Ibaditen

(arab. Ibāḍīya), einziger bis heute existierender Zweig der Kharijiten (arab. khawārij, «die hinausgehen»). Diese entstanden aus einer Gruppe von Muslimen, die sich in dem Konflikt um die Herrschaft zwischen dem vierten Kalifen ʿAlī und seinem Widersacher Muʿāwiya gegen beide stellten, weil sie sie als Imame, als Vorsteher der Umma, ablehnten. Später leisteten die Kharijiten heftigen Widerstand gegen das sunnit. umayyad. Kalifat, grenzten sich aber auch gegen die Schiiten ab. Sie vertraten die Auffassung, dass prinzipiell jeder Muslim das Recht habe, das Imamat bzw. Kalifat zu übernehmen – und nicht nur Nachkommen des Propheten, wie die Schiiten lehren, bzw. Angehörige des Stammes der Quraish, wie es Auffassung der Sunniten ist (Dynastien). In einigen kharijit., bzw. ibadit. Staaten konnte das – manchmal als demokrat. bezeichnete – Prinzip der Herrscherwahl etabliert werden. Dabei galt die Regel, dass ein sündiger Imam, der gegen die Gebote der Scharia verstieß, abgesetzt werden musste. Wenn Kharijiten unter der Herrschaft anderer Muslime leben, besteht das Imamat im Verborgenen weiter. Extreme kharijit. Gruppen vertraten die Auffassung, dass alle Nicht-­Kharijiten als Heiden (arab. mushrikūn) zu betrachten seien, die getötet werden dürfen. Ein kharijit. Muslim, der eine Sünde begeht, sei der Apostasie schuldig, könne nicht durch Reue Vergebung erhalten und werde ebenfalls mit dem Tode bestraft. In der Gegenwart wird der Begriff «Kharijiten» deshalb von muslim. Gelehrten gelegentlich pejorativ auf extreme fundamentalist. Terroristen angewandt, welche den Mord an ihren Gegnern dadurch legitimieren, dass sie sie zu Ungläubigen erklären. Der Zweig der I., benannt nach einem seiner angeblichen Gründer ʿAbd Allāh ibn Ibāḍ (lebte im 7. Jh.), lehrt dagegen, dass Nicht-­Kharijiten lediglich kuffār (arab. «Ungläubige») wie die Juden und Christen sind. Ein Zusammenleben mit ­ihnen ist I. also möglich. Sie erlauben auch die Heirat mit anderen Muslimen. Ihre Auffassungen in Theologie und Recht ähneln denen der Sunniten. Allerdings lehren sie anders als die sunnit.-ash­ʿarit. Theologen, dass der Koran nicht ewig ist, sondern zur Zeit des Propheten Muḥammad geschaffen wurde. Ibadit. Gruppen leben gegenwärtig in Oman, Ost-­Afrika, Libyen, Tunesien und Algerien.

Literatur:
Wilkinson, J.: Ibāḍism: Origins and Early Development in Oman, 2010.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Ralf Elger, Universität Halle, Orientalistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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