Hölle und Paradies

Während das Christentum ein Leben nach dem Tode beschreibt, schildert die islamische Tradition mehr die Welt des Jenseits. Nach dem Jüngsten Gericht vollzieht sich die Bestrafung der Sünder und die Belohnung der Frommen in der H. bzw. im P. Nach gängiger Ansicht sind beide siebenfach aufgebaut (Himmelsreise) und von Flüssen durchzogen; in ihrer Mitte steht ein Baum (Sidra bzw. Zaqqūm). Dem Koran zufolge ist die H. ein Ort des Feuers, der Schmerzen, der Hitze und des Durstes (Sure 56:41 – 56 u. a.). Das P. dagegen ist der Ort der Kühle und des Schattens, an dem den Gerechten paradies. Früchte und Getränke und ewig jungfräuliche, großäugige Mädchen erwarten (Suren 44:54, 56:8 – 40 u. a.). Die Sinnenhaftigkeit dieser Vorstellung hat islam. und außerislam. Kritik auf sich gezogen. V. a. der Mystik gilt vielmehr als höchster Lohn die verheißene Schau Gottes. Während hinsichtlich der Ewigkeit der Paradiesesfreuden Einigkeit besteht (Sure 2:25), lehrten viele Theologen, dass dank der Gnade Gottes einige oder alle Sünder nach einer gewissen Zeit aus dem Höllenfeuer ins P. eingehen oder dass die H. insgesamt nur begrenzte Zeit besteht. Ob der Garten Eden, in dem Adam weilte, mit dem P. ident. sei, ist strittig. Die schon im Mittelalter vorhandene Tendenz, Paradiesesfreuden und Höllenqualen spirituell, also nur auf die Seele bezogen zu verstehen, oder als symbol. Ausdruck einer der menschlichen Einsicht unzugänglichen Welt, verstärkt sich in der Moderne.

Literatur:
: Chittick, W.: «Eschatology», in Nasr, S. (Hg.): Islamic Spirituality. Foundations, 1987. – Smith, J. I./Haddad, Y. Y.: The Islamic Understanding of Death and Resurrection, 2002. – Rustomji, N.: The garden and the fire: heaven and hell in Islamic culture, 2009.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Gottfried Hagen, University of Michigan, Turkish Studies

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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