Persische Literatur

Die frühesten Belege einer (neu-)persischen, d. h. mit arab. Lettern geschriebenen Literatur (Persische Sprache) sind Gedichte aus der Mitte des 9. Jh. Mit der Wende vom 10. zum 11. Jh. setzte in den nordöstlichen Provinzen Khorasan und Transoxanien eine umfangreiche literar. Produktion in persischer Sprache ein. Um 1000 n. Chr. bearbeitete Firdausī die Geschichte Irans von mythischen Anfängen bis zur Islamisierung in dem oft als «Nationalepos» bezeichneten Shāhnāme (50 – 60 000 Verse). Das frühe persische Prosaschrifttum besteht v. a. aus historiograph. und Fürstenspiegelliteratur. Die gereimten Gattungen mit strengen formalen Regeln waren bis ins 20. Jh. hinein dominant. Grundeinheit ist der Doppelvers (pers. bait), der in der klassischen Dichtung auch die Sinneinheit bildet. Das mathnavī (reimende Doppelverse) wird als Langgedicht v. a. für Epen verwendet; Kassiden (pers. qaṣīde, erster Doppelvers mit Binnen-, die übrigen mit Endreim) sind häufig panegyrische, aber auch elegische und Spottgedichte; lyrische Dichtung findet sich in Form des Ghasels (arab./pers. ghazal, ca. 7 – 15 Doppelverse, Reimschema wie die Kasside); als Robai (rubāʾī, Vierzeiler) werden spontane Kurzgedichte und Epigramme gereimt. Die poetolog. Regeln wurden aus dem Arabischen adaptiert, und es entwickelte sich ein für die persische Dichtung spezifisches bildersprachliches System. Die bekanntesten Vertreter klassischer persischer Dichtung sind neben Firdausī (gest. 1021) ʿUmar Khayyām (gest. 1138), der für seine Vierzeiler berühmt wurde; Niẓāmī (gest. 1209), der fünf Epen teils romantischen, teils phi­lo­sophisch-­didaktischen Inhalts schuf; ʿAṭṭār (gest. ca. 1220), unter dessen religiös-­mystischen Epen Manṭeq al-­ṭayr (dt. Die Konferenz der Vögel, 2013) das bekannteste ist; Jalāl ad-­Dīn Rūmī (gest. 1273), dessen Mathnavi-­ye maʿnavī («Geistiges Mathnawi») einen Grundtext islamisch-­mystischer Dichtung darstellt; Saʿdī (gest. 1292), dessen unterhaltend-­belehrende Anthologie Gūlistān («Rosengarten») eines der populärsten Werke im persischen Sprachraum ist; Ḥāfiẓ (gest. 1389/90) und der Dichter und Mystiker Jāmī (gest. 1492). Auch außerhalb Irans (Osman. Reich, Zentralasien, Indien) bedienten sich berühmte Dichter der persischen Sprache, z. B. Amīr Khusrau Dihlavī (gest. 1325 in Delhi) und Bēdil (gest. 1721 in Delhi). Der indo-­pakistanische Dichter Muḥammad Iqbal (1877 – 1938) dichtete noch im ersten Drittel des 20. Jh. auf Persisch. Die auffallendsten Entwicklungen im 20. Jh. in Iran sind eine verstärkte Hinwendung zur Prosa und ein freierer Umgang mit den prosod. Regeln. Die Konstitutionelle Revolution (1905 – 1911) förderte politische und sozialkritische Inhalte in der Dichtung. Während die traditionellen Muster in Gebrauch blieben, brachen innovative Dichter und Dichterinnen die strengen formalen Regeln auf und fanden zu einer neuen Bildersprache und Thematik (Nīmā Yūshīj, 1895 – 1951; Forūgh Farrokhzād, 1935 – 1967). Die moderne persische Prosaliteratur entwickelte sich vor dem Hintergrund traditioneller Erzählungen vom Typ Tausendundeine Nacht, des im 19. Jh. florierenden Memoirenschrifttums (Reiseberichte, Autobiographien) und