Politikwissenschaft

1. Ältere Lehre der Politik



Die Lehre von der Politik an den Universitäten ist so alt wie diese selbst: Beide gehen auf das europäische Mittelalter zurück. War im Mittelalter unter dem dominierenden Einfluss der Lehren von Aristoteles die Lehre der Politik mehr ein Anhängsel der praktischen Philosophie, so wurde sie in der frühen Neuzeit im Gefolge der protestantischen Reformation in den Rang eines unabhängigen Faches mit eigenständigen Lehrstühlen erhoben.

Neben dieser Politikwissenschaft (PW) in der Einzahl entwickelte sich in der frühen Neuzeit entsprechend den sich ausdifferenzierenden staatlichen Tätigkeitsbereichen ein ganzes Spektrum von politischen Wissenschaften in der Mehrzahl. Zu diesen gehörte die ältere Policeywissenschaft als das Fach von der Organisation und den Inhalten der inneren Verwaltung – das ältere Verständnis von "Policey" war viel umfassender als der moderne Polizeibegriff, der sich auf die Erhaltung von Sicherheit und Ordnung beschränkt –, die Kameralwissenschaft als die Lehre von den fürstlichen Finanzen, die Ökonomik sowohl als Haus- wie auch als Staatswirtschaftslehre, die ältere Statistik als beschreibend-historische Lehre von den Zuständen der Staaten und ein ganzer Kranz von technologischen Fächern (Landwirtschaftslehre, Forstwissenschaft, Bergbau u. a.). Ab der Mitte des 18. Jh.s bürgerte sich für diese Vielzahl von politischen Wissenschaften der Begriff der Staatswissenschaften ein (vgl. Bleek 2003).

Unter dem Einfluss der Aufklärung wurde gegen Ende des 18. Jh.s nicht nur an der Vielregiererei des absolutistischen und merkantilistischen Verwaltungsstaates, sondern auch am Utilitarismus seiner politischen Wissenschaften Anstoß genommen. Die Policeywissenschaft mauserte sich zur Verwaltungsrechtswissenschaft, die Staatswirtschaftslehre zur von Adam Smith revolutionierten Nationalökonomie, die Staatenkunde zur modernen Statistik sowie Geschichtswissenschaft. Das Kernfach der Politik überlebte in der ersten Hälfte des 19. Jh.s in Gestalt einer philosophisch (z. B. Hegel und Schleiermacher) oder historisch (insbesondere Dahlmann) orientierten liberal-bürgerlichen Verfassungslehre. Die Ausstrahlungskraft der "politischen Professoren" in dieser Zeit der Spätblüte der älteren Politiklehre reichte weit über das Bildungsstudium an den reformierten wissenschaftlichen Hochschulen hinaus in die politische Öffentlichkeit, sie wurden auch durch Widerstandsakte wie den Protest der Göttinger Sieben unter Dahlmann gegen den Verfassungsbruch des hannoverschen Königs (1837) zu anerkannten Wortführern der liberal-konstitutionellen Bewegung des Bildungsbürgertums. Die Mitarbeit von Politik-Professoren in der deutschen verfassungsgebenden Nationalversammlung in den Jahren 1848/49 stellte den Höhepunkt, aber auch die Wendemarke im öffentlichen Ansehen und in der politischen Bedeutung der Lehre der Politik in D dar. Gegen Ende des 19. Jh.s verschwand die zuvor angesehene und einflussreiche Universitätsdisziplin weitgehend aus dem akademischen Fächerkanon im Deutschen Reich.

2. Politische Wissenschaft in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus



Mit der Einführung der demokratischen Verfassungsordnung in der Weimarer Republik (1919) verknüpfte sich in D das Experiment einer erneuten Etablierung der Politik als akademischer Wissenschaft. Es begründete sich auf programmatischen Einsichten von M. Weber und dem liberalen Publizisten und Politiker F. Naumann in die Notwendigkeit einer demokratischen Erziehung der → politischen Elite. Da die von dem preußischen Universitätsreformer C. H. Becker angestrebte Etablierung nicht nur der Soziologie, sondern auch der PW an den Universitäten nicht durchzusetzen war, konzentrierte man sich auf die 1920 in Berlin gegründete "Deutsche Hochschule für Politik" (DHfP).

