Demokratie

Entwicklungen zu demokrat. Aushandlung von Macht in einem territorial definierten Staat, bei dessen Bevölkerung die Souveränität liegt, können in der islam. Welt seit dem Ende des 18. Jh. ausgemacht werden. Im Osman. Reich wurde durch Selim III. (reg. 1789 – 1807) eine beratende Versammlung (osman. meclis-­i meshveret) angestrebt. Durch die Allianzcharta von 1808 (osman. sened-­i ittifāk) wurde die Macht des Sultans beschränkt, einer Notabelnvertretung wurden bestimmte Rechte übertragen. 1876 schuf das Kānūn-­i Esāsiye (Grundgesetz/Verfassung) erstmals ein – wenn auch begrenztes – parlamentar. System der Mitbestimmung aller Bürger ohne Rücksicht auf ihre Religion. Durch die jungtürk. Revolution wurde dieses zeitweise ausgesetzte parlamentar. System erweitert. In den arab. Staaten Ägypten, Irak, Syrien und Libanon entstanden zwischen den beiden Weltkriegen konstitutionelle oder parlamentar. D., die aber aufgrund von Korruption, Verwaltungswillkür und Nepotismus scheiterten. Aufkeimende nationalist. Ideologien wie der Panarabismus wurden als Lösung aus diesem Dilemma gesehen. Fast alle repräsentativen Systeme gingen in Einparteienherrschaften über. Erst das Scheitern der na­tio­­nalist. Ideen und die Deregulierung der Wirtschaft von den späten 1970 er bis in die 1990erJahre führten zu einer – stark eingeschränkten – Re-­Demokratisierung in Ländern wie Ägypten, Marokko, Algerien und Jordanien. Für islam. Intellektuelle wie Muḥammad ʿAbduh waren D. und Islam durchaus vereinbar. Gegenwärtige islamist. Strömungen gründen ihre Vorstellung von Partizipation an der Macht auf den Gedanken der Souveränität Gottes: Da jeder Mensch als Stellvertreter Gottes betrachtet wird, entsteht eine utop.-egalitäre Gesellschaftsauffassung und damit eine Form von D., z. B. bei der Wahl eines Kalifen. Andere Denker bemühen das koran. Konzept der shūrā (arab. «Ratsversammlung») und sehen darin eine Art Expertengremium, das einen islam. Herrscher in Sachfragen beraten kann. Pluralismus ist nach solchen Vorstellungen nur innerhalb der Grenzen des islam. Rechts und der Moral möglich.

Literatur:
Dieterich, R.: Transformation oder Stagnation. Die jordanische Demokratisierungspolitik seit 1989, 1999. – Goldberg, E. u. a. (Hg.): Rules and Rights in the Middle East. Democracy, Law, and Society, 1992. – Kedourie, E.: Democracy and Arab Political Culture, 1994. – Krämer, G.: Demokratie im Islam. Der Kampf für Toleranz und Freiheit in der arabischen Welt, 2011.

Autor/Autorinnen:
Christian Szyska, M. A., Bonn, Orientalistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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