deutschen Katholikentag durchgeführt. Der letzte, der 33. K.ntag fand 2011 in Dresden statt.

4. Ökumene



Die ökumenische Zusammenarbeit der christlichen K.n hat seit dem II. Vatikanischen Konzil beträchtliche Fortschritte gemacht. Es gibt nicht nur regelmäßige und institutionalisierte Kontakte der beiden großen K.n auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene, sondern eine Zusammenarbeit aller christlichen K.n in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher K.n in D (ACK). Obwohl die Differenzen im Bereich des Abendmahls-, des Amts- und Kirchenverständnisses gegenwärtig noch erheblich sind und nur schwer überwindbar erscheinen, gibt es seit Beginn der 1970er Jahre eine Fülle gemeinsamer Anstrengungen, Veranstaltungen und Dokumente vor allem auf sozialethischem Gebiet.

Unter den gemeinsamen sozialethischen Dokumenten ragen heraus: die gemeinsame Grundwerteerklärung der beiden großen K.n "Grundwerte und Gottes Gebot" (1979), ihre Umwelterklärung "Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung" (1985) und die von der ACK getragene Erklärung "Gott ist ein Freund des Lebens. Herausforderungen und Aufgaben beim Schutz des Lebens" (1989). 1997 wurde nach einem dreijährigen Konsultationsprozess unter dem Titel "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" ein gemeinsames Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in D veröffentlicht. Unter den gemeinsamen Veranstaltungen ragen die Ökumenischen K.ntage (2003 in BE und 2010 in München) sowie das 1988 in Königstein und Stuttgart von der ACK organisierte Ökumenische Forum "Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung" mit dem Abschlussdokument "Gottes Gaben – unsere Aufgabe" hervor. Diese ökumenische Versammlung fand 1988 und 1989 in drei Sitzungsperioden auch in der DDR statt. Unter ihren Abschlussdokumenten ist vor allem der Text "Mehr Gerechtigkeit in der DDR" zu nennen, der mit seiner Kritik am Machtmonopol der SED und seinen Forderungen nach Rechtssicherheit, Gewaltenteilung, Wahrhaftigkeit im öffentlichen Leben, freien Wahlen, Informations- und Meinungsfreiheit sowie Reisefreiheit das Programm der ein halbes Jahr später einsetzenden Wende enthielt.

Der ökumenische Prozess "Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung" fand 1989 in Basel und 1990 in Seoul seine Fortsetzung auf europäischer bzw. globaler Ebene. Eine zweite europäische Versammlung fand 1997 in Graz, eine dritte 2007 in Sibiu (Hermannstadt)/Rumänien statt. Ein großer Schritt in den gemeinsamen Verständigungsbemühungen war die nicht zuletzt von Kardinal Ratzinger geförderte Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre durch das Einheitssekretariat des Vatikans und den Lutherischen Weltbund am 31.10.1999 in Augsburg.

5. K.n, Gesellschaft und Staat



Gesellschaft und Staat sind für die Christen der geschichtlich wandelbare, konkrete Ort ihres Glaubenszeugnisses und ihrer Lebensentfaltung. Insofern sind Gesellschafts- und Staatsordnung sowie die Beziehungen zwischen K.n und Staat für sie von zentraler Bedeutung. Die K.n leben in der Gesellschaft; sie gehen jedoch nicht in ihr auf. Eine rechts- und sozialstaatliche Demokratie und eine das Subsidiaritätsprinzip achtende Staatsverfassung gewähren ihnen bessere Entfaltungsmöglichkeiten als jede andere Staats- und Gesellschaftsordnung.

In D ist die Gesellschaft der alten → Bundesländer stark von christlichen Werten und Traditionen geprägt. In den neuen Bundesländern sind zwar weniger die Werte, aber doch die Traditionen nach der mehr als ein halbes Jahrhundert andauernden Unterdrückung durch Nationalsozialismus und Kommunismus stark geschwächt. Tradierungskrise des Glaubens und Abnahme religiöser Praxis sind aber auch in den alten Bundesländern signifikant. Der Kruzifix-Beschluss des → Bundesverfassungsgerichts vom Mai 1995 wird vielerorts als Symptom dieser Entwicklung betrachtet. Gleichzeitig wachsen jedoch geistliche Bewegungen in und zwischen den K.n einerseits und gesellschaftliche Ansprüche an die K.n, ein moralisches Wächteramt in politischen Fragen z. B. der sozialen Gerechtigkeit, der Friedenssicherung, des Lebensschutzes und der Beachtung der Menschenrechte auszuüben, andererseits. Dieses Wächteramt können die K.n umso besser wahrnehmen, je mehr sie jede Art von Integralismus meiden, ökumenisch zusammenarbeiten, die relative Autonomie des Zeitlichen in Erinnerung rufen und den Weltauftrag der Laien fördern. Durch ihre Einbindung in das strafrechtliche System der Schwangerschaftskonfliktberatung haben die K.n dieses Wächteramt zwischen 1995 und 2000 im Bereich des Lebensschutzes erheblich geschwächt. Die bewegenden Ereignisse um den Tod und die Beisetzung Papst Johannes Pauls II. und die Wahl des deutschen Kardinals Joseph Ratzinger zu seinem Nachfolger als Benedikt XVI. im Apr. 2005 sowie der XX. Weltjugendtag der katholischen K. im Aug. 2005 in Köln, mit über einer Mio. Teilnehmern das größte kirchliche Ereignis in der deutschen Geschichte, haben die Hoffnungen der Christen auf eine Wiederbelebung der Religion in D gestärkt. Die Aufdeckung von sexuellen Übergriffen kirchlicher Amtsträger auf ihnen anvertraute Kinder und Jugendliche im Jahr 2010 haben, auch wenn sie in kirchlichen Einrichtungen viel seltener vorkamen als in Familien und Sportvereinen, diese Hoffnungen wieder geschwächt.

