Sexualität

gilt in ihrer religiös legitimierten Form innerhalb der Ehe im islam. Kulturkreis als Recht des Menschen und Geschenk Gottes, dessen Wonnen eine Vorstellung vom Paradies geben. Die umfangreiche klassisch-­arab. Erotologie (u. a. Ibn Ḥazm, 994 – 1063) preist die Jugend und bietet Rezepte gegen das Nach­lassen der Manneskraft im Alter. Zeitweilige Enthaltsamkeit wird während des Fastens, der Menstruation und der Pilgerfahrt geübt, zölibatärem Leben erteilte der Prophet Muḥammad aber eine deutliche Absage. Gleichgeschlechtliche S. gilt als Verstoß gegen die göttliche Schöpfung, die Mann und Frau als sich ergänzendes Paar geschaffen hat. Weibliche S. wird als potentiell zerstörerisch verstanden; damit sie nicht, unbefriedigt und unkontrolliert, die göttlichen Regeln menschlichen Miteinanders verletzt, hat die Ehefrau ihrem Mann gegenüber Anspruch auf sexuelle Befriedigung. Dem erot. fordernden Blick fremder Männer wird durch den Schleier Einhalt geboten. – Dieser idealtyp. Ordnung stehen vielfältige Realitäten gegenüber. Männliche und weibliche Homosexualität und Prostitution finden sich trotz gesellschaftlicher Ächtung auch in islam. geprägten Ländern. Jugendliche haben durch die Trennung der Geschlechter, soziale Kontrolle und die große Bedeutung der Jungfräulichkeit kaum Gelegenheiten, Er­fahrungen mit dem anderen Geschlecht zu sammeln, und sind, wenn sie aus finanziellen Gründen nicht heiraten können, oft zum Zwangszölibat verdammt. Die schiit. Praxis der mutʿa, einer zeitlich begrenzten «Genuss»ehe, ist in Iran nach der Revolution wieder populär geworden, wird aber von sunnit. Muslimen meist vehement abgelehnt.

Literatur:
Bouhdiba, A.: Sexuality in Islam, 1985. – Chebel, M.: Encyclopédie de l’amour en Islam, 1995. – Ibn Hazm al-­Andalusi: Von der Liebe und den Liebenden, 1995. – Breuer, R.: Liebe, Schuld und Scham. Sexualität im Islam, 2016.

Autor/Autorinnen:
Katharina Boehm, M. A., Bamberg, Arabistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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