Die DHfP übernahm eine Vielzahl von Funktionen, nicht nur als Volkhochschule und Fachschule, sondern ab 1927 auch als akademische Hochschule mit Forschungsabteilung. Diese Entwicklung wurde aber durch die "Machtergreifung" der Nationalsozialisten im Jahr 1933 abgebrochen, die Hochschule wurde zu einer nationalsozialistischen Schulungsanstalt gleichgeschaltet und 1940 in die "Auslandswissenschaftliche Fakultät" der Berliner Universität integriert. Die Nationalsozialisten sprachen zwar auch von "politischen Wissenschaften", meinten damit aber kein eigenständiges Fach, sondern die Politisierung aller Disziplinen im Sinne ihrer Ideologie. Die Mehrzahl der demokratischen Dozenten der Deutschen Hochschule für Politik der Weimarer Zeit ging in die Emigration und wurde vor allem in den USA von der professionellen und selbstbewussten Political Science beeindruckt (vgl. Söllner 1996).

3. Wiedergründung in der Bundesrepublik



Erfolgreicher als bei den Bestrebungen in der Weimarer Republik, nicht nur eine demokratische Verfassungsordnung durchzusetzen, sondern auch durch die Etablierung der PW als einer Demokratiewissenschaft einen akademischen Beitrag zu diesen Bemühungen zu leisten, war man in der Bundesrepublik. Am Anfang dieser Aktivitäten stand 1948 die Wiederbelebung der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin als einer außeruniversitären Institution.

Entscheidend für die dauerhafte (Wieder-) Gründung der PW in Westdeutschland wurde aber ihre Durchsetzung als universitäres Lehrfach (vgl. Mohr 1988). Die Besatzungsmächte, insbesondere die Amerikaner, setzten sich über konservative Vorbehalte an den deutschen Universitäten hinweg und drangen im Rahmen ihrer Politik der "re-education", der Umerziehung der Deutschen zu Demokraten, im Jahr 1949/50 auf mehreren Konferenzen mit deutschen Universitätsrepräsentanten und Kultuspolitikern auf die Etablierung einer wissenschaftlichen Disziplin von der Politik. Die ersten Lehrstühle für "Wissenschaftliche Politik" wurden anfangs der 1950er Jahre, ausgehend vom Land HE, mit ausgewiesenen Antifaschisten besetzt, die in D überlebt hatten. Hinzu kamen Rückkehrer aus der Emigration, die vor allem in den USA mit der Political Science vertraut geworden waren.

Zur Etablierung der PW in der jungen Bundesrepublik gehörte nach amerikanischem Vorbild auch der Aufbau eines einschlägigen Fachverbandes und die Herausgabe einer Fachzeitschrift: 1952 wurde die "Deutsche Vereinigung für die Wissenschaft von der Politik" gegründet (seit 1959 "Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft", DVPW), die zunächst die Wiederbelebung der seit 1908 erscheinenden "Zeitschrift für Politik" erreichte und seit 1960 die "Politische Vierteljahresschrift" (PVS) als wissenschaftliches Periodikum herausgibt.

Das inhaltliche Profil der jungen bundesdeutschen PW ergab sich aus ihrem Selbstverständnis als "Demokratiewissenschaft": Ein Begriff, der schon auf der Waldleininger Gründungskonferenz vom Sept. 1949 verwandt wurde. Die ursprünglichen politikwissenschaftlichen Themenfelder ergaben sich aus der politisch-historischen Konstellation der (Wieder-) Gründung der Demokratie in (West-) Deutschland: Der Aufbau einer Demokratie erforderte an erster Stelle die Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Vergangenheit, insbesondere die Erklärung des Scheiterns der ersten deutschen Demokratie und der Machtergreifung der nationalsozialistischen Diktatur im Jahr 1933. In dieser Hinsicht leisteten in den 1950er Jahren junge Politikwissenschaftler wie K. D. Bracher und K. Sontheimer zeitgeschichtliche Pionierarbeit. Außerdem nahm die bundesdeutsche PW die Lehre und Forschung über die → DDR als den zweiten deutschen Staat und über die ihn beherrschende kommunistische Diktatur (später zur vergleichenden → Deutschlandforschung erweitert) auf. Das dritte Feld war die Theorie und Empirie der → Demokratie, insbesondere auf den Gebieten der Parlamentarismus-, → der Parteien- und der → Wahlforschung. Alle diese politikwissenschaftlichen Teilgebiete wurden durch die Rezeption der "politischen Klassiker" ideengeschichtlich fundiert.