Das Verhältnis von K.n und Staat in D ist das einer Partnerschaft. Die staatskirchenrechtliche Ordnung wird durch das GG, die Länderverfassungen und das Vertragsrecht (Konkordate bzw. evangelische K.nverträge) bestimmt. Die zentralen Bestimmungen des GG sind das Grundrecht der Religionsfreiheit in Art. 4 und der Art. 140, der die wichtigsten staatskirchenrechtlichen Artikel der Weimarer Verfassung rezipiert. Sie gewährleisten u. a. das Selbstbestimmungsrecht der K.n in ihren eigenen Angelegenheiten unter dem Vorbehalt des für alle geltenden Gesetzes, ihren Rechtsstatus als Körperschaften des öffentlichen Rechts, den Sonn- und Feiertagsschutz und die Freiheit des Gottesdienstes und der Seelsorge in der → Bundeswehr und in staatlichen Anstalten. Die gegenseitige Unabhängigkeit und die Selbstständigkeit von K.n und Staat wird von beiden Seiten unterstrichen. Da aber beide der Entfaltung des gleichen Menschen dienen, der Christ und Staatsbürger ist, sind sie um des Gemeinwohls willen auf eine partnerschaftliche Kooperation angewiesen.


Literatur



Buchheim, Hans/Raabe, Felix (Hrsg.) 31997: Christliche Botschaft und Politik. Texte des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zu Politik, Staat, Verfassung und Recht. Paderborn.

Codex juris Canonici, lateinisch-deutsche Ausgabe. Kevelaer 31989.

Die Denkschriften der EKD, 3 Bde., Gütersloh 1978-1993.

Evangelischer Erwachsenenkatechismus. Gütersloh 51989.

Kämper, Burkhard/Thönnes, Hans-Werner (Hrsg.) 1969 ff.: Essener Gespräche zum Thema Staat und Kirche, begründet von Joseph Krautscheidt und Heiner Marré, bisher 45 Bde. Münster.

Kirchenamt der EKD (Hrsg.) 2011: Evangelische Kirche in D. Zahlen und Fakten zum kirchlichen Leben 2011. Hannover.

Listl, Joseph/Pirson, Dietrich (Hrsg.) 21994 und 21995: Handbuch des Staatskirchenrechts der Bundesrepublik Deutschland. Berlin.

Pollack, Detlef 1996: Zur religiös-kirchlichen Lage in Deutschland nach der Wiedervereinigung. Eine religionssoziologische Analyse, in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 93.

Rauscher, Anton (Hrsg.) 1981 und 1982: Der soziale und politische Katholizismus. Entwicklungslinien in Deutschland. 1803-1963. 2 Bde. München.

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.) 2011: Katholische Kirche in D. Zahlen und Fakten 2010/2011. Bonn.

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.) 1985/1995:Katholischer Erwachsenen-Katechismus. Bonn Bd. 1 1985. Bd. 2 1995.

Spieker, Manfred 22008: Kirche und Abtreibung in Deutschland. Ursachen und Verlauf eines Konflikts. Paderborn.

Spieker, Manfred 2003: Gespaltenes Missionsland. Zur Lage des christlichen Glaubens im wiedervereinigten Deutschland, in: Vogel, Bernhard (Hrsg.): Religion und Politik. Ergebnisse und Analysen einer Umfrage. Freiburg, S. 92-126.

Staatslexikon in 5 Bänden: Hg. von der Görres-Gesellschaft, Freiburg 51985 ff. Darin u. a. die Artikel Kirche, Katholische Kirche, Evangelische Kirche in Deutschland, Kirche und Gesellschaft, Kirche und Staat.

http: //www.dbk.de

http: //www.ekd.de

Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Manfred Spieker

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