Tanz

In der islam. Welt existieren sehr unterschiedliche Formen von strukturierten Bewegungsabläufen zu Musik, welche von den Ausführenden selbst nicht immer als T. bezeichnet werden. Im religiösen Ritus ist T. nur in der Mystik vertreten, wo er bei einigen Bruderschaften ein konstituierendes Element des Dhikr darstellt. Im einfachsten Fall handelt es sich dabei um ein rhythm. Beugen des Oberkörpers. Der sog. «T. der Derwische» im Maw­la­wīya-­Orden besteht aus einem Drehen des Körpers um die eigene Achse, wobei der linke Fuß fest mit dem Boden verbunden bleibt und der rechte Fuß übertritt. Dabei ist die rechte Hand nach oben gerichtet, während die linke zur Erde zeigt, um Empfang bzw. Weitergabe zu symbolisieren; der Kopf ist leicht nach links zur Seite ­geneigt. Begleitende Instrumente sind Rahmentrommeln oder paar­­weise Kesseltrommeln und Becken, seltener Flöte oder andere Me­lodieinstrumente. Heute kann man diese Tänze losgelöst aus ihrem funktionalen Rahmen auch als reine Vorführungen in Konzerthallen oder Restaurants betrachten. Die Erscheinungsformen des T. in der Volksmusik sind sehr heterogen, doch finden sich in fast allen Regionen stilisierte Schwert- oder Stocktänze, welche zumeist von Männern ausgeführt werden. Gruppentänze treten nahezu überall in Form von Kreis- oder Reihentänzen auf, getanzt von Männern wie auch von Frauen und oft durch Singen, Klatschen und Stampfen begleitet. In vielen Regionen vom Balkan bzw. Nordafrika bis nach Pakistan ist die charakterist. Zusammensetzung von Trommel und Oboe bei der Tanzbegleitung zu finden. T. spielt darüber hinaus eine wichtige Rolle bei Besessenheits- und Heilungsritualen. Besonders in Südostasien bildet er ein wichtiges Element im Theater, typisch sind hier Tanzdramen und Maskentänze. T. als künstler. Darbietung in der Unterhaltungskultur betrifft v. a. den Einzeltanz von Frauen. Hier sind zwei große Stilregionen voneinander zu unterscheiden. Tanzvorführungen in Südostasien werden mit stark stilisierten und verhaltenen Bewegungen ausgeführt. Durch eine dichte Symbolik in der Choreographie werden narrative Zusammenhänge tänzer. dargestellt. Charakterist. für den Nahen Osten ist der sog. Bauchtanz, der allerdings diesen Namen nur im Westen trägt und in seinen Herkunftsländern als «oriental. T.» bezeichnet wird. Die heute bekannten Darbietungsformen entwickelten sich aus dem Repertoire der Tänzerinnen des frühen 20. Jh., nicht unbeeinflusst von europäischem und nordamerikan. Geschmack, wo der oriental. T. als Opposition zu bürgerlichen Moralvorstellungen großen Anklang fand und in Opern und Hollywoodfilmen verarbeitet wurde. Beim Tanzen werden fast alle Körperteile bewegt, charakterist. jedoch ist eine unabhängige Bewegung der oberen und unteren Körperhälfte, so dass der Bewegungsschwerpunkt jeweils nur auf einem Teil des Körpers liegt. Das wichtigste Begleitinstrument ist die Trommel. Tänzerinnen beherrschen ein je nach Aufführungsort und -gelegenheit ausgerichtetes vielfältiges Repertoire. In Kairo gibt es inzwischen eine erste Gewerkschaft für professionelle Tänzerinnen. Heute ist oriental. T. als Bestandteil von privaten Feiern, Showeinlage in Restaurants sowie als Bühnen-­Performance zu sehen.

Literatur:
Henni-­Chebra, D./Poché, C. (Hg.): Les danses dans le monde arabe ou l’héritage des almées, 1996. – Stohrer, U.: Barʿa. Rituelle Performance, Identität und Kulturpolitik im Jemen, 2009.

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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