Emanzipation

Anfänglich die Bewusstwerdung und Artikulation geschlechtsspezif. Ungerechtigkeiten, die im Laufe der Zeit in ein polit. und gesellschaftliches Engagement von Frauen (und Männern) zur Beseitigung der patriarchal. Strukturen und zur Bildung gleichberechtigter Lebenswelten übergehen. In der zweiten Hälfte des 19. Jh. begannen einige muslim. Frauen ihren Unmut über gewisse Formen der Benachteiligung und Unterdrückung zu äußern. Dies hing insbesondere mit der zu jener Zeit begonnenen öffent­lichen Diskussion über die Durchführbarkeit von Sozialreformen innerhalb einer islam. Gesellschaft zusammen. Reformisten wie Modernisten suchten nach Möglichkeiten, auf die für sie unerträgliche westliche Dominanz angemessen zu reagieren. Ein wichtiges Thema war hierbei die Stellung der Frau im Islam. Ägypt. Reformer wie Aḥmad Fāris ash-­Shidyāq (gest. 1887), Rifāʿa aṭṬahṭāwī oder Muḥammad ʿAbduh thematisierten in ihren Schriften nicht nur den Ausschluss der Muslimin vom öffentlichen Leben und das Gebot der vollständigen Verschleierung (Schleier), sondern auch die Rechte der Frau auf Erziehung und die verschiedenen Formen der weiblichen Sklaverei. V. a. Qāsim Amīns (gest. 1908) Bücher Taḥrīr al-­marʾa («Die E. der Frau», 1899) und al-­Marʾa al-­jadīda («Die neue Frau», 1901) lösten eine lebhafte Debatte aus. In der Folgezeit formulierten die Frauen ihre Interessen in erster Linie in fiktionalen Werken (Gedichte, Kurzgeschichten, Romane), Briefen und Zeitschriftenbeiträgen. Darüber hinaus engagierte sich eine Reihe von Musliminnen in Wohltätigkeitsvereinen, Erziehungseinrichtungen, privaten Salons und gelehrten Zirkeln. Erst allmählich entstanden «Frauenjournale» und polit. Organisationen mit einem hohen Anteil an weiblichen Mitgliedern. Gerade in westlich orientierten Ländern wie der Türkei nach Atatürk oder dem Iran der Schahzeit hielt die polit. Führung die Anhebung der sozialen Stellung der Frauen für gesamtgesellschaftlich wünschenswert, zumal sie damit auch die eigene Position gegenüber den traditionalist. Gelehrten stärken wollte. Spürbare Verbesserungen ihrer Lage und einiger wichtiger Rechte (Scheidung, Ehe, Sorgerecht, Unterhaltszahlungen) hat es nach dem Zweiten Weltkrieg in Tunesien, Ägypten, Marokko, Syrien, Jordanien und im Irak gegeben. Frauen erhielten das Wahlrecht und durften die staatlichen Schulen besuchen. Ferner drangen sie in Berufe vor, die vormals nur Männern vorbehalten waren. Die seit den 1960 er Jahren öffentlich von muslim. Frauen diskutierten Themen sind die Rolle der Geschlechter, das Problem von Familie und Beruf, sexueller Missbrauch und sexuelle Ausbeutung (Sexualität) oder die überall gegenwärtigen patriarchal. Machtstrukturen. «Feminist.» Bewegungen (Feminismus), deren Zahl zwar zunimmt, die insgesamt gesehen aber in den meisten muslim. Gesellschaften nur eine marginale Rolle spielen, fordern weitergehende Reformen des Familienrechtes, die Achtung des weiblichen Körpers und die völlige gesellschaftliche Gleichstellung der Frauen. Fühlen sich diese Musliminnen den Modernisten verbunden, so darf man nicht vergessen, dass sich sehr viele Frauen im Zuge der Re-­Islamisierung und der Iran. Revolution den reformist. Bewegungen – etwa in Ägypten, Palästina, Jordanien, Syrien oder im Libanon – angeschlossen oder diese zumindest unterstützt haben. Mit ihrer freiwilligen Verschleierung und ihrer Ablehnung westlich-­feminist. Forderungen engagieren sie sich für die reformist. Vorstellungen von der Rolle der Frau in einer islam. Gesellschaft: Trotz ihres polit. Engagements sollten sich muslim. Frauen wieder mehr auf die ihnen angestammte häusliche Rolle konzentrieren und Werte wie Bescheidenheit, Loyalität gegenüber dem Mann und moral. Integrität hochhalten. (Feminismus)

Literatur:
Ahmed, L.: Women and Gender in Islam, 1992. – Hijab, N.: Womanpower. The Arab Debate on Women at Work, 1988. – Moghadam, V. M.: Modernizing Women. Gender and Social Change in the Middle East, 1993. – El Masrar, S.: Emanzipation im Islam – Eine Abrechnung mit ihren Feinden, 2016.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Stephan Conermann, Universität Bonn, Orientalistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln