Historiographie

(arab. taʾrīkh), eines der bedeutendsten und umfangreichsten Textkorpora in der islam. Welt. Die frühesten historiograph. Texte befassen sich mit der Biographie des Propheten Muḥammad (arab. sīra) und den ersten islam. Eroberungszügen (arab. maghāzī). Die bekannteste sīra stammt von Ibn Hishām (gest. 833 oder 828), der sich auf die Autorität des Überlieferers Ibn Isḥāq (704 – 767) beruft. Im 9. und 10. Jh. werden die in den ersten zwei Jh. zirkulierenden historiograph. Texte zu Universal­geschichten zusammengefasst, mit verschiedenen Deutungen der Geschich­­te. Polit. ging es um die Legitimation der ʿabbasid. Dynastie (749 – 1258), theolog. um die Erklärung von Geschichte auf der Basis heilsgeschichtlicher Paradigmen (Bund mit Gott, Verrat und Erlösung). Eines der einflussreichsten historiograph. Werke ist die Chronik von Abū Jaʿfar aṭ-­Ṭabarī (gest. 923). Sein Taʾrīkh ar-­rusul wa-­l-mulūk («Die Geschichte der Propheten und Herrscher») beginnt mit der Schöpfung und reicht bis zur Gegenwart des Autors. Die Aufgabe des Historikers zur Zeit aṭ-­Ṭabarīs war es weniger, ein durchgängiges histor. Narrativ zu verfassen, als vielmehr eine Sammlung durch glaubwürdige Überlieferer bezeugter Berichte über wesentliche Ereignisse und Akteure der islam. Geschichte zu erstellen. Neben sīra und Universalgeschichten entstanden weitere Genres, die biograph. ṭabaqāt (arab. Generationen, Nachrichten über die Überlieferer prophet. Tradition) und die Chronik. Ordnungskriterium war hier zunächst die Regierungszeit eines Kalifen, ungefähr seit dem 9. Jh. wurden die Ereignisse nach Jahren aufgezählt. Spätere Universalgeschichten übernahmen die Darstellung der frühen Geschichte aus der «klassischen» H., nur der Anhang (arab. dhail) wurde vom Autor eigenständig erarbeitet. Daneben entstanden Lokalgeschichten (z. B. von Damaskus und Kairo). ʿAbd ar-­Raḥmān al-­Jabartīs (1753 – 1826) ʿAjāʾib al-­āthār wird als eines der letzten in traditioneller Weise verfassten histor. Werke betrachtet. Es schließt mit den Schilderungen der französ. Besetzung Ägyptens 1798 – 1801. Die Regentschaft von Muḥammad ʿAlī (reg. 1805 – 1848) ist in ʿAlī Mubāraks (1823 – 1893) al-­Khiṭaṭ at-­taufīqīya dokumentiert, das in traditioneller Weise nach Ortsnamen geordnet ist, ebenso wie z. B. die Khiṭaṭ des Kairoer Historikers al-­Maqrīzī (1364 – 1442). Die Zeitgeschichte von Salīm an-­Naqqāsh Miṣr li-­l-misrīyīn («Ägypten für die Ägypter») von 1884 stützt sich auf Regierungsdokumente und Gerichtsakten. Im 20. Jh. geriet die H. zunehmend in Kontakt mit europäischer Geschichtsschreibung über den Orient. Auf europäische Forschung gestützt, verfasste der aus dem Libanon stammende Jurjī Zaidān (1861 – 1914) seine einflussreiche Geschichte der islam. Zivilisation. Selber Christ, wurde ihm deswegen und aufgrund seiner westlichen Quellen seitens muslim. Gelehrter vorgeworfen, in seinem Werk islam. Geschichte zu verfälschen. Bis in die 1970 er Jahre konzentrierte sich die H. in den jungen postkolonialen Nationalstaaten des Nahen Ostens auf Epochen der Auseinandersetzung mit dem Westen, wie z. B. die Kreuzzüge, und solche, die für die Schaffung einer nationalen Identität bedeutsam waren. Daneben trat aber auch eine weniger ideologiebehaftete akadem. H.

Literatur:
Hirschler, K.: Medieval arabic historiography. Authors as actors, 2006. – Humphreys, R.: Islamic history. A framework for inquiry, 2009.

Autor/Autorinnen:
Christian Szyska, M. A., Bonn, Orientalistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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