Mit diesen Themengebieten, aber auch einem beschränkten Lehrpersonal – an den meisten westdeutschen Universitäten gab es, wenn überhaupt, nur einen politikwissenschaftlichen Lehrstuhl – leistete die bundesdeutsche PW in den 1950er Jahren primär einen Beitrag zum staatsbürgerlichen Studium Generale, zur allgemeinen → Politischen Bildung der Studierenden. Lediglich in Westberlin war das Fach schon einen Schritt weiter: 1952 wurden an der Freien Universität aufgrund eines Kooperationsvertrages mit der DHfP mehrere politikwissenschaftliche Lehrstühle eingerichtet und 1959, bei der Eingliederung der DHfP als "Otto-Suhr-Institut" in die FU, verfügte man bereits über 10 nach den politikwissenschaftlichen Teilgebieten differenzierte Professuren. Auf Drängen der Berliner Studierenden wurde ein eigenständiges Ausbildungsstudium für "Diplom-Politologen" eingerichtet.

4. Expansion und Professionalisierung



Schon in den 1950er Jahren hatten die Gründungsväter der bundesdeutschen PW darauf gedrängt, ihre Disziplin durch die Anerkennung als berufliches Ausbildungsfach für den höheren Verwaltungsdienst und das Lehramt an Schulen abzusichern. Der Durchbruch gelang aber erst, als mit der um die Wende von den 1950er zu den 1960er Jahren immer dringender werdenden Auseinandersetzung mit der "jüngsten deutschen Vergangenheit" das gymnasiale Schulfach der Sozialkunde bundesweit eingeführt wurde und dabei die PW neben der Soziologie und der Nationalökonomie eine offizielle Ausbildungsrolle erhielt.

Die Erfüllung dieser pädagogischen Ausbildungsfunktion, aber auch das Bestreben um die allgemeine Anerkennung als normale Universitätsdisziplin erforderte den Ausbau der PW von einem Einmannfach zu einer thematisch wie personell ausdifferenzierten Disziplin. Die programmatische Grundlage für diese Bemühungen wurde eine im Auftrage der Deutschen Forschungsgemeinschaft von dem jungen politischen Soziologen M. R. Lepsius verfasste "Denkschrift zur Lage der Soziologie und der Politischen Wissenschaft" (Lepsius 1961). Darin wurden die Entwicklung des Faches von einer allgemeinbildenden und propädeutischen Lehrdisziplin zu einer theoretisch anspruchsvollen Einzelwissenschaft und daher der Ausbau der einschlägigen Universitätsinstitute von Lehrseminaren zu Forschungsinstituten mit einem entsprechenden Personal gefordert. Der Wissenschaftsrat übernahm im folgenden Jahr die Forderung von Lepsius, an jeder Universität in neuzuschaffenden Sozialwissenschaftlichen Abteilungen mindestens drei planmäßige politikwissenschaftliche Professuren (Politische Theorien, Politische Institutionen und Internationale Beziehungen) und ein Forschungsinstitut mit angemessener Mitarbeiterzahl und adäquaten Sachmitteln einzurichten.

Diese anspruchsvollen Forderungen wurden in den sechziger Jahren erstaunlich schnell umgesetzt. Eine Vorreiterrolle kam dabei der mit der Ruhr-Universität Bochum (1965) einsetzenden Gründungswelle neuer Universitäten zu, während an den etablierten Universitäten noch manche früheren Vorbehalte zu überwinden waren. Das Fach profitierte von der allgemeinen Expansionsstimmung im tertiären Bildungssektor. Nicht nur wurden jene Teilbereiche systematisch ausgebaut, die bereits im Gründungsjahrzehnt der 1950er Jahre eine Rolle gespielt hatten. Auch kamen neue Lehr- und Forschungsgebiete hinzu, allen voran die Analyse der → Außenpolitik und Internationalen Beziehungen und die sich aus diesem Bereich ausdifferenzierende Entwicklungsforschung (→ Entwicklungspolitik) und die Friedens- und Konfliktsforschung. Die Forschung und → Politikberatung auf diesen Gebieten wurde nicht nur an den Hochschulen intensiviert, sondern auch von eigenständigen Instituten und den → Politischen Stiftungen übernommen.

