Nomadismus

spezialisierte und an Umweltbedingungen angepasste Form von mobiler Weidewirtschaft, wobei Weide- und Siedlungsplätze period. oder saisonal verlegt werden. N. im eigentlichen Sinn beinhaltet somit nicht die bloße Verlegung von Herden unter Beibehaltung eines festen Wohnortes (Almwirtschaft). Nomad. Lebensformen finden sich in Anatolien, auf dem iran. Hochland und in Zentralasien, weiter bei den Beduinen und den berber. Tuareg. Die Nomaden im Vorderen Orient halten v. a. Schafe und Ziegen, als Reit- und Nutztiere sind Pferde und Kamele von Bedeutung. Histor. spielte N. v. a. in Kombination mit tribaler Organisation eine Rolle (Stamm), wodurch Nomaden immer wieder als wichtige Akteure im Prozess der Neubildung von Staats­wesen auftraten (Araber, Mongolen). Auch der Antagonismus zwi­­schen N. und sesshafter Bevölkerung ist ein wiederkehrendes Merk­mal in der Geschichte der Islam. Welt. Im Vorderen Orient ist zu unterscheiden zwischen nomad. Weidewirtschaft in Ebenen (Flächennomadismus zwischen Gegenden mit begrenzten Niederschlägen) und in Bergregionen (Taurus, Zagros), wo Migration zwischen Hoch- und Tiefland stattfindet (Sommer- und Winterweiden). Das Einkommen aus Fleisch, Milchprodukten und Wolle der Nutztiere ergänzen viele Nomaden durch eigenen landwirtschaft­lichen Anbau und zunehmend auch durch jahreszeitliche Lohnarbeit. Nomad. Lebensformen gerieten im 20. Jh. unter Druck. N. wurde als Anzeichen von Rückständigkeit angesehen, Weidewirtschaft galt als unrentabel gegenüber intensiver Landwirtschaft, und Nomaden schienen unkontrollierbar und waren von staatlicher Infrastruktur nicht erreichbar. Direkte und indirekte Maßnahmen zur Sesshaftmachung finden sich daher in vielen modernen Staaten des Vorderen Orients. Heute noch existierender N. ist meist in verschiedensten Mischformen mit anderen Lebens- und Wirtschaftsweisen anzutreffen.

Literatur:
Scholz, F.: Nomadismus. Theorie und Wandel einer sozio-­ökologischen Kulturweise, 1995. – Paul, J. (Hg.): Nomad Aristocrats in a World of Empires, 2013.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Christoph Werner, Universität Marburg, Iranistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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