Übersetzungen aus westlichen Sprachen (v. a. Französ. und Russisch). Als erste Sammlung moderner Kurzgeschichten gilt der Band Yekī būd yekī nabūd («Es war einmal», 1921) von Muḥammad ʿAlī Jamālzāde (1892 – 1997). Die erfolgreichste Prosaform war bis in die 1970 er Jahre die Kurzgeschichte, und die bekannten Autoren der Pahlavizeit (1925 – 1979) haben sich mit dieser Gattung einen Namen gemacht. Ṣādegh Hedāyat (1903 – 1951) hinterließ ein umfangreiches Prosaschrifttum, als sein Hauptwerk gilt die surrealistische Novelle Būf-­e kūr (1936; dt. Die blinde Eule, 1990). Als erste Prosaautorin wurde Sīmīn Dāneshvar (1921 – 2012) mit dem Roman Savūshūn (1969) bekannt. Daneshvars Ehemann Jalāl Āl-­e Aḥmad (1923 – 1969), ein bedeutender Autor und Essayist, hat mit Gharbzadegī («[Erkrankt an der] Verwestlichung», 1962) einen Schlüsseltext der Islamischen Revolution (1979) geschrieben. Hūshang Golshīrī (1937 – 2000), einer der aktivsten Schriftsteller und öffentlichen Vertreter der literar. Szene, hatte 1969 mit seinem ersten, in stream-­of-­consciousness-­Technik geschriebenen Kurzroman Shāzde Eḥtejāb (dt. Prinz Ehtedschab, 2001) auf sich aufmerksam gemacht. Viele Autoren nahmen in ihren Werken kritisch zu den polit. und sozialen Zuständen in Iran Stellung (engagierte Literatur). In den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jh. sind vermehrt Autorinnen in Erscheinung getreten, z. B. Shahrnush Pārsīpūr, geb. 1945, mit Ṭūbāva maʿnā-­ye shab («Tuba und die Bedeutung der Nacht», 1989; dt. Tuba, 1997). Außerdem hat der Roman an Boden gewonnen, der auch internationale Strömungen wie den magischen Realismus und postmodernes Schreiben aufnimmt. Die staatliche Zensur beherrscht das literar. Leben bis auf kurze Ausnahmephasen bis heute. Mit der Emigration iranischer Autorinnen und Autoren entstand in Europa und Nordamerika eine umfangreiche Exilliteratur, die teils auf persisch, teils in der Sprache des Gastlandes (z. B. die Graphic Novel Persepolis (frz.) von Marjane Satrapi, geb. 1969) erscheint. Die dramat. Literatur des 20. Jh. entwickelte sich unter dem Einfluss des europäischen Dramas. Indigene Vorbilder sind das religiöse Passionsspiel Taʿzīye (ʿĀshūrāʾ), volkstümliche komische Aufführungsformen und die szenischen Darbietungen professioneller Erzähler. Zu den bekanntesten modernen Dramatikern zählen Gholam Hoseyn Saʿedi (1936 – 1985) und Bahram Beyzaʾi (geb. 1938), der sich auch als Dreh­­buchautor und Filmemacher einen Namen machte.

Literatur:
Behzad, F./Bürgel, J. C./Herrmann, G.: Iran (Moderne Erzähler der Welt), 1978. – de Bruijn, J. T. P. (Hg.): , 2009 ( Bd. 1). – Enderlein, V./Sundermann, W.: Schāhnāme. Das persische Königsbuch. Miniaturen und Texte, 1988. – Fotouhi, S.: , 2015. – Nizami: Chosrou und Schirin, übers. von J. C. Bürgel, 1980. – Rypka, J.: , 1968. – Scharf, K. (Hg., Übers.): Der Wind wird uns entführen. Moderne persische Lyrik, 2006. – Talattoff, K.: The Politics of Writing in Iran, 2000. – Yarshater, E.: , 1988.

Autor/Autorinnen:
PD Dr. Roxane Haag-­Higuchi, Universität Bamberg, Iranistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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