Bruderschaften

Gruppierungen von Scheichs und Adepten der islam. Mystik, dem Sufismus, meist benannt nach ihrem Gründer, z. B. die Qādirīya-­B. nach ʿAbd al-­Qādir al-­Kīlānī (auch ­al-­Jīlānī, gest. 1166). Die Mitglieder sind durch eine ununterbrochene Initiationskette mit dem Gründer verbunden. Äußere Kennzeichen sind unter anderen die Form des dhikr und des Ordenskleides. Erste B. entstanden im 12. und 13. Jh. im Vorderen Orient und verbreiteten sich schnell über die gesamte islam. Welt. Zahlreiche Zweig-­B. entwickelten sich dadurch, dass ein Scheich einer bestehenden B. neue sufische Praxisformen einführte, die dann von seinen Schülern und Enkelschülern dauerhaft befolgt wurden. Im 20. Jh. wurde zwar in manchen Ländern ein Niedergang beobachtet, doch existieren weiterhin Hunderte verschiedener B. Teilweise sind sie lokal begrenzt, aber zum Teil auch international verbreitet mit Tausenden von Mitgliedern (z. B. Shādhilīya, Tijānīya). Einige B. bestehen aus losen, untereinander kaum verbundenen Gruppen, die sich gelegentlich in einer Moschee oder einem Privathaus zum dhikr treffen, andere sind gut organisiert, besitzen eine zentrale Führung, Versammlungszentren und bestimmen das Alltagsleben ihrer Mitglieder in hohem Maße. Dachorganisationen mehrerer B. existieren z. B. in Ägypten. In einigen Ländern (Senegal, Sudan) bilden B. polit. Parteien. Gelegentlich sind Teile von B. an militär. Konflikten beteiligt. Z. B. führte im 20. Jh. die nordafrikan. Sanūsīya den antikolonialen Widerstand; ihr Führer Idrīs as-­Sanūsī wurde im Jahre 1951 König von Libyen. In Deutschland sind mehrere B. vertreten, die meist von Scheichs aus islam. Ländern geleitet werden. Besonders bekannt ist der Naqshbandī-­Führer Nazim al-­Qubrusi mit Wohnsitz im türk. Zypern. Unter seinen Adepten befinden sich auch viele deutsche Konvertiten.

Literatur:
Schleßmann, L.: Sufismus in Deutschland : Deutsche auf dem Weg des mystischen Islam, 2003. – Norris, H. T.: Popular Sufism in Eastern Europe : Sufi brotherhoods and the dialogue with Christianity and ‹heterodoxy›, 2006. – Karamustafa, A. T.: God’s unruly friends : dervish groups in the Islamic middle period 1200 – 1550, 2006.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Ralf Elger, Universität Halle, Orientalistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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