Schriftbesitzer

(arab. ahl al-­kitāb, «Leute des Buches»), koran. ­Bezeichnung für Angehörige des Judentums und des Christentums als monotheist. Religionen mit Offenbarungsschriften (Thora, Evangelium, Bibel); später wurden dazu bisweilen auch Zoroastrier (Parsen) und Sabier/Sabäer gezählt. Die Annahme der Gleichursprünglichkeit der Heiligen Schriften schuf den S. – ­innerhalb der islam. Gemeinwesen meist Minderheiten – eine rechtliche und soziale Sonderstellung: Während gänzlich Ungläubige bzw. die, «die Gott etwas beigesellen» (arab. mushrikūn), bekämpft werden sollten (Jihad), wurden die S. bei Entrichtung einer bestimmten Steuer als sog. dhimmīs («Schutzbefohlene» der islam. Gemeinschaft) geduldet (Toleranz), durften ihre Religion behalten und ausüben sowie Eigentum haben. In den modernen, seit dem 19. Jh. weitgehend säkular organisierten Staaten der islam. Welt spielt der S.-Status meist nur noch dort eine Rolle, wo Scharia-­rechtliche Bestimmungen nicht von säkularem Recht abgelöst wurden, insbesondere im Personenstandsrecht (Ehe). In anderen Bereichen trat an die Stelle der Religionszugehörigkeit die Loyalität gegenüber dem Nationalstaat, aus tolerierten S. wurden gleich­berechtigte Staatsbürger. In Staaten mit betont islam. Ausrichtung (Iran, Saudi-­Arabien u. a.) sowie in Entwürfen für dezidiert «islam.» Gemeinwesen ist die S.-Idee wieder bzw. noch immer für die jurist. Behandlung von Juden und Christen relevant.

Literatur:
Ye’or, B.: The Dhimmi. Jews and Christians under Islam, 1985.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Stephan Guth, Universität Oslo, Islamwissenschaft, Orientalische Philologie, Begriffsgeschichte

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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