Opfer

rituelle Darbringung (real oder symbol.) wertvoller Güter an und/oder für eine Gottheit oder Heilige. Das für die islam. Religion bedeutendste O. ist die Schlachtung eines Tieres (in der Regel eines Schafes) am 10. Tag des Monats Dhū al-­Ḥijja (Kalender, Pilgerfahrt, Festtage) als Teil der Pilgerfahrtsriten. Dieses Tieropfer soll die Gläubigen an Abrahams Bereitschaft zur Opferung seines Sohnes und an die Schlachtung eines Hammels an dessen Stelle erinnern. Andere, sehr vielfältige und häufig sehr lokalspezifische Opferarten gehören in den Bereich des Brauchtums. Dazu zählen z. B. Tieropfer, mit denen für Nachwuchs, insbesondere erstgeborene Söhne, gedankt wird (Geburt), und Votiv­gaben an Heilige als Bitte um oder zum Dank für deren Segen. – Seit ca. Anfang der 1980 er Jahre (Iran-­Irak-­Krieg) gewinnt der Gedanke einer Opferung bzw. Selbstopferung als für die Sache des Islams erlittenes Martyrium (Märtyrer) zunehmend an Bedeutung in jihadist. Ideologien (Jihad). Die in jüngster Zeit häufigen sog. «Selbstmordattentate» lassen sich, aus der Täterperspektive, als Selbst-«O.» deuten. Sie sind jedoch häufig von der Führung und Strategen militanter islamistischer Gruppen geplante und angeforderte, gezielt eingesetzte militärtaktische Maßnahmen, weshalb (mit Takeda) auch von «O.-Attentaten» zu sprechen ist. Letzteres kann man von der Selbstverbrennung des tunes. Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi, die den Volksaufstand gegen Präsident Ben Ali auslöste und damit am Anfang des sog. «Arab. Frühlings» stand, kaum sagen; die Verzweiflungstat wurde jedoch z. T. gleichfalls als Selbst-«O.» gedeutet und erlangte wohl eben deshalb ihre eigent­liche Wirkungmacht als Protest eines O. des Unrechtsregimes.

Literatur:
Bonte, P.: Sacrifices en Islam. Espaces et temps d’un rituel, 1999. – Combs-­Schilling, M. E.: Sacred Performance. Islam, Sexuality, and Sacrifice, 1989. – ­Takeda, A.: «Das regressive Menschenopfer. Vom eigentlichen Skandalon des gegenwärtigen Terrorismus», Vorgänge 1/2012, 116 – 129.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Stephan Guth, Universität Oslo, Islamwissenschaft, Orientalische Philologie, Begriffsgeschichte

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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