Barmherzigkeit

wohlwollend-­huldvolle Haltung Gottes zur Kreatur, die auf Befreiung aus einem Zustand des Leidens, der Bedürftigkeit und «Erbärmlichkeit» abzielt. Im Arabischen kommt dem deutschen Wort B. der Begriff raḥma am nächsten. In von islam. Tradition geprägten Texten und Lebenswelten ist dieser ständig präsent, da viele häufig verwendete Gruß- u. a. Formeln, darunter die Basmala, die Wurzel r-­ḥ-m enthalten. Im Anschluss an den Koran und dessen Betonung der göttlichen raḥma deuten sowohl islam. Theologie als auch Mystik und Volksfrömmigkeit das gesamte Universum und heilsgeschichtliche Ereignisse wie insbesondere die Sendung von Propheten an die Menschheit und die Offenbarung heiliger Schriften, v. a. des Korans, als untrügliche Beweise für Gottes raḥma. Zeitgenöss. muslim. Denker integrieren auch die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften als auf Gottes raḥma verweisende «Wunder der Natur» in dieses Bild. Für spirituell orientierte Interpreten und Gläubige wird raḥma gern zum «obersten göttlichen Handlungsprinzip» (A. Falaturi) und wunderbaren Hauptcharakteristikum der Beziehung Gottes zum Menschen, ähnlich der Liebe Gottes zum Menschen im Christentum. Dabei nimmt der koran. einfach «Wohlwollen», «Gunst», «Güte» bezeichnende, eine «Erbärmlichkeit» des Objekts der raḥma noch nicht voraussetzende Begriff eine der «B.» sehr nahekommende, «Hilfe» und «Mitleid» einschließende Bedeutung an. Die Gewährung von raḥma im Diesseits ist Appell an die Begünstigten, also an die gesamte Menschheit, sich Gott ganz «hinzugeben» (arab. Islam). Wer dies tut, kann auch am Jüngsten Tag auf Gottes raḥma, welche sich dann im Vergeben von Sünden erweisen wird, hoffen. Deshalb wird raḥma oft mit Gnade identifiziert.

Literatur:
Gimaret, D.: Art. «Raḥma», The Encyclopaedia of Islam, second edition.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Stephan Guth, Universität Oslo, Islamwissenschaft, Orientalische Philologie, Begriffsgeschichte

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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