Aufgrund der doppelten Expansion, sowohl der allgemeinen Zahl der Hochschulen als auch der Lehrstuhlvertretungen der Disziplin, kam es in den 15 Jahren zwischen 1960 und 1975 zu einer erheblichen Vermehrung der Zahl der Professuren, Mittelbaustellen und auch Studierenden im Fach PW. 1960 existierten an den insgesamt 18 bundesdeutschen Universitäten 24 politikwissenschaftliche Lehrstühle, doch davon allein 10 Professuren an dem mit der Freien Universität verbundenen Zentrum politikwissenschaftlicher Lehre und Forschung in Westberlin. 1965 waren es bereits 51 Professorenstellen für PW und bis 1973 stieg, vor allem nach dem Antritt der sozialliberalen Bundesregierung (1969), die Zahl bis zum Jahr 1975 auf 133.

5. Krise und Konsolidierung



Die enorme Expansion in den 1960er und 1970er Jahre war aber auch eine wesentliche Ursache für die nachfolgenden Krisen der PW. In quantitativer Hinsicht führte sie dazu, dass der Stellenmarkt für Politikwissenschaftler, zumal nachdem dessen Ausweitung infolge der durch die Ölpreiskrise 1974 bewirkten wirtschaftlichen Krise abrupt zu einem Ende kam, auf Jahrzehnte verstopft war. In qualitativer Hinsicht wurde durch die Expansion die wissenschaftliche Homogenität und Integrität des Faches auf die Probe gestellt. Vor dem Hintergrund der Studentenbewegung eskalierte der legitime Streit um die zentralen Theorien (normativ-ontologisch, empirisch-analytisch oder historisch-kritisch) zum politischen Lagerkampf zwischen angeblich restaurativen, systemaffirmativen oder fortschrittlichen Kräften.

Die mehr politischen als wissenschaftlichen Konfrontationen in der bundesdeutschen PW während der 1970er Jahre prägten auch die Auseinandersetzungen in ihrer Fachvereinigung und dem Fachorgan. Sie führten langfristig dazu, dass sich 1983 von der DVPW die "Deutsche Gesellschaft für Politikwissenschaft" (DGPW) als eine Vereinigung wissenschaftlich wie politisch mehr traditionell eingestellter Professoren abspaltete.

Jüngere, politisch moderat gestimmte und wissenschaftlich anspruchsvolle Politikprofessoren steuerten der Krise des Faches seit Ende der 1970er Jahre mit einem wissenschaftlichen und politikberatenden Konsolidierungskurs entgegen. Ein wesentlicher Bestandteil war dabei die Neupositionierung der bundesdeutschen PW im akademischen Fächerkanon. Die (Wieder-) Gründung der Disziplin nach 1945 war ganz überwiegend im Rahmen der Geisteswissenschaften vonstatten gegangen, nahm damit nicht nur die Ursprungsfächer der ersten Generation bundesdeutscher Politikwissenschaftler auf, sondern knüpfte auch an die Tradition der älteren Politiklehre vor 1900 an. Seit den frühen 1980er Jahren bemühte sich die PW um eine entschiedene Profilierung ihrer theoretischen Anstrengungen und ihres methodologischen Instrumentariums als einer "modernen Sozialwissenschaft". Dabei orientierte man sich unter dem szientistischen Einfluss des amerikanischen Behaviorismus bei der Theoriebildung, aber noch mehr den Methoden, Verfahren und Arbeitstechniken am Vorbild der Naturwissenschaften und der in diesen herrschenden Anforderungen und Annahmen exakter Wissenschaft. Eng verbunden mit einem modernen Verständnis der PW als einer Subdisziplin der empirischen Sozialforschung war die Entdeckung eines großen weiteren Gegenstandsbereiches der Disziplin in Gestalt der Politikfelder: Neben die Analyse der "polity" als dem institutionellen Rahmen und der Untersuchung der "politics" als den Prozessen der Politik trat nun auch die Erforschung der "policies" als den Bereichen und Ergebnissen öffentlichen Handelns. Arbeitsmarkt-, Bildungs-, Gesundheits-, Sozial-, Umweltpolitik und viele anderen Politikfelder wurden nun zu Gebieten nicht nur der politikwissenschaftlichen Forschung, sondern auch intensivierter → Politikberatung, allerdings in Konkurrenz mit den anderen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.

