Naturwissenschaften

Griechisch-­hellenist. und indisches natur­wis­senschaftliches Wissen wurde in der islam. Kultur hoch geschätzt und durch Übersetzungen zahlreicher Werke (Galens Medizin, Aristoteles’ Zoologie) in das Arabische angeeignet. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Förderung durch verschiedene Herr­­scher; herausragend etwa war die Einrichtung des bait al-­ḥikma (arab. «Haus der Weisheit») unter dem ʿAbbasiden-­Kalifen al-­Maʾmūn in Bagdad (830). Es bestand aus einer öffentlichen Bibliothek, einem berühmten Übersetzerbüro, einer Akademie und einem Observatorium. Eigenständige Forschungen betrieben Wissenschaftler des islam. Kulturkreises, sowohl Muslime als auch Juden und Christen, unter anderen in den Bereichen Medizin, Alchimie, Astronomie und Astrologie, Mathematik, Zahlenlehre, Geometrie, Geographie, Physik und Optik. Dabei koexistierten und konkurrierten magische Welterklärungsmodelle (Weltbild), Prinzipien der Kausa­lität (Philosophie) und experimentelle N. Viele der originalen arab. naturwissenschaftlichen Werke wurden ebenso wie die ins Arabische übertragenen antiken Texte von Europäern in das Lateinische übersetzt, wobei besonders die Übersetzerschule von Toledo in Spanien während des 12. Jh. große Bedeutung erlangte. Arab. N. besaß eine hohe Autorität im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa. Einer der herausragenden Naturwissenschaftler im islam. Raum war Jābir ibn Ḥayyān (721 – 815), der als der Begründer arab. Alchimie und Chemie gilt. In Bagdad wirkte der Mathematiker und Astronom al-­Khwārizmī (780 – 850), dessen Kitāb al-­jabr wa al-­muqābala («Das Buch über Integration und Gleichungen») über die Grundelemente der Mathematik die Algebra begründete. Auf sein nur in der latein. Übersetzung erhaltenes Buch Algoritmi de numero Indorum («al-­Khwārizmī über die indische Kunst des Rechnens») geht der Begriff «Algorithmus» zurück. Daneben verfasste er astronom. Tabellen, die auf indischen, teils auch griechischen Vorbildern beruhen. Meist waren Naturwissenschaftler Universalgelehrte wie al-­Bīrūnī (973 – 1048), der sich u. a. mit Astronomie, Mathematik, Kalender-­Berechnung, Physik, Medizin, Geschichte und Volkskunde beschäftigte. Er diskutierte zustimmend die Theorie, dass die Erde sich um ihre Achse dreht und berechnete mit bemerkenswerter Exaktheit Breiten- und Längengrade. Der Astronom al-­Battānī (vor 858 – 929, latein. Albategni oder Albatenius) beschäftigte sich intensiv mit den Bahnen von Mond und Sonne und war in der Lage, die Existenz von ringförmigen Sonnenfinsternissen zu beweisen. Ibn al-­Haitham (965 – 1040, latein. Alhazen) gilt als einer der herausragenden Physiker und Optiker. Er entdeckte die Gesetze der Lichtbrechung und untersuchte die Spektralfarben des Lichts, entwickelte physikal. Theorien zu Schatten, dem Regenbogen, erklärte das Phänomen der camera obscura und den Vorgang des Sehens, wobei er wie Epikur davon ausging, dass Lichtstrahlen von dem Objekt in das Auge gelangen und so wahrgenommen werden können. Seine Vorgehensweise bei der Forschung zeigt, dass er von einer systemat. Beziehung zwischen Beobachtung, Hypothese und Verifizierung ausging. Umstritten ist in der Forschung, warum die Entwicklung der N. in der islam. Welt nach dem 14. Jh. weitgehend zum Stillstand kam. Im 19. Jh. forderten islam. Reformer wie Jamāl ad-­Dīn alAfghānī und Muḥammad ʿAbduh die Übernahme westlicher Methoden und Institu­tionen naturwissenschaftlicher Forschung. Naturwissenschaftliche Fakultäten sind heute an allen Universitäten der islam. Welt selbstverständlich. Internationale Organisationen wie die Organisation der Islam. Konferenz gründeten und unterhalten Institutionen zur Förderung der Natur- und Humanwissenschaften wie die Islamic Academy of Sciences (IAS, gegründet 1986) mit Hauptsitz in Jordanien. Dass Forschung dort weniger spektakulär ist, liegt an mangelnden finanziellen Ressourcen und der Abwanderung begabter Forscher in den Westen. Seit den 1970 er Jahren gibt es Versuche, islam. Glaubensansichten mit westlicher N. in Einklang zu bringen. Der Neologismus «Islam. Wissenschaft» steht für die These, dass diese Wissenschaft eine umfassendere metaphys. Qualität besäße, anders als die auf das Materielle reduzierte «westliche Wissenschaft». Wahre Islam. Wissenschaft könne allein aus dem «ersten Intellekt» stammen. Dieser Ansatz konnte sich in den N. nicht durchsetzen, besitzt aber in den Humanwissenschaften als islam. Anthropologie einige Attraktivität. Ein anderer Weg zur Harmonisierung von Glaube und N. ist die wissenschaftliche Koranexegese (arab. tafsīr ʿilmī), mit der bewiesen werden soll, dass im Offenbarungstext der Muslime wesentliche Entdeckungen der modernen Wissenschaft vorhergesagt sind.

Literatur:
Huff, T. E.: The Rise of Early Modern Science. Islam, China and the West, 1993. – Nasr, S. H.: Science and Civilization in Islam, 1968. – Morrison, R.: ­Islam and Science: The Intellectual Career of Nizam al-­Din al-­Nisaburi, 2007.

Autor/Autorinnen:
Christian Szyska, M. A., Bonn, Orientalistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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