Harem

(arab. ḥarīm, «geweihter, unverletzlicher Ort»), Bezeichnung für den von der Umwelt weitgehend abgeschlossenen Fami­lientrakt eines Hauses, in dem sich Frauen unverschleiert aufhalten können (Schleier). Die islam. Sitte, weibliche Familienangehörige von der Männergesellschaft räumlich getrennt wohnen zu lassen, wurde vermutlich im 7. Jh. von den Byzantinern übernommen. Im Koran wird diese strikte Trennung nicht explizit empfohlen; doch werden die Frauen aufgefordert, sich nicht zur Schau zu stellen (Sure 24:31). Den H. bewohnten früher bis zu vier rechtmäßige Ehefrauen des Hausherrn (Polygamie), seine Töchter, Schwie­gertöchter u. a. weibliche Familienangehörige. Außer Ehemännern und Söhnen, in Ausnahmefällen auch einem Arzt, hatten ausschließlich Frauen Zutritt. In den weitläufigen H. der Herrscherhäuser lebten auch Dienerinnen, Sklavinnen und Konkubinen, gelegentlich bis zu mehreren tausend Frauen. Die Verbindung zur Außenwelt erfolgte über Eunuchen, die gleichzeitig den H. bewachten. Bekanntes Beispiel für einen herrschaftlichen H. ist der Topkapı Palast in Istanbul. Diese Form des H. ist mit dem Rückgang und teilweise auch mit dem Verbot der Polygamie unüblich geworden. Heute versteht man unter H. «Frauen-» oder «Fami­lienbereich» oder auch die Gesamtheit der weiblichen Hausbewohner.

Literatur:
Mernissi, F.: Harem. Westliche Phantasien – östliche Wirklichkeit, 2000. – Peirce, F.: The Imperial Harem. Women and Sovereignty in the Ottoman Empire, 1993. – Sagaster, B.: Im Harem von Istanbul. Osmanisch-­türkische Frauenkultur im 19. Jahrhundert, 1989. – Walther, W.: Die Frau im Islam, 1980. – Fay, M. A.: Unveiling the harem. Elite women and the paradox of seclusion in eighteenth-­century Cairo, 2012. – Akgunduz, A.: Ottoman harem. The male and female slavery in islamic law, 2015.

Autor/Autorinnen:
Dr. Friederike Stolleis, Berlin

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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