Revolution

(arab. thaura, pers. enqelāb, türk. inkilap). Die Bezeichnung greift im Kontext der islam. Welt sehr weit und schließt auch Befreiungs- und Unabhängigkeitsbewegungen ein. In diesem Sinne werden so unterschiedliche Ereignisse wie die Mahdi-­Bewegung im Sudan des 19. Jh., die ʿUrābī-­Revolte in Ägypten, der Sieg der Jungtürken (1908), die Unabhängigkeitsbewegungen in Ägypten (1919), Irak (1920) und Syrien (1925 – 1927), der Befreiungs­krieg in Algerien (ab 1954) oder die Protestbewegungen in Palästina als R. verstanden. Im engeren Sinne sind R. erfolgreiche, schnelle, oft mit Gewalt einhergehende und tiefgreifende Umwälzungen im gesellschaftlichen und polit. System eines Landes. Sie sind von Staatsstreichen, Revolten und Aufständen zu unterscheiden, die entweder frühzeitig scheitern oder nur oberflächliche Veränderungen mit sich bringen. Paradebeispiele für R. liefert Iran mit der Verfassungsrevolution von 1905 – 1911 und der «Islam. R.» von 1979. Schwieriger sind histor. Zäsuren einzuordnen, die zwar nicht alle obigen Merkmale erfüllen, aber dennoch im histor. Gedächtnis als R. wahrgenommen werden und zur Identitätsstiftung beitragen, wie der Staatsstreich Nassers in Ägypten von 1952. In vielen islam. Ländern wird der Begriff «R.» inflationär gebraucht und ist oft integraler Bestandteil der Propaganda eines Regimes, ob es sich um die «Weiße R.» Mohammad Reza Shāhs in Iran der 1970 er Jahre oder den «Revolutionsführer» Gaddafi in Libyen handelt. Kommunist. R. waren 1944 in Albanien und 1969 im Süd-­Jemen erfolgreich. Die Iran. R. von 1979 gilt bisweilen als Idealtypus einer islam. R., wobei häufig übersehen wird, dass die ursprüngliche Basis der R. wesentlich breiter war und ihr Erfolg auf der Einbindung säkularer, liberaler und linker Kräfte beruhte. Bedenklich ist auch der Versuch, die Entwicklungen in Afghanistan seit 1978 als «islam.» R. einzuordnen.

Literatur:
Gerber, H.: Islam, Guerilla War, and Revolution, 1988. – Munson, H.: ­Islam and Revolution in the Middle East, 1988. – Alianak, S. L.: The transition towards revolution and reform. The Arab Spring realised?, 2014.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Christoph Werner, Universität Marburg, Iranistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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