Modernismus

Strömung innerhalb der muslim. intellektuellen Aus­­einandersetzung um die richtige Entgegnung auf die europäische Herausforderung, deren Träger sich bei der theoret. Fundierung ihres Gesellschaftsentwurfes auch auf westliche («moderne») Konzeptionen stützen. Die überwiegende Mehrheit der Modernisten leitet ihr Weltbild – im Gegensatz zu den Anhängern des Reformislam oder des Traditionalismus – gleichberechtigt aus ­islam. und europäischen Vorstellungen ab. Sie wollen die für sie ­offenkundige Rückständigkeit der muslim. Welt überwinden. Das polit. Mittel zum Erreichen dieses Zieles wird in der Beschneidung autoritärer Herrschaftsformen durch die Einführung eines konstitutionellen, parlamentar. Regierungssystems (Demokratie) gesehen. Hinzu kommen Forderungen nach größerer individueller Freiheit und besseren Ausbildungsmöglichkeiten. Einige Modernisten wollen Religion und Politik voneinander trennen und den Islam zur Privatsache erklären. Solche Säkularisten (al ʿAẓm) machen allerdings nur einen verschwindend kleinen Teil dieser Strömung aus. Die meisten Modernisten möchten die islam. Grund­orientierung ihrer Gesellschaften nicht ändern. Zu Beginn des 20. Jh. waren – v. a. in Syrien und Ägypten – viele Modernisten arab. Christen, die Europa und die Aufklärung als Bestandteile ihrer eigenen Kultur ansahen. Der Westen war nicht ihr Feind, sondern nachahmenswertes Vorbild. Einige Ideen dieser Christen wurden im Laufe der Zeit von muslim. Modernisten aufgegriffen. Im Zen­trum ihrer Überlegungen stand die Wiedergewinnung der polit. Freiheit im Rahmen von Nationalstaaten. So propagierten z. B. in Ägypten die Modernisten Aḥmad Luṭfī as-­Sayyid (1872 – 1963) und Rafīq alʿAẓm (gest. 1925) die intellektuelle Befreiung von der arab. Überfremdung unter Betonung einer eigenen ägypt. «Persönlichkeit» und «Mentalität». Ende der 1920 er Jahre gingen Schriftsteller wie Ṭāhā Ḥusain (1889 – 1973) und Muḥammad Ḥasanain Haikal (1888 – 1956) daran, das authent. ägypt. kulturelle Erbe unter ständigem Rekurs auf europäische Vorstellungen wiederzubeleben und ihm als Essenz ägypt. Selbstverständnisses künstler. Ausdruck zu verleihen. Solche modernist. Ideen fassten in der Zwischenkriegszeit nicht nur in Ägypten, sondern auch in anderen islam. Ländern Fuß. Überall kam es zur Herausbildung von «Nationalgeschichten», «Nationalkulturen» und «Nationalliteraturen». Als in den 1930 er und 1940 er Jahren einerseits die von Modernisten ins Leben gerufenen Parteien bei dem Versuch scheiterten, ihre demokrat. und liberalen Positionen polit. durchzusetzen und sich andererseits nach dem Zweiten Weltkrieg in zahlreichen Staaten des Nahen Ostens der «Arab. Sozialismus» durchsetzen konnte, gerieten viele Modernisten in eine tiefe Orientierungskrise. War daher in den 1970 er Jahren eine Annäherung der Modernisten an die Vorstellungen der Vertreter des gemäßigten Reformislam zu spüren, so drehen sich die modernist. Debatten seit Mitte der 1980 er Jahre wieder vermehrt um die Frage, ob und wie es gelingen kann, bestimmte als modern definierte Werthaltungen, Verhaltensweisen und Institutionen zu übernehmen und dennoch der eigenen Tradition treu zu bleiben. Letztlich geht es bei diesen Diskussionen um die (alte) Frage, wie eine modernist. Identität aussehen könnte. Diskutiert wird weiterhin über die Schlüsselbegriffe Erbe (arab. turāth) bzw. Authentizität (arab. aṣāla) einerseits und europäisches Denken bzw. Kontemporaneität (arab. muʿāṣara) andererseits: «Wie», so der ägypt. Modernist Zakī Najīb Maḥmūd (gest. 1993), «bringen wir jenes hereinkommende Denken (arab. al-­fikr al-­wāfid), ohne dass uns unsere Epoche entgleitet und umgekehrt, in Übereinstimmung mit unserem Erbe, ohne dass uns unsere Arabizität entgleitet und umgekehrt?»

Literatur:
Boullata, K.: Trends and Issues in Contemporary Arab Thought, 1990. – Ferjani, M.-C.: Islamisme, laïcité, et droits de l’homme. Un siècle de débat sans cesse reporté au sein de la pensée Arabe contemporaine, 1991. – Scheffold, M.: Authentisch arabisch und dennoch modern? Zaki Najib Mahmuds kulturtheoretische Essayistik als Beitrag zum euro-­arabischen Dialog, 1996.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Stephan Conermann, Universität Bonn, Orientalistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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