Die bundesdeutsche PW hat sich gegen Ende des 20. Jh.s in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit und aus der Sicht der anderen akademischen Disziplinen zu einer ganz normalen Wissenschaft entwickelt, deren Existenz und Position nicht mehr in Frage gestellt wurde. Zu dieser Stabilisierung trug wesentlich die Öffentlichkeitsarbeit des Faches bei, die nicht mehr auf progressive Belehrung der konservativ gestimmten Wählermehrheit und auf Konfrontation mit den Nachbarwissenschaften, sondern auf Kooperation außerhalb und innerhalb der Hochschulen setzte. Mit 324 Professuren ist die Politikwissenschaft an den deutschen Universitäten relativ gut ausgestattet (2011). In dem Fach sind über 30.000 Studierende eingeschrieben, was 1,5 % der Gesamtstudentenzahl ausmacht.

6. PW und deutsche Vereinigung



Der Erfolg des Konsolidierungskurses zeigte sich nach 1990, als im Rahmen des Prozesses der deutschen Vereinigung die bundesdeutsche PW auch an den Hochschulen in den neuen Bundesländer der ehemaligen DDR weitgehend unkontrovers und problemlos etabliert werden konnte. In der → DDR hatte keine PW existiert, da die herrschende SED (→ Die Linke) das Monopol nicht nur der politischen Führung, sondern auch der Interpretation der als wissenschaftlich postulierten Lehren des Marxismus-Leninismus beanspruchte. Mit dem Zusammenbruch der SED-Herrschaft im Herbst 1989 kollabierte auch der Marxismus-Leninismus als Universitätsdisziplin, auch wenn sich die Sektionen und viele Hochschullehrer dieses Faches durch die einfache Umbenennung zu Politikwissenschaftlern zu retten suchten. Doch angesichts des weitgehenden Defizits an institutionalisierter PW und ausgebildeten Politikwissenschaftlern in der alten DDR war der Neuaufbau des Faches an den Hochschulen der neuen Bundesländer in Gestalt einer Übertragung des Westmodells auf den Osten unumgänglich. Unter Leitung der beiden bundesdeutschen Fachverbände der PW wurden nicht nur für das Übergangsjahr 1990/91 westdeutsche Gastprofessoren an die ostdeutschen Universitäten vermittelt, sondern wurde auch deren Regelausstattung in Anlehnung an die in der alten Bundesrepublik üblich gewordene Aufteilung mit vier politikwissenschaftlichen Professuren (Politische Theorie und Ideengeschichte; Deutsches Regierungssystem; Vergleichende Regierungslehre; Internationale Politik und deutsche Außenpolitik) beschlossen. So konnten bis zum Jahr 1995 an den ostdeutschen Universitäten 53 Politikprofessuren besetzt werden, wobei überwiegend westdeutsche Bewerber zum Zuge kamen.

7. Perspektiven



Beim Rückblick auf die Geschichte der PW in D und insbesondere ihre turbulente Entwicklung in der BRD während der letzen sechs Jahrzehnte zeichnen sich einige Trends und Prognosen für die nächste Zukunft des Faches ab. An erster Stelle ist seine fortschreitende Internationalisierung zu nennen. Schon die Gründung des deutschen Fachverbandes DVPW im Jahr 1952 ging auf eine Initiative des vier Jahre zuvor etablierten politikwissenschaftlichen Weltverbandes (International Political Science Association, IPSA) zurück, dem heute (2011) 52 nationale und regionale Organisationen mit über 35.000 Politikwissenschaftlern angehören (vgl. Coackley/Trent 2000). Noch bedeutsamer für den Forschungsalltag der PW in D wie in den übrigen europäischen Staaten ist inzwischen die Zusammenarbeit im 1970 gegründeten European Council of Political Research (ECPR).

