Theologie

die wissenschaftlich-­systemat. Durchdringung der Lehre von Gott, d. h. im Islam konkret die umfassende Ausdeutung der Inhalte des Glaubensbekenntnisses. Histor. trat die ­islam. T. als Disziplin in Form des kalām (arab. «Rede, Logos») auf den Plan, d. h. jener apologet. Dogmatik, die sich seit dem 8. Jh. die antike Kunst des dialekt. Disputs aneignete, um damit bestimmte Glaubens- (und mit diesen verschränkte polit.) Positionen zu untermauern bzw. zu diskreditieren. Dabei ging es v. a. um die «Einsheit» (T. Nagel) Gottes. Dazu gehörte die Frage nach dem Verhältnis von Gottes Wesen zu seinen Attributen sowie nach deren ontolog. Status ebenso wie das Problem der Interpretation von Koranversen, in denen es scheint, als müssten Gott menschliche Züge zugeschrieben werden. Weitere theolog. Probleme waren die Vereinbarkeit von allumfassender göttlicher Vorherbestimmung und menschlicher Handlungsfreiheit (Schicksal) sowie die Vereinbarkeit von universaler Güte Gottes (Gnade) und seinem Zulassen sündigen Handelns (und dessen Bestrafung am Jüngsten Tag). Gegenüber der zwischen dem 8. und 9. Jh. blühenden T. der Muʿtazila, die die Erkenntnisfähigkeit und Spekulationskraft der menschlichen Ratio betonte, setzte sich in der Folgezeit eine sich wieder stärker an die Offenbarung und den Hadith haltende Richtung durch (Sunna), insbesondere seit al-­Ashʿarī (gest. 935/36) diese «Orthodoxie» mit dem Panzer des kalām bewehrt hatte. Gelang ihm damit die Verbindung zwischen rationaler Argumentation und Autoritätsgläubigkeit, so glückte ein knappes Jahrhundert später al-­Ghazzālī (1058 – 1111) die Synthese zwischen intuitiver, leben­diger Gotteserfahrung nach Art der Mystik und orthodoxer, wissenschaftlich-«trockener» Gotteserkenntnis nach Art der Scholastiker in der Ashʿarī-­Nachfolge. Im 13. und 14. Jh. fand – nach zuvor erfolgtem Austausch mit der islam. Philosophie – die von dem Mystiker Ibn alʿArabī (1165 – 1240) ausformulierte theosoph. Lehre von der «Einsheit des Seins» (arab. waḥdat al-­wujūd) weite Verbreitung; sie versteht Welt und Mensch neuplaton.-monist. als Erscheinungen der Eigenschaften Gottes. Besonders auch wegen der damit einhergehenden Heiligenverehrung wurden diese Ideen heftig kritisiert von Ibn Taimīya (gest. 1328), an dessen «fundamentalist.» Konzept einer Rückkehr zum (idealisierten) Islam der Frühzeit viele neuere T. (zumindest verbal) anknüpfen. – Der deutsche Sprachgebrauch versteht unter T. heute gerne in einem weiteren Sinne auch die Lehre von einer den religiösen Grundsätzen gemäßen Lebensführung und Welteinrichtung und dehnt den Begriff beim Reden über den islam. Raum dabei oft auch auf das islam. Recht aus: Wer von «islam. Theologen» spricht, meint häufig ­eigentlich Rechtsgelehrte (Gelehrte). Die islam. Terminologie trennt jedoch deutlich zwischen T. und Jurisprudenz; für das Recht spielt die T. allenfalls dort eine Rolle, wo es um dessen philosoph.-ethische Fundierung geht. – Zu modernen T. im weiteren Sinne (d. h. religiös begründeten Entwürfen einer Neuordnung von Politik und Gesellschaft): ʿAbduh, Muḥammad, Reform­islam, Schiiten. Zu anderen nichtsunnit. T.: Ahl–i Ḥaqq, Aleviten, Bahāʾī, Yeziden. – Zeitgenöss. islamist. Ideologien lassen im Allgemeinen eine Auseinandersetzung mit im eigentl. Sinne theolog. Fragestellungen vermissen.

Literatur:
Nagel, T.: Geschichte der islam. Theologie. Von Mohammed bis zur Gegenwart, 1994. – Berger, L.: Islamische Theologie, 2010.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Stephan Guth, Universität Oslo, Islamwissenschaft, Orientalische Philologie, Begriffsgeschichte

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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