Schicksal

(arab. qadar, türk. kismet, «das Zugeteilte») ist dem islam. Verständnis nach nie blindes Fatum, sondern immer das dem Menschen von Gott zugeteilte Los. Die mit dem Glauben an die Allmacht Gottes einhergehende Überzeugung von der Vorherbestimmtheit allen Geschehens durch den Willen Gottes bot und bietet zwar vielfach Raum für fatalist.-passives Verharren im scheinbar Unabänderlichen, doch ist ein solches Verhalten keinesfalls wesenhaft islam. Schon die Theologie des 8. und 9. Jh. stellte neben die göttliche Prädestination die Verantwortlichkeit des Menschen für seine Handlungen. Der Theologe al-­Ashʿarī (gest. 935/36) vereinte beides durch den Gedanken der «Aneignung» (arab. kasb): Gott erschafft nicht nur sämtliche Handlungen im Voraus, sondern legt im Menschen auch die Möglichkeit an, denselben zuzustimmen oder sie abzulehnen; so eignet sich der Mensch seine Handlungen selbst an, tut dabei aber niemals etwas, was nicht auch schon gottgewollt wäre. Modernere Theologien wie etwa der Reformislam eines Muḥammad ʿAbduh halten die Handlungsfreiheit und Verantwortlichkeit des Menschen für selbstverständlich, weil von sich aus evident, und kritisieren ein fatalist. Hinnehmen von Unrecht und Missständen. Indem sich die Erhebungen des «Arab. Frühlings» den ersten Vers eines berühmten Gedichts aus der Feder des tunes. Nationalpoeten Abū al-­Qāsim ash-­Shābbī (1909 – 1934) aufs Banner schrieben – «Wenn das Volk eines Tages das Leben einfordert, muss das Schicksal das gewähren» –, wandten sie sich ausdrücklich gegen ein passives Hinnehmen von Unrecht als unabänderliches «S.».

Literatur:
Schoen, U.: Determination und Freiheit im arabischen Denken heute, 1976.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Stephan Guth, Universität Oslo, Islamwissenschaft, Orientalische Philologie, Begriffsgeschichte

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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