ʿAlawiten

auch Nuṣairīya, synkretistische Religion mit Anlehnung an die Schia sowie vorislamischen iran. und christlichen Elementen. Weite Verbreitung in Westsyrien und im Südosten der Türkei (Aleviten). Gegründet wurde dieser Zweig der extremen Schiiten Mitte des 9. Jh. im Irak durch Muḥammad ibn Nuṣair an-­Namīrī (daher auch Nuṣairīs), der – gegen dessen Widerspruch – die göttliche Natur des zehnten schiit. Imams ʿAlī al-­Hādī verkündete und sich selbst zum Propheten erklärte. Die Entstehung der Religion der A. bleibt unklar. Die Doktrin der ʿA. ist eine mythische Lehre von der Entstehung der Welt, in der dem Vetter und Schwiegersohn des Propheten, dem ersten Imam der Schiiten, ʿAlī ibn Abī Ṭālib, göttlicher Charakter verliehen wird. ʿA. glauben, dass die Gottheit sich in der Geschichte zyklisch als Trinität manifestiert. Diese Trinität inkarniert sich in der Form historischer oder mythischer Personen. Danach wurde die muslimische Ära durch den Zyklus von Muḥammad eröffnet: ʿAlī als «Essenz» – Muḥammad als «Name/Schleier» – Salmān der Perser als «Tor», durch welches der/die Gläubige das Mysterium der Gottheit erfährt. Zu den Messen der ʿA., deren Riten sich um die muhammedanische Trinität drehen, haben nur eingeweihte Männer Zugang. Frauen dürfen an religiösen Ritualen nicht teilnehmen, da sie als sündig gelten. Die Bestandteile des Glaubens der ʿA. werden nur den Eingeweihten vermittelt. Jedem Erwachsenen wird der Zugang zu den Eingeweihten ermöglicht, falls er Geheimhaltung schwört. Religiöse Pflichten beschränken sich auf allgemeine moralische Vorschriften. Die Gläubigen pilgern zu den Gräbern von alawitischen Heiligen. Verschiedene Feste unterschiedlicher Herkunft wer­­den von den ʿA. begangen, darunter das pers. Neujahr, das christl. Weihnachten oder das islam. Fastenbrechen. In Syrien herrschen seit 1966 alawit. Offiziere bzw. mit Bashshār al-­Asad der Sohn eines Offiziers. Während ein Teil der ʿA. in Syrien an seinem Glauben und den Ritualen festhält, geht ein anderer Teil im zwölferschiitischen Islam auf. Letztere Tendenz zeigte sich bereits während der französischen Mandatszeit (1922 – 1946), in der ein eigenes Territorium für die ʿA. ausgewiesen wurde. Einzelne zwölferschiitische Rechtsgelehrte fördern die Annäherung der ʿA. an die Schia bis heute.

Literatur:
Halm, H.: Art. «Nuṣairiyya», The Encyclopaedia of Islam, Second Edition. – Kadi, W.: Art. «ʿAlawī», Encyclopaedia Iranica, Bd. 1, 1983, 804 – 806. – Bar-­Asher, M. M.: Art. «ʽAlawīs, classical doctrine»,The Encyclopaedia of Islam, THREE. – Mervin, S.: Art. «ʽAlawīs, contemporary developments», The Encyclopaedia of Islam, THREE.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Anja Pistor-­Hatam, Universität Kiel, Islamwissenschaft

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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