Nationalismus

Ideologie, welche eine durch gemeinsame Sprache, Herkunft und Siedlungsgebiet definierte Nation als höchste Form der Gemeinschaft ansieht und teilweise die eigene Nation über alle anderen stellt. In der islam. Welt kamen nationalist. Ideen Ende des 19. Jh. im Rahmen des Modernismus auf. Sie bildeten eine Grundlage der neuen Staaten, welche aus den zerfallenden europäischen Kolonialreichen bzw. dem Osman. Reich im Balkan und später dem Maschrek hervorgingen. Daneben wurden auch überstaatliche N. wie der Panturkismus und der Panarabismus entwickelt. Eine jüngere Welle von N. löste die Unabhängigkeit zahl­reicher ehemaliger Sow­jetrepubliken in Zentralasien aus. Der N. widerspricht in gewisser Weise der islam. Idee einer Umma, welche alle Muslime umschließt (Panislamismus). Andererseits ist er für in der islam. Welt lebende Nichtmuslime attraktiv; arab. Christen z. B. forderten auf der Basis einer gemeinsamen arab. Nationalität und Sprache eine den Muslimen gleiche Stellung ein. Der islam. Fundamentalismus entwickelte verschiedentlich eine Mehrphasenstrategie, in deren Rahmen zunächst innerhalb eines Nationalstaates eine islam. Ordnung etabliert werden soll, später erst in ­einer zu schaffenden Umma. Bedeutende Vertreter des N. waren Jamāl ʿAbd an-­Nāṣir (Nasser, 1918 – 1970) in Ägypten sowie die Baʿth-­Partei (arab. «Erweckung») in Syrien und dem Irak für die arab. Länder und Atatürk für die Türkei.

Literatur:
Schulze, R.: Geschichte der islamischen Welt im 20. Jahrhundert, 2016.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Ralf Elger, Universität Halle, Orientalistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln