Stamm

wichtige soziale Einheit in zahlreichen Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens. Die Einordnung ethnischer Gruppen in Stammesverbände geht häufig mit nomad. oder teilnomad. Lebensformen einher, dennoch ist Nomadismus kein notwendiges Merkmal für tribale (stammesgemäße) Organisationsformen, wie Beispiele sesshafter S. aus dem Jemen und Afghanistan zeigen. Zu den Merkmalen eines S. gehören: Berufung auf einen gemeinsamen Stammvater, eine hierarch. aufsteigende Gliederung in Haushalten, Familien und Clans, Bindung an ein Siedlungsgebiet, gemeinsame kulturelle Traditionen (Brauchtum, Dialekte) sowie polit. Einheit nach außen. Einzelne S. bilden häufig größere Konföderationen, die dann auch sprachliche und kulturelle Unterschiede umfassen können. Der vage Begriff «S.» sollte nicht pauschal auf größere ethnische Gruppen (z. B. Kurden, Turkmenen) angewandt werden, die zwar sprachlich und kulturell, aber in der Regel nicht polit. eine Einheit bilden. Das Verhältnis zwischen Stämmen und zentralem Staat ist nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart vieler moderner Staaten des Vorderen Orients von Spannungen und wechselseitiger Durchdringung geprägt.

Literatur:
Khoury, P./Kostiner, J. (Hg.): Tribes and State Formation in the Middle East, 1990. – Franz, K. (Hg.): The Arab East and the Bedouin component, 2015.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Christoph Werner, Universität Marburg, Iranistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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