Wirtschaft

Seit Mitte des 20. Jh. haben sich als Alternative sowohl zum westlich-­kapitalist. Wirtschaftsmodell als auch zum Sozialismus Ideen von einer «islam. Wirtschaftsordnung» herausgebildet, die sich auf die Grundlagen der Scharia stützen. Ziel ist die Errichtung einer «gerechten Ordnung», in der das Wohl des Einzelnen in Übereinstimmung mit dem Wohl der islam. Gemeinschaft im Vordergrund steht und extreme soziale Ungleichheiten abgeschafft sein sollen. Wesentliche Voraussetzung einer solchen islam. Wirtschaftsordnung ist der Verzicht auf Zinsen und die Schaffung eigener Finanzinstitutionen, in erster Linie Banken. Privat­eigentum, auch an Produktionsmitteln, und wirtschaftlicher Wett­bewerb sind aber wie im kapitalist. Wirtschaftssystem Bestandteil einer solchen Wirtschaftsordnung. In der Praxis sind solche islam. Wirtschaftsmodelle nicht zuletzt aufgrund der immer weiterreichenden internationalen ökonom. Verflechtungen kaum umsetzbar. Die Staaten der islam. Welt weisen höchst unterschiedliche Wirtschaftsstrukturen auf. Wirtschaftsstarken Staaten wie Malaysia und den ölreichen Ländern am Golf stehen solche mit extremer Armut wie Afghanistan, Bangladesh oder der Jemen gegenüber. Ihre Ökonomien kranken in der Regel an einer schwach entwickelten Industrialisierung, leiden unter extrem unausgewogenen Handelsbilanzen, einem unzureichenden und nicht auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes zugeschnittenen Ausbildungssystem bei gleichzeitiger Abwanderung qualifizierter Fachkräfte («brain-­drain»). Die ölreichen Staaten der Arabischen Halbinsel haben in den letzten Jahren intensive Bemühungen unternommen, um ihre wirtschaftliche Abhängigkeit vom Rohstoff Öl zu reduzieren. Dennoch wirkt sich der Verfall des Ölpreises auf dem Weltmarkt negativ auf die staatliche Leistungsfähigkeit und insbesondere Wohlfahrtsleistungen aus und sind infolgedessen chronisch abhängig von westlichem know-­how. Die tiefgreifenden Veränderungen, die der europäische Kolonialismus für die nationalen Ökonomien gebracht hat, gehören mit zu den Ursachen dieser Misere. Die reichen Ölstaaten der Arab. Halbinsel verfügen zwar über einen auf dem Weltmarkt höchst begehrten Rohstoff, waren aber bislang nicht in der Lage, nationale Ökonomien aufzubauen, die sich nicht in erster Linie auf diese Ressource stützen. Der Iran als weiterer ölreicher Staat verfügt zwar über einen stärker entwickelten Industriesektor als die arabischen Staaten am Golf, leidet aber stark unter den 2006 gegen ihn verhängten internationalen Sanktionen, die nun seit Anfang 2016 sukzessive aufgehoben werden, sowie unter einer korruptions­geschüttelten Wirtschaftsstruktur. Im Gegenteil sind hier Rentierökonomien entstanden, die auf das Engste an die Entwicklung des Ölpreises gebunden sind. Auch Länder, die zwar nicht über Erdöl verfügen, aber Fachkräfte als Gastarbeiter in die Ölstaaten schicken, haben (im Gegensatz zu Produktionsstaaten) Rentierökonomien hervorgebracht.

Literatur:
El Ashker, A./Wilson, R.: Islamic economics. A short history, 2006. – Schuss, H.: «Wirtschaft und Islam», in Brunner, R.: Islam. Einheit und Vielfalt einer Weltreligion, 2016, 452 – 462.

Autor/Autorinnen:
Dr. Renate Dieterich, DAAD Bonn, Orientalistik

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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