Philosophie

(arab. falsafa). Die islam. P. versuchte, die koran. Auffassung von Gott und dem Sein mit einer auf die griechische P. zurückgehenden Sichtweise in Einklang zu bringen. Zentrale Fragen sind u. a. der Rang von Offenbarung und Vernunft bei der Wahrheitsfindung, Erkenntnistheorien, Ethik und Staatstheorien. Ne­­ben der manchmal konfliktreichen Beziehung zur Theologie war die islam. P. aufgrund der angewandten Methoden eng mit Medizin und Naturwissenschaften verbunden. Seit dem 8. Jh. wurden – gefördert durch einige Kalifen, insbesondere al-­Maʾmūn (reg. 813 – 833) – von syrisch sprechenden christlichen Gelehrten griechische Philosophen übersetzt. Im Mittelpunkt der ­Rezeption standen Aristoteles und Platon, für die Mystik die alexandrin. Neuplatoniker. Frühester islam. Philosoph ist al-­Kindī (800 – ca. 870), der im Einklang mit der muslim. Offenbarung die Erschaffung der Welt ex nihilo zu beweisen suchte. Er führt einen aristotel. Gottesbeweis und argumentiert, dass das wahre Eine bewegungslos, zeitlos und nicht prädikabel sei und so die Ursache des Daseins. Ar-­Rāzī (865 – 925 oder 932, latein. Rhazes) dagegen geht im Sinne des Atomisten Demokrit und der Epikureer von einer Ewigkeit der Materie aus, welcher der göttliche Schöpfungsakt Ord­­nung und Form verleiht. Ar-­Rāzī stellt eine der zentralen Fragen islam. P. und Theologie, nämlich ob die Welt durch einen Zwang in der göttlichen Natur geschaffen wurde, was er verneint. Er entwirft eine philosoph. Ethik, die eine rationale Kontrolle der Leidenschaft fordert. Erlösung ist durch den philosoph. Weg möglich. Auf dieser Annahme beruht seine Ablehnung der Notwendigkeit des Prophetentums. Al-­Fārābī (870 – 942) entwickelt eine neuplaton. emanative Kosmologie, die von den meisten späteren Philosophen übernommen wird. Das Eine ist der Gott des Aristoteles, Intelligenzen und Sphären sind Emanationen von Gott. Al-­Fārābīs polit. Denken geht von dem Menschen als kleinem Universum aus. Als zoon politikon sollte er in einem von der Vernunft regierten Gemeinwesen leben. Es ist erforderlich, dass als erster Herrscher ein Philosophen-­König, der gleichzeitig Prophet ist, regiert. Dieser kann die Symbole der Offenbarung in theoret.-ra­tio­naler Form interpretieren. Daher gibt es ­al-­Fārābīs Ansicht nach keinen Widerspruch zwischen P. und Religion. Die Sprache der ­Offenbarung sei – im Unterschied zur P. – figurativ, um von der Mehrheit der Menschen verstanden zu werden. Ibn Sīnā (980 – 1037, latein. Avicenna) vertritt wie al-­Fārābī die aristotel. Theorie von der Ewigkeit der Welt. Auch in seinen Ansichten über das Prophetentum kommt er denen al-­Fārābīs nahe. Da Propheten mit dem Göttlichen in Kontakt stehen, sind sie gleichzeitig Mystiker. Seine Gedanken leben in der von as-­Suhrawardī (gest. 1191) begründeten Ishrāqī (Erleuchtungs-) Schule der persischen Philosophen fort. Der bedeutende Gelehrte und Anhänger der ashʿarit. Theologie al-­Ghazzālī (1058 – 1111, latein. Algazel) gilt als der einflussreichste Kritiker der islam. Philosophen. Er missbilligte in seinem Tahāfut al-­falāsifa (Destructio philosophorum, «Der innere Widerspruch der Philosophen») v. a. die philosoph. Ansichten über die Ewigkeit der Welt, über das Prophetentum und Gott und erklärte deren Vertreter zu Ungläubigen. Al-­Ghazzālīs Kritik bewirkte einerseits eine zunehmende Auseinandersetzung mit P. unter den sunnit. Gelehrten, andererseits brachte sie die philosoph. Debatte voran. Gegen ihn schrieben die spanischen Philosophen Ibn Bājja (gest. 1138, latein. Avempace), Ibn Ṭufail (1105 – 1185, latein. Abubacer) und insbesondere Ibn Rushd (1126 – 1198, latein. Averroes), der als der wichtigste Aristoteliker unter den islam. Philosophen gilt und dessen Schriften für die europäische Aristotelesrezeption von großer Bedeutung waren. Seine Erwiderung auf al-­Ghazzālīs Kritik, Tahāfut al-­tahāfut (Destructio destructionis, «Der innere Widerspruch von ‹Der innere Widerspruch der Philosophen›»), verteidigt P. rechtlich und theolog. und untersucht die Natur der Kausalität, womit er sich gegen den ashʿarit. Occasionalismus (Schöpfung) wendet. Die Forschung betrachtet das Werk des Averroes als Höhepunkt der islam. P. Im 20. Jh. werden in der arab. Welt zum einen die ­Synthesen Ibn Rushds für eine islam. P. wiederentdeckt, mit der Ra­tionalität und Offenbarung in Einklang gebracht werden sollen. Zum anderen finden, teils in eklekt., teils auch synthet. Weise, ­po­sitivist., hegelian., marxist. und existentialist. Gedanken Widerhall. V. a. maghrebin. Denker beziehen sich auf postmoderne französ. P. Islamist. Denker sehen in der P. oft ein Werkzeug des Westens zur Zerstörung von Wertesystem und Weltanschauung des Islams.

Literatur:
Kügelgen, A. v.: Averroes & die arabische Moderne. Ansätze zu einer Neubegründung des Rationalismus im Islam, 1994. – Leaman, O./Nasr, S. H. (Hg.): A History of Islamic Philosophy, 1993. – Rudolph. U.: Islamische Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 2004.

Autor/Autorinnen:
Christian Szyska, M. A., Bonn, Orientalistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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