Die Internationalisierung der PW ist gekennzeichnet durch den großen, wenn nicht hegemonialen Einfluss der quantitativ wie qualitativ in der ganzen Welt dominierenden amerikanischen PW. Die als Amerikanisierung sowohl gepriesene als auch angeprangerte Vorbildfunktion der Political Science in den USA trifft allerdings nur für den Bereich der sozialwissenschaftlichen Forschung voll zu, auf vielen anderen Gebieten und insbesondere im Alltag der Lehre herrschen in den Politikwissenschaften der einzelnen Staaten immer noch sehr verschiedenartige Denkstile, wie sie auf anschauliche Weise der schwedische Sozialwissenschaftler und Friedensforscher J. Galtung auf den Begriff gebracht hat (Galtung 1983). Sowohl auf internationaler Ebene wie auch im nationalen Rahmen sollte die PW auf die produktive Kraft einer Vielfalt nicht nur ihrer Themen, sondern auch der zugrunde liegenden Theorien und der angewandten Methoden setzen. Die Warnung vor den Monopolansprüchen eines Ansatzes ist nicht nur eine Lehre aus der Existenzkrise des bundesdeutschen Faches in den 1970er Jahren, sie gilt heute auch gegenüber einem überzogenen Kurs der empirisch-sozialwissenschaftlichen Profilierung der deutschen PW, der Anfang der 1980er Jahre zur Spaltung des Fachverbandes führte.

So tragen auch traditionelle Bemühungen, die sich mehr auf die Analyse von Institutionen konzentrieren und geisteswissenschaftlich angelegt sind, zum Erkenntnisgewinn in Lehre und Forschung bei. In diesem Zusammenhang ist das wachsende Interesse in der deutschen PW an ihrer eigenen Vergangenheit, das sich in der Gründung eines einschlägigen Arbeitskreises in der DVPW und einer ersten Gesamtdarstellung der Geschichte der PW in D (Bleek 2001) niedergeschlagen hat, ein erfreuliches Zeichen.

Aus der Geschichte des Faches sind nicht nur Trends über seine interne Entwicklung, sondern auch Prognosen über den Einfluss dabei wirksamer externer Faktoren abzuleiten. Dazu gehört die Vermutung, dass die PW durch die sich auch in D abzeichnende prinzipielle Umorientierung in den universitären Studiengängen von einer rigiden Ausbildungsfunktion zu einem breiter angelegten Bildungsstudium auf der Bachelor-Ebene profitieren wird. Allerdings wird auch die Befürchtung geäußert, dass der Bologna-Prozess auf dem Gebiet der Master-Studiengänge durch deren Ausdifferenzierung zur Fragmentierung des einheitlichen Profils der PW führen könne. Schließlich zeichnet sich auch ab, dass es auf der Ebene des Graduiertenstudiums durch dessen Anbindung an Exzellenzcluster und Sonderforschungsbereiche zu einer Verstärkung des Prestigegefälles zwischen den einzelnen Universitätsstandorten der PW in D kommen wird.

Insgesamt können wir aus der Geschichte des Faches lernen, dass seine Entwicklung insbesondere vom Wandel des politischen Systems und seiner Werte (→ Wertewandel) bestimmt wird. Die Entfaltung der PW ist wesentlich von freiheitlichen Grundstrukturen abhängig. So erkennt man ein Wechselverhältnis zwischen der PW und dem politischen System der Bundesrepublik: Nicht nur analysiert die PW das politische System, umgekehrt ist auch das politische System der Rahmen für die politikwissenschaftlichen Bemühungen in Forschung und Lehre.


Literatur



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Bleek, Wilhelm/Lietzmann, Hans J. (Hrsg.) 2005: Klassiker der Politikwissenschaft. München.

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Galtung, Johan 1983: Struktur, Kultur und intellektueller Stil. Ein vergleichender Essay über sachsonische, teutonische, gallische und nipponische Wissenschaft, in: Leviathan 11, S. 308-338.

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Lepsius, M. Rainer 1961: Denkschrift zur Lage der Soziologie und der Politischen Wissenschaft. Im Auftrage der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Wiesbaden.

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Nohlen, Dieter (Hrsg.) 1992-1998: Lexikon der Politik. 7 Bde. München.

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Rohe, Karl 21994: Politik. Begriffe und Wirklichkeiten. Stuttgart.

Schmidt, Manfred G. 22004: Wörterbuch zur Politik. Stuttgart.

Schüttemeyer, Suzanne S. 2007: The Current State of Political Science in Germany, in: Klingemann, Hans-Dieter (Hrsg.) 2007: The State of Political Science in Western Europa. Opladen/Farmington Hills, S. 163-186.

Söllner, Alfons 1996: Deutsche Politikwissenschaftler in der Emigration. Studien zu ihrer Akkulturation und Wirkungsgeschichte. Opladen.

Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Wilhelm